Das Elend kennt kein Ende – 15. Markt der Kulturen

28/05/2017

Von Gumbel

  15 Jahre und leider kein Ende in Sicht: Der kulturalistische Höhepunkt und die zugleich praktisch gewordene Aufklärungsresistenz in Pirna, unter dem Namen „Markt der Kulturen“ (MdK) bekannt, öffnete am 20. Mai wieder seine Pforten. Wie für Jubiläen üblich, mögen sie auch noch so abgeschmackt sein, ließen sich die Organisator_innen besondere Schmankerl nicht nehmen. Dementsprechend das Elend in zwei Akten.

Erster Akt: In Syrien herrscht das Matriarchat

  Bereits am 4. Mai fand im Rahmen des MdK ein Vortrag über Syrien mit Frau Reingard Al-Hassan, Bibliotheksdirektorin der Westsächsischen Hochschule Zwickau, in bester bildungsbürgerlicher Absicht, böse Zungen würden sagen, im Wikipedia-Stil, statt, d.h. Informationen zur Geschichte, Wirtschaft, Politik, Touristik und Kultur. Schwerpunkt waren ihre Eindrücke aus den 1980er-Jahren, welche sie mit zahlreichen Fotografien untermauerte. Das es ihr ein persönliches Anliegen war, ließ sie ebenfalls wissen, als sie in ihrer Einführung berichtete, wie sie an der TU Dresden 1978 während ihres Studiums ihren späteren Mann  kennen gelernt hatte. Nach ihrer Heirat Anfang der 1980er-Jahre, auf welche sie nicht konkreter einging, da dies in der DDR aufgrund seines Status als Ausländer nicht ohne Komplikationen abgelaufen sein dürfte, lebten sie von 1982 bis 1989 in Syrien, bevor sie in die DDR zurückkehrten. Danach unternahm sie ab 2000 bis 2011 mehrmals Reisen in ihre Wahlheimat.

  Bevor es allerdings mit der besagten Einleitung losging, musste natürlich, sonst wäre es keine MdK-Veranstaltung gewesen, auf das zubereitete syrische Essen verwiesen werden. Allgemein bestehen andere Staaten und was bei diesen als Kultur verstanden wird, vornehmlich aus Essen, eine der Binsenweisheiten bei den Organisator_innen. Damit standen diese auch nicht alleine da, denn wenn es um Kulturalismus in Sachsen geht, ist die Sächsische Zeitung nicht weit. Die wusste dann auch zwei Wochen später im ersten Absatz zum MdK zu berichten: „Essen geht immer. Und wenn das auch noch aus verschiedenen Ländern stammt, dürfte die kulinarische Weltreise perfekt sein.“[1]

  Beim Vortrag selbst wurde zudem immer wieder in penetranter Weise hervorgehoben, dass der Dank dafür den anwesenden syrischen Frauen gebührt, als wäre die Küche eine No-Go-Area für deren Lebenspartner. In diesem Zusammenhang fiel auch erstmals von der Referentin der Hinweis, dass in Syrien das Matriarchat herrschen würde. An diesem Punkt ließ der Vortrag bereits nichts Gutes vermuten. Dies wurde spätestens dann bestätigt, als es um aktuelle Entwicklungen und Problemlagen ging, als mehrfach offensichtlich wurde, dass sich die Referentin überhaupt nicht als Subjekt zu ihren Erfahrungen gesellschaftlich einzuordnen wusste. Statements zur aktuellen Politik und Lage wurden dann auch abgekanzelt mit den Worten: „Ich bin ja keine Politik- und Wirtschaftswissenschaftlerin“ als wäre es nötig, ein abgeschlossenes Studium dazu zu besitzen, um einen Standpunkt zur Situation in Syrien vertreten oder formulieren zu können. Der Erkenntnisgewinn tendierte demnach jenseits von Touristik und Altertumsgeschichte gegen Null. Vielmehr offenbarte Al-Hassan, dass sie sich in ihrem gelebten postmodernen Diskurs wohl fühlte.

  Dass zeigte sich dann auch bei ihrer Rückkehr zum syrischen Matriarchat. Sie begründete dies damit, dass die Frauen die starke Position in den Familien inne hätten, was in einer Lobhudelei der heimeligen Nestwärme gegen die Zumutungen des Kapitalverhältnisses endete. Sozioökonomische und politische Machtfaktoren damals und heute spielten dementsprechend keine Rolle, genauso wenig, ob es nicht ein Stadt-Land-Gefälle in diesem Zusammenhang gab.

  Auch durfte nicht die Unterteilung in guter und böser Islam fehlen. Festgemacht wurde dies am Ausdruck „Allahu Akbar“. Das dieser Begriffszusammenhang bekanntlich bei Islamisten jeglicher Couleur zum Standardrepertoire gehört, wurde von ihr im besten Stile eines Sprachrohrs von Aiman A. Mazyek als Missbrauch angeklagt. Anscheinend hat sich bei Kulturverstehern in Zwickau noch nicht herum gesprochen, dass Begriffe nicht per se neutral sind und mit Bedeutung normativ besetzt werden können. Interessant wäre in dem Zusammenhang gewesen, wie dann das bei der Wehrmacht aus der Zeit Preußens beliebte „Gott mit uns“ zu verstehen sei. Bestimmt ebenfalls als so genannter Missbrauch, zumal, sie ist ja keine Politikwissenschaftlerin.

  Wohin dieses Nichtverständnis dann führte, war exemplarisch in der Diskussionsrunde abschließend zu beobachten, als Al-Hassan die relative Bewegungsfreiheit als Frau ohne Kopftuch unter dem Assad-Regime zumindest in den größeren Städten des Landes während der 1980er-Jahre als Kuriosum einstufte, da ihr gar nicht in den Sinn kam, dass es unter der Baath-Partei eine Säkularisierung und gleichzeitige Unterdrückung u.a. der Muslimbrüder gab.[2] Aber um das Aufzeigen von Ideologien, den Unterschieden zwischen und der Kritik an diesen ging es bei Veranstaltungen rund um den MdK aber noch nie. Dies markierte auch mehr oder minder den Endpunkt der Veranstaltung, worüber ich nach gut zwei Stunden mehr als froh war. Im Gegensatz zum letzten Jahr gab es diesmal auch eine zweiwöchige Erholungsphase, bevor es am 20. Mai weiterging.

Zweiter Akt: Ohne Thaimassage kein „Markt der Kulturen“

  Das Datum war schneller da, als einem lieb sein konnte. Dementsprechend lustlos begab ich mich zu dem Highlight in Pirna, in dessen Schatten die anderen großen Pirnaer Kulturveranstaltungen wie das Stadtfest oder die Kneipennacht nur noch als verblassende Erinnerungen hängen bleiben.

  Wie die Jahre zuvor blieb der Aufbau und letztlich auch der Ablauf weitgehend identisch, um wenigstens in Sachen Kulturverständnis zu zeigen, dass man in Pirna auf der Höhe der Berliner Republik ist. Dementsprechend sah ich bei meiner Ankunft, abgesehen von einer Polizeikontrolle von nicht biodeutsch aussehenden Menschen (möglicherweise als „cultural profiling“ verstanden), als erstes wie aus einem Critical Whiteness – Seminar entsprungen, trommelnde Schwarze. Oder in den Worten der Sächsischen Zeitung: „Der aus Angola stammende und in Dresden lebende Musiker Jack Panzo trommelte zum 15. Markt der Kulturen typisch afrikanische Rhythmen.“[3] Damit ist diese Form des Antirassismus sogar auf einer Wellenlänge mit den ordinären RassistInnen aus Heidenau, denn OB Jürgen Opitz weiß zu berichten, das diese sich „das nicht vorstellen können, dass ein Schwarzer ein Handy“[4] habe, um fortzufahren: „Wenn der eine Trommel hätte, dann wäre deren Weltbild absolut in Ordnung.“ Stimmt, um trommeln zu können, braucht man die Gene bzw. muss man das im Blut haben, ist ja auch nichts, was andere Menschen durch Übungen ebenso gut könnten, was dann aber bereits unter Kulturklau fallen dürfte. Außerdem würden trommelnde Weiße die mühevoll aufgebaute Authentizität kaputt machen. In Kulturfragen werden auch in Pirna Menschen noch ganz im Sinne des biologischen Rassismus an ihrer ersten Natur, der Hautfarbe, festgemacht.

  Damit war die Zurschaustellung von Zwangskollektivierungen eröffnet. Um dies noch zu unterstreichen, liefen nicht wenige in der jeweiligen Landestracht herum. Allgemein beschränkte sich der Kulturbegriff wieder auf Folklore, d.h. Essen und Musik. Wie gesagt, wenn es um die Bereicherung durch Kultur geht, möchten die Organisator_innen zeigen, dass sie der Berliner Republik und deren Absage an Universalität in nichts nachstehen. Dieser Versuch bekam aber dann doch noch Risse, als bei den Parteiständen den Grünen untersagt wurde, ihre Anti-Nazi-Fahne rauszuhängen, was in den alten Bundesländern bei Bürgerfesten solcherart mehr oder weniger Usus sein dürfte. Eventuell handelte es sich aber dabei um ein besonders schönes Beispiel sächsischer Kultur, die bekanntlich nach über 20 Jahren CDU-Herrschaft auch nicht mehr abänderlich erscheint.

  Abgesehen von Essensständen, die wieder gefühlte 90% des Marktes ausmachten und eine unkritische Zusammenfassung staatlicher Kleptokratien in Afrika sowie anderer autoritär geführter Staaten darstellten, gab es noch die Parteistände. Dazu kamen noch der ein oder andere inhaltliche Stand, die bis auf den der AG Asylsuchende, wo ich mich dann doch noch für zwei Stunden einfand, ebenso durch Kritiklosigkeit an den deutschen Zuständen glänzten.

  Es ist erstaunlich, wie der MdK von seiner Grundintention aus es schafft, trotz des globalen reaktionären Rollback sowie geringer Möglichkeiten, seine Arbeitskraft zu verkaufen, Menschen, welche dadurch im Exil oder als Asylsuchende in der Sächsischen Schweiz leben, überhaupt keine Stimme zu geben. Allgemein zeigte der 15. Aufguss, dass Menschen, die als nicht deutsch angesehen werden, aber in Deutschland weitgehend ihr Leben verbracht haben sowie großteils hier geboren worden sind (Stichwort: Thaimassage), maximal als Projektionsflächen für Kultur aber nicht als eigenständig handelnde Individuen auftreten dürfen.

  Und wie das immer so ist, wenn inhaltlich so gut wie gar nichts vorhanden ist, muss es halt der Form nach gehen. So geschehen am besagten Stand der AG Asylsuchende, als diese sich in den Augen der Organisator_innen erdreisteten, ihre Ausstellung weit vor 18 Uhr abzubauen, um den Tag eventuell noch anderweitig genießen zu können. Dementsprechend kam dann auch Sebastian Reißig, seines Zeichens Geschäftsführer der Aktion Zivilcourage, die maßgeblich den MdK organisiert, angelaufen und pochte auf die Einhaltung des Vertrages. Letztlich ließen sich die Menschen am Stand davon aber nicht weiter beirren. An dieser Stelle war dann auch für mich der Tag auf dem 15. MdK beendet, wobei ich geflissentlich die Empfehlung der Sächsischen Zeitung zur Entspannung ausschlug: „Und wer nach dem Essen und Reden Entspannung benötige, konnte sich am Stand der thailändischen Vertreter massieren lassen.“[5] Dieser wird ebenso klassisch wieder von den gleichen alten Herren wie die Jahre zuvor aufgebaut worden sein. Im Übrigen, wie der Syrienvortrag schmerzlich vor Augen geführt hat, hat sich der Wunsch vom letzten Jahr, dass das Fest der Völker light wieder nur auf einen Tag reduziert werden möge, leider nicht erfüllt. Im Gegenteil ist die nächsten Jahre eine weitere Ausweitung zu befürchten.


[1] Weber, Anja: Trommeln, was das Zeug hält. Frische Rhythmen und exotische Speisen: Für viele Besucher war der 15. Markt der Kulturen eine Entdeckungsreise, in: Sächsische Zeitung, 22. Mai 2017, S. 11.

[2] An dieser Stelle, da bereits die Diskussion angelaufen war, wies ich eben auf jenen Umstand hin, den die Referentin eher missmutig aufnahm.

[3] Vgl. Weber: Trommeln (a.a.O.), S. 11.

[4] Zitiert nach Präkels, Manja, in: Jungle World Nr. 22 (21. Jg.), 1. Juni 2017, S. 18. Ebenso das nachfolgende Zitat.

[5] Vgl. Weber: Trommeln (a.a.O.), S. 11.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: