Keine Antisemitismuskritik ohne Israelkritik – Wie eine Dokumentation über Antisemitismus den deutschen Zeitgeist vorführt: Ein Rückblick

18/07/2017

Von Gumbel

Es war eine Posse in drei Akten um die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ und zugleich ein Lehrstück wie heutiger Antisemitismus und seine Abwehr im „hellen“ Deutschland funktionieren. Zudem offenbarte es im Land des „verwalteten Sachverstands“ (Wolfgang Pohrt), dass (vermeintliche) Experten[1] nur dann Sendeberechtigung haben, wenn sie dem Diskurs genehm sind, d.h. diese Einübung gegenseitiger geistiger Verelendung wo Kritik mit Konformität verwechselt wird, eben als solche infrage stellen oder sich nicht daran beteiligen wollen. Hinzu kommt noch die Ebene eines „liberalen Populismus“ (Bernd Stegemann), bei welchem die hierbei auftretenden Herrschaftsverhältnisse im Kampf um die Deutungshoheit verschleiert werden sollen und auf die am Ende nochmals gesondert eingegangen wird.

Erster Akt: Formal gegen Antisemitismuskritik

  Doch von Beginn an: Die Dokumentation von Joachim Schroeder und Sophie Hafner war von den öffentlich-rechtlichen Sendern Arte in Auftrag und vom WDR produziert worden.[2] Als die Dokumentation nach ihrer Fertigstellung nun ausgestrahlt werden sollte, verweigerte Arte dies mit der ersten Begründung, dass die beiden genannten Regisseure formale Verstöße gegen die vertraglich festgehaltene Vereinbarung gemacht hätten. Darunter zählte u.a., dass die Dokumentation den Antisemitismus in Europa, „[…] namentlich in Norwegen, Schweden, Großbritannien, Ungarn, Griechenland, Frankreich und Deutschland“[3] behandeln sollte und der Fokus auf den Nahen Osten, insbesondere auf Israel, dementsprechend als inakzeptabel einzustufen sei. Auch der WDR verweigerte im Anschluss vorerst die Ausstrahlung, anfangs mit Verweis auf Arte.

  Bereits an dieser Stellungnahme sowie den nachfolgenden lässt sich bereits erahnen, welcher Geist in den Arte– und WDR-Redaktionsstuben gleichermaßen vorherrscht: Die strikte Trennung zwischen Europa und dem jüdischen Staat, denn das eine ist Antisemitismus, das andere Antizionismus. Von Interesse war dementsprechend für die Redaktionen nicht, dass die dargestellten Gestalten in den 90 Minuten gerade in Europa immer wieder über die Vernichtung Israels fabulierten, im Palästinafahnenmeer marschierten und von selbst antisemitische Ressentiments auf den jüdischen Staat münzten, was den Blick notwendigerweise weg von Europa hin zum Nahen Osten für die Dokumentation verschieben musste, um der antisemitischen Internationale auf die Spur zu kommen. Das Material spricht an dieser Stelle für sich.

  Vielmehr zeigt sich an dieser Begebenheit zu Anfang der ganzen Scharade, wie sehr man selbst kräftig immer wieder an der Delegitimierung Israels in der Vergangenheit in verschiedenen Sendeformaten mitgewirkt hatte, die bei einer inhaltlichen Auseinandersetzung mehr als offensichtlich geworden wären. Nicht umsonst wurde ein Wust an formalen Gründen vorgeschoben, um die eigene Zusage für die Dokumentation zurückziehen zu können. Das kann auch nicht verwundern, wenn man einen Blick auf den Entstehungsprozess der Dokumentation wirft.

  Diese stieß bereits bei ihrer erstmaligen Präsentation auf größere Widerstände innerhalb von Arte, denn bereits 2014 hatte Joachim Schroeder dem Sender ein derartiges Filmprojekt angeboten, welches schließlich 2015 nach dem Massaker in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo sowie den Morden im koscheren Supermarkt von Arte abgelehnt wurde. Der Hartnäckigkeit Schroeders ist es zu verdanken, dass die Dokumentation doch noch zustande kam. Er hatte dazu ein verändertes Filmprojekt eingereicht, welches in den zuständigen Gremien eine knappe Mehrheit fand.[4] Dabei drückten eben jene Entscheidungsträger Schroeder aber eine Anzahl von Bedingungen auf, wie er selbst verlauten ließ:

„Der Film müsse das Thema ‚ergebnisoffen‘ angehen. Und ich müsse Verständnis dafür haben, dass dies gerade für Arte in Frankreich eine sensible Sache sei, weil man dort zwischen islamischer und jüdischer Lobby eingezwängt sei.“[5]

An dieser Stelle kombinieren sich antisemitische Versatzstücke mit den Freuden des postmodernen Meinungspluralismus. Ersteres, wenn von einer jüdischen Lobby geraunt wird. Damit das antisemitische Stereotype dann nicht so auffällt oder anders gesagt man dieses versucht zu umgehen, wird in Bester Wolfgang Benz – Manier dem Ganzen noch die „neuen Juden“, die islamische Lobby, gegenübergestellt. Darüber war zugleich der Beweis erbracht, dass die so genannte Islamophobie[6] auf einer Stufe mit Antisemitismus stand. Solch eine Denke verträgt sich auch hervorragend mit Zweiteren, wo kein Anspruch mehr auf Wahrheit, sondern einer auf Identität und damit einhergehend subjektiven Erfahrungen erhoben wird, was zugleich mit der Absage an Individualität sowie Universalität bei gleichzeitiger Zusage an Kollektiv und Partikularismus korrespondiert. Das meint „ergebnisoffen“, was letztlich ein Synonym für Gegenaufklärung ist.[7] Damit lässt sich auch zwischen einem europäischen Antisemitismus und dem Nahen Osten trefflich und chirurgisch präzise unterscheiden, schließlich sind (europäische) Juden und Israelis nicht das gleiche, denn der jeweilige Erfahrungshorizont ist bereits nach dieser Lesart ein unterschiedener. Dementsprechend kann es sich gleichsam nicht in beiden Fällen um Antisemitismus handeln, was gerade der verschiedene Erfahrungshorizont suggeriert. Das heißt nichts anderes, dass in Bezug auf Israel hier kein Antisemitismus, sondern „Israelkritik“ oder Antizionismus gegeben ist.[8] Unter diesen Voraussetzungen ist es eher erstaunlich, dass Schroeder mit seinem Konzept überhaupt durchgekommen ist.

  Der dann doch plumpe Versuch,[9] die Zusage der Ausstrahlung zurückzuziehen, erntete völlig zurecht scharfe Kritik. Insbesondere Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, gab seinem Unverständnis Ausdruck, warum ein Film nicht gezeigt werde, wenn nur formale Gründe gegen ihn sprechen würden. Im Umkehrschluss heißt das nichts anderes, warum es ein Problem darstellt, eine Dokumentation über Antisemitismus auszustrahlen, wenn es keine inhaltlichen Bedenken dagegen gibt, woraus er durchaus zutreffend den Hinweis auf Zensur gab. Damit entlarvte Schuster, dass es eben nicht formale Gründe sein konnten, weswegen die Dokumentation nicht gezeigt wurde. Vielmehr zeigten die Reaktionen der Verantwortlichen bei Arte und WDR, dass sie ein Problem mit der inhaltlichen Ausrichtung hatten. Dem entspricht auch die Antwort auf Schusters Kritik, in welchem Alain Le Diberder, seines Zeichens Vorsitzender der Programmkonferenz, erneut in der Formalienkiste wühlt sowie sich zugleich vehement gegen den Zensurvorwurf wehrt. Nachdem das erste Kartenhaus zusammengebrochen war, baute er einfach ein weiteres. Das liest sich dann folgendermaßen:

„Wir können nicht akzeptieren, dass ein Produzent und Autor eigenmächtig und ohne Absprache mit Arte versucht, sein Sujet frei zu wählen.“[10]

Zugleich, was den Weg in den Zweiten Akt ebnet, diktierte Le Diberder bereits Antisemitismusverstehern in der deutschen Medienlandschaft ins Stammbuch, dass es sich dabei um „[…] Verfahrensentscheidungen [handle], die die editoriale Qualität und Verantwortung sicherstellen.“ Das klingt verdächtig nach dem UNRWA-Mitarbeiter in der Dokumentation, der auf die Frage, wo das Geld abgeblieben sei, komplizierte Mechanismen verantwortlich macht. Anscheinend sind auch bei Arte die Verfahrenentscheidungen so komplex, dass auch Le Diberder das Immergleiche stammeln muss. In diesem Zusammenhang darf die eigene Immunisierung nicht fehlen: Arte habe sich „[…] wie kaum ein anderer Sender in Europa der Aufklärung über und dem Kampf gegen Antisemitismus und Antizionismus verschrieben.“ Davon zeugen vor allem das Gros an Dokumentationen, welche den Wahn von Fatah und Hamas als „palästinensischen Widerstand“ verniedlichen bei gleichzeitiger Dämonisierung des jüdischen Staates.

  Daneben scheiterte Schroeder während der Auseinandersetzung mit Arte beim WDR, der sich in bester Manier gleichsam auf die Form zurückzog. Jörg Schönenborn, Fernsehdirektor des WDR, verwies lapidar darauf, dass der Sender nicht zuständig sei bei gleichzeitiger Unterstützung für die Entscheidung von Arte. Anscheinend muss Schönenborn entfallen sein, dass der WDR Produzent war. Es ist halt kompliziert.

Zweiter Akt: Das deutsche Feuilleton schreitet zur Tat

  Während die Schlacht um Formalia noch tobte, schaffte die BILD einfach Fakten, indem sie sich ganz in ihrem Sinne als Tabubrecherin inszenierte und eine fast fertige Version der Dokumentation zeigte.[11] Zudem gab es kurz darauf ebenfalls mehrere Versionen auf verschiedenen Videoportalen zum Anschauen.

  Das eröffnete zugleich das Feld für die geballte Beistehung der deutschen Medienlandschaft für Arte und WDR. Egal war bereits zu diesem Zeitpunkt, dass sich mehrere Antisemitismusforscher für die Dokumentation ausgesprochen hatten, darunter Michael Wolffsohn. Aber im Land der Experten zählen diese nur, wenn sie dem Zeitgeist entsprechen und sich vor allem als Teil des Diskurses verstehen. Und gerade bei Wolffsohn ist selbst das kein Garant dafür, wenn es gegen Juden geht, gehört zu werden.

  Dementsprechend fielen dann auch ein Gros der Kritiken aus. Exemplarisch dafür der Artikel Arno Franks im Spiegel, jenem Blatt für Regression, was u.a. Trump im antiamerikanischen Wahn mal eben mit islamistischen Schlächtern auf einem der letzten Titelbilder gleichstellte. Wieder wurde die bereits bekannte Litanei über formale Gründe und vor allem „handwerkliche Fehler“ vorgetragen.[12] Bereits die Überschrift „Mit Elan ins Minenfeld“ lässt bereits erahnen, was einem in den nächsten zwei Minuten Lesen erwartet: Antisemitismus ist eine Sache, die außerhalb des Zeitraums 1933-1945 anscheinend schwierig nachweisbar bleibt, vor allem beim angeblich neutralen Faktencheck. Verbunden wird dies mit einem jammernden Ton darüber, dass die Dokumentation sich nicht an die üblichen liberalen Diskursregeln hält oder anders gesagt, eben nicht ergebnisoffen ist.

  Aber gerade die Weise, dass die Dokumentation nicht im typisch deutschen, d.h. Guido-Knopp-Style im ZDF-Info-Dokuformat mit dem moralinsauren Zeigefinger um die Ecke kommt, sondern polemisch zuspitzt und damit die Antisemiten jeglicher Couleur einfach lächerlich macht, ist sie nicht nur sehenswert, sondern hat einen aufklärerischen Gehalt.

  Doch es ist nicht nur die Vertretung eines Standpunktes ohne Anbiederung, mit welchem man hierzulande im Land der unbegrenzten Meinungsmöglichkeiten ein Problem hat. Es ist vielmehr der Umstand, dass Juden in den 90 Minuten durchweg gut wegkommen.

  Dieser Umstand ist auch Arno Frank aufgefallen, zumal die Antisemiten einfach zu ordinär antisemitisch sind, als das man den Opfern dafür nicht doch noch eine Mitschuld geben könne:

„Auch fällt auf, dass der Film sich seine Schurken nicht suchen muss. Sie fallen ihm in den Schoß. Ausnahmslos alle Araber grinsen provokante Fragen orientalisch weg oder geben unkommentiert entsetzlichen (eben: antisemitischen) Quark von sich.“

Die gesamte Enttäuschung sowie das Bedauern darüber kommt hierbei zum Ausdruck, die beispielhaft dafür stehen, dass sich in der Dokumentation eben keine Anhaltspunkte finden lassen, dass der Terror palästinensischer Gruppierungen nicht doch irgendwie gerechtfertigt erscheint. Der Hass darauf, den Juden nichts anhängen zu können, entlarvt sich schließlich in der Larmoyanz im gleichen Abschnitt, wie die Dokumentation mit den vorgestellten Israelis verfährt:

 „In seine Helden dagegen ist der Film so verliebt, dass er sie spürbar anschmachtet. Da ist dann der greise zionistische Untergrundkämpfer ‚ein Urgestein‘, der jüdische Gendarm ‚eine Legende‘.“

Das beide ein hohes Verdienst mit darin haben, dass der jüdische Staat sich zum Einen konstituieren konnte und sich zum Anderen verteidigen kann, ist deutschen Israelfreunden, wie Arno Frank einer ist, schon immer suspekt gewesen. Die Wehrhaftigkeit des einzig bürgerlich-demokratischen Staates in der Region geht eben nicht mit deutscher Friedfertigkeit und Buse zusammen.

  Aber da Arno Frank ein Vertreter des Diskurses ist, kommen nach der Schelte die guten Ratschläge:

  „Es ist von keinem richtigen Journalisten zu verlangen, über gezielten Hass und traditionelle Dummheit ‚ausgewogen‘ zu berichten. Er sollte dann aber nicht fahrlässig Lücken lassen, durch die der Zweifel einsickern kann. Was stimmt, das muss auch sitzen. Seine Unschärfen sind es, mit denen der Film im Eifer des Gefechts seine eigene Haltung schwächt. Deshalb ist es kein Verdienst, dass diese Dokumentation nun über Umwege doch gezeigt wurde. Mit ein wenig mehr Arbeit hätte sie wesentlich mehr Wucht entfalten können.“

Erst muss den Regisseuren aufgrund der so genannten „handwerklichen Fehler“ ihr eigenes Metier erklärt werden. In bester aufklärerischer Verve kommt der Hinweis auf Lücken, als wären Antisemiten oder Verschwörungstheoretiker mit solch einer Dokumentation zu erreichen. Wäre die Dokumentation ergebnisoffen gewesen, wäre solch ein Hinweis wohl nicht erfolgt. Natürlich kommt das alles nicht ohne die obligatorische Eigenabsicherung im letzten Satz zum Ausdruck, denn eigentlich ist man ja auf der Seite der Regisseure. Wenn Deutsche etwas aus der Geschichte gelernt haben, dann ihre Mahnerrolle, in welcher jedes Nachtreten als konstruktive Kritik geadelt wird.

Dritter Akt: Merke, Antisemiten sind die ersten Ansprechpartner zu Antisemitismus

  Wie in Deutschland üblich, fehlte nach dem Raunen in der deutschen Presselandschaft noch der Abschluss per Talkshow. Und ebenso üblich in Deutschland, dass Meinungspluralität mit Ideologie als interessantes Missverständnis verwechselt wird, saßen schließlich am 21. Juni, nachdem die Dokumentation nun auch bei ARD gezeigt wurde, bei Maischberger neben Wolffsohn und Ahmad Mansour, die als Fürsprecher der Dokumentation auftraten, noch die üblichen Verdächtigen: Norbert Blüm, dem bereits vom Zentralrat der Juden eine antisemitische Denke attestiert worden ist, Gemma Pörzgen, die der Dokumentation eine „propagandistische Linie“[13] vorwarf, Rolf Verlerger, der Alibi-Jude der Runde, sowie der genannte Jörg Schönenborn vom WDR.

  Dementsprechend saßen Wolffsohn und Mansour von Anfang an auf verlorenem Posten. Wie sicher man sich in der Sendung, letztlich in Deutschland fühlte, nun nochmals geballt gegen die Dokumentation unter dem Stichwort der Diskussion und „Kritik“ vorzugehen, offenbarte die Moderatorin selbst, als sie erläuterte, warum die Regisseure nicht eingeladen worden sind, da diese über ihre Dokumentation reden würden, d.h. über den Inhalt. Das überließ man dann sicherheitshalber lieber Gestalten wie Norbert Blüm, der sich nicht zu blöd war, wieder jeden Schwachsinn aus der antizionistischen Mottenkiste auszupacken. Weitaus schlimmer ist aber der postmoderne Wahnsinn und der Beitrag von Wolffsohn sowie Mansour dazu. Durch ihre Teilnahme werden Positionen wie derjenigen von Blüm, aber auch der restlichen Teilnehmer zu gleichberechtigten Meinungen erhoben, egal was diese für ideologische Ergüsse abgeben. Daran änderte auch der Umstand nichts, wie Wolffsohn den 3-D-Test für Antisemitismus mit Bezug auf Israel (Delegitimierung, Dämonisierung, doppelte Standards) vortrug und gegen Ende der Sendung genervt bei allzu offensichtlichen Bemerkungen nur noch die Worte in die Runde warf. Im Gegenteil zeigte dies die eigene Hilflosigkeit in solch einer Runde an, wo Relativismus als Diskussionskultur umgelogen wird. Dieser Relativismus, dass irgendwie alles seine Berechtigung hat, ist Gegenaufklärung par excellence. Einhergehend wird damit jeder Anspruch auf Universalismus und Wahrheit komplett negiert, denn in einer Welt voller „Möglichkeiten“, „Sichtweisen“ und „Identitäten“, die auch keine Individuen, sondern nur Kollektive kennt, ist dafür kein Platz vorgesehen. Dementsprechend ironisch mutet es dann an, dass Blüm fast unwidersprochen die Mär des „palästinensischen Widerstandes“ aufkochen konnte und ihn nur Mansour, selbst Palästinenser, in die Parade fuhr. Vom Rest der Runde, bis auf Wolffsohn, war kein Protest an Blüms Ressentiments zu vernehmen. Zuvor hatten diese natürlich pflichtbewusst versichert, inklusive Blüm, gegen Antisemitismus zu sein.[14]

Das führt zurück zum „liberalen Populismus“ Stegemanns, in welchem Herrschaftsverhältnisse im beschworenen Konsens über Sprache oder besser Sprachregeln verschwinden. Abweichungen oder die Aufkündigung des Konsens durch Kritik werden abgestraft. Nicht zuletzt am Überhören derjenigen Stimmen von Antisemitismusforschern, die das Phänomen nicht wie das Zentrum für Antisemitismusforschung quantitativ fassen, lässt sich ablesen, wie es in der heutigen Berliner Republik und ihr Verhältnis zu Israel bestellt ist. Aber die Debatte weist darüber hinaus, auf den Zustand einer Gesellschaft, in der die Freiheit des Individuums im Kapitalverhältnis als keine Errungenschaft, sondern als eine zunehmende Last angesehen wird. Und wie man sich hierzulande eine Harmonisierung von Widersprüchen vorzustellen hat, hat Auschwitz hinlänglich bewiesen.

  Wie weit dies ein Hohn ist, hatte die Sendung gewissermaßen als Schlusspunkt der Debatte nochmals vorgeführt. Vor allem hat die Posse ins Gedächtnis gerufen, wie up to date der heutige Antisemitismus in Deutschland ist und welches Verständnis hierzulande für die neuen Vollstrecker des Vernichtungswahns vorherrscht. Deutsche haben nach 1945 verstanden, nicht mehr selbst Hand an Juden anzulegen, sondern ihnen als Freunde zu begegnen, um zugleich jene zu hofieren, u.a. den Iran, die heute die Auslöschung der Juden auf ihre Fahnen geschrieben haben. Anders ausgedrückt, hätte Israel auf einen der nicht gebetenen Ratschläge von deutscher Seite gehört, würde der jüdische Staat längst nicht mehr existieren.

  Dementsprechend entlarvend war es, was diejenigen bei Maischberger meinten, als sie sich gegen Antisemitismus aussprachen. Henryk M. Broder hatte diese Form bereits 2008 konkret zusammengefasst, was an dieser Stelle auch als Schlusszitat dienen soll:

„Der Antisemitismus, über den wir immer noch am liebsten reden, stammt aus der Asservatenkammer des letzten und vorletzten Jahrhunderts. Es ist, um mit Bebel zu sprechen, der Sozialismus der dummen Kerle, die noch immer einem Phantom nachjagen. Der gewöhnliche Antisemit hat vom Gegenstand seiner Obsessionen keine Vorstellung, nur eine diffuse Ahnung. Er tobt sich aus, indem er Hakenkreuze an Bauzäune malt und ‚Juda verrecke!‘ auf Grabsteine schmiert – ein Fall für die Polizei und das örtliche Amtsgericht, nicht mehr. Niemand wird sich mit Rabauken solidarisieren, die den Arm zum Hitlergruß heben und dabei ‚Juden raus!‘ schreien. Diese Art des Antisemitismus ist hässlich, aber politisch irrelevant, ein Nachruf auf sich selbst.

Der moderne Antisemit dagegen tritt ganz anders auf. Er hat keine Glatze, dafür Manieren, oft auch einen akademischen Titel, er trauert um die Juden, die im Holocaust ums Leben gekommen sind, stellt aber zugleich die Frage, warum die Überlebenden und ihre Nachkommen aus der Geschichte nichts gelernt haben und heute ein anderes Volk so misshandeln, wie sie selber misshandelt wurden. Der moderne Antisemit glaubt nicht an die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘, dafür fantasiert er über die ‚Israel-Lobby‘, die Amerikas Politik bestimmt, so wie ein Schwanz mit dem Hund wedelt. Der moderne Antisemit gedenkt selbstverständlich jedes Jahr der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar, zugleich aber tritt er für das Recht des Iran auf atomare Bewaffnung ein. Denn: ‚Was man Israel oder Pakistan gewährt, kann man dem Iran nicht verweigern‘ – Originalton Norman Paech. Oder er dreht kausale Zusammenhänge um und behauptet, die atomare Bedrohung gehe nicht vom Iran, sondern von Israel aus – wie es Professor Udo Steinbach vor Kurzem in einer Sendung des WDR getan hat.

Der moderne Antisemit findet den ordinären Antisemitismus schrecklich, bekennt sich aber ganz unbefangen zum Antizionismus, dankbar für die Möglichkeit, seine Ressentiments in einer politisch korrekten Form auszuleben. Denn auch der Antizionismus ist ein Ressentiment, wie der klassische Antisemitismus es war. Der Antizionist hat die gleiche Einstellung zu Israel wie der Antisemit zum Juden. Er stört sich nicht daran, was Israel macht oder unterlässt, sondern daran, dass es Israel gibt. Und deswegen beteiligt er sich so leidenschaftlich an Debatten über eine Lösung der Palästinafrage, die für Israel eine Endlösung bedeuten könnte, während ihn die Zustände in Darfur, in Simbabwe, im Kongo und in Kambodscha kalt lassen, weil dort keine Juden involviert sind.“[15]


[1] Bereits der Begriff des Experten hat etwas spezifisch Deutsches, der sich ganz bewusst abhebt von dem des Intellektuellen. Eine Analyse dessen wäre eine Überlegung wert, vor allem wenn sie nicht auf akademischen Selbstzweck, sondern Erkenntnisgewinn abzielt.

[2] Vgl. Arte zeigt umstrittene Antisemitismusdoku, in: Zeit online, 20. Juni 2017, URL: http://www.zeit.de/kultur/film/2017-06/antisemitismus-doku-arte-wdr-auserwaehlt-ausgegrenzt [zuletzt aufgerufen am 28.06.2017]

[3] Arte übernimmt Programm von „Das Erste“ zur Dokumentation AUSERWÄHLT UND AUSGEGRENZT – DER HASS AUF JUDEN IN EUROPA, URL: http://www.arte.tv/sites/de/presse/pressemitteilungen/arte-strahlt-die-ard-sondersendung-zur-dokumentation-auserwahlt-und-ausgegrenzt-der-hass-auf-juden-in-europa-am-mittwoch-21-juni-um-23-uhr-aus/?lang=de [zuletzt aufgerufen am 28.06.2017]

[4] Vgl. Feuerherdt, Alex: Abgelehnte Antisemitismus-Doku: ein Armutszeugnis für Arte, 6. Mai 2017, URL: http://www.mena-watch.com/mena-analysen-beitraege/abgelehnte-antisemitismus-doku-ein-armutszeugnis-fuer-arte/ [zuletzt aufgerufen am 28.06.2017].

[5] Zitiert nach Ebd.

[6] Über den Unsinn dieses Begriffs, der sich gerade in linken Kreisen immer noch größerer Beliebtheit erfreut, siehe: Gess, Heinz: Kollektive Zwangsneurose Islam oder Straftatbestand Islamophobie, in: Kritiknetz, 2008, URL: http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Offener%20Brief%20-%20Endversion%2010.1.2010%20p.m.pdf [zuletzt aufgerufen am 17.07.2017].

[7] Zu fragen wäre bspw., was eine „ergebnisoffene“ Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg oder noch konkreter über Auschwitz bedeuten würde? Im Verbund mit dem so genannten Faktencheck ließe sich auch konsequenterweise fragen, ob Hitler überhaupt Antisemit war, schließlich hat er keinen Juden mit den eigenen Händen umgebracht. Hierbei schwingt bereits die unverkennbare Shoahrelativierung mit.

[8] Dieser ist demnach auch immer per se nicht antisemitisch, egal wie offensichtlich das antisemitische Ressentiment ins Auge fällt oder wie wenig Mühe sich die Betreffenden machen, dies zu kaschieren.

[9] Versuch an dieser Stelle deshalb, weil Arte den Film nun doch noch gezeigt hat, nicht ohne nochmals nachzutreten. Das Gleiche gilt für den WDR, der es sich bei der Ausstrahlung im Ersten nicht nehmen ließen, vorneweg noch ein Statement dranzuhängen und ständig Einblendungen an den für sie umstrittenen Stellen vornahm. Daran ist die unmissverständliche Drohung abzulesen, wer am längeren Hebel sitzt und vor allem wem die Deutungshoheit gebührt, wenn sich die Regisseure nochmals erdreisten sollten, eine derartige Dokumentation zu drehen.

[10] Zitiert nach Zentralrat der Juden fordert Ausstrahlung, in: Zeit online, 7. Juni 2017, URL: http://www.zeit.de/kultur/film/2017-06/antisemitismus-dokumentarfilm-tv-arte-zentralrat-juden [zuletzt aufgerufen am 28.06.2017]. Hierbei klingt zudem an, dass man die Regisseure an sich gar nicht für fähig hält, eine derartige Dokumentation zu drehen, als hätten sie anstatt über Antisemitismus eine über Katzen vorgelegt. Alle weiteren Zitate dem Artikel entnommen.

[11] Es fehlten u.a. Untertitel bei den eingeblendeten Sequenzen aus arabischen Fernsehsendungen.

[12] Frank, Arno: Mit Elan ins Minenfeld, in: Spiegel online, 14. Juni 2017, URL: http://www.spiegel.de/kultur/tv/umstrittene-antisemitismus-dokumentation-von-arte-und-wdr-mit-elan-ins-minenfeld-a-1152010.html [zuletzt aufgerufen am 04.07.2017]. Alle folgenden Zitate dem Artikel entnommen.

[13] http://www.daserste.de/unterhaltung/talk/maischberger/sendung/israelhetze-und-judenhass-100.html [zuletzt aufgerufen am 17.07.2017]. Eine weitere Diskussionsrunde mit teilweise fitteren Menschen, wobei die formulierte Kritik auch auf diese Sendung übertragbar ist: http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/video-umstrittene-tv-doku—diskussion-ueber-antisemitismus-100.html [zuletzt aufgerufen am 23.07.2017].

[14] Erinnert sei an der Stelle nochmals auf den Verweis auf Selbstabsicherung.

[15] Henryk M. Broder: Antisemitismus ohne Antisemiten, in: Die Welt, 20. August 2008, URL: https://www.welt.de/welt_print/article2125908/Antisemitismus-ohne-Antisemiten.html [zuletzt aufgerufen am 17.07.2017].

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