Busse, Blumen, Betroffenheit

11/02/2017

von Gumbel

  Bereits zum 72. Mal jährt sich nun bereits die Bombardierung Dresdens. Das Gedenken hat innerhalb der letzten Jahre eine Transformation vollzogen, welche aber nur Form und nicht den Inhalt berührt. Im Gegensatz zu zwei Jahren PEGIDA, die nur noch ein bestimmtes Klientel anziehen, steht der 13. Februar als eine Art Konsensveranstaltung allen offen, die sich einbringen möchten, egal ob als traditionalistischer Trachtenumzug oder im vermeintlich kritischen Sinne, Dresdens Rolle während des Nationalsozialismus zu benennen und damit der Stadt das Feigenblatt der Aufgeklärtheit zu verleihen. Das Deutsche Ideologie längst zum Exportschlager firmiert ist und keine Grenzen mehr kennt, lässt sich auch am Versöhnungskitsch in der sächsischen Landeshauptstadt dieses Jahr beobachten.

  Angefangen bei den jüngsten Zahlen, dass die Dresdner Bevölkerung keinen Schlussstrich unter den 13. Februar ziehen will. 81% stimmten demzufolge nicht der Aussage zu: „Über 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges sollte man mit Gedenkfeiern an die Zerstörung Dresdens aufhören und nach vorne schauen.“[1] Bei der Mehrheit ist angekommen, dass sich eine Aufarbeitung viel besser eignet, um daraus moralisches Kapital zu schlagen sowie sich zugleich von NationalsozialistInnen abgrenzen zu können. Diese Friedensbewegtheit wird sich auch dieses Jahr wieder in Form der Menschenkette um die historische Altstadt manifestieren, die gegen jeden „Missbrauch des Gedenkens“ geschützt werden soll. Das zeigt bereits an, dass es seit Jahren nicht um Juden oder Zwangsarbeiter_innen ging, sondern vor allem um die Befindlichkeit der Dresdner_innen und ihrem Gedenken. Dazu trägt nicht zuletzt auch der Täterspurenmahngang bei, der sich kritisch mit der Rolle Dresdens auseinandersetzt, aber ansonsten trotz verbaler Abgrenzung sich perfekt in den Gedenkritus in Dresden einreiht.[2]

  Nun kam am 7. Februar noch offiziell das multikulturelle Moment hinzu. Vor der Frauenkirche ließ der Künstler Manaf Halbouni in Anlehnung an drei senkrecht aufgestellte Busse in den Straßen von Aleppo ebenso drei Busse vertikal aufstellen. Das er sich perfekt in den Dresdner Versöhnungsauftrag einzureihen weiß, verrät seine erste Begründung zu den Bussen:

„Ich habe keine weitere politische Message. Das Ganze soll ein Friedensmahnmal werden, eine moderne Freiheitsstatue.“[3]

Für ihn symbolisieren sie ein „Zeichen für Frieden, Freiheit und Menschlichkeit“. Nach soviel zivilgesellschaftlichen Jargon kommt er dann auch auf den Punkt, worum es ihn ganz und gar nicht apolitisch geht:

„Es soll daran erinnern, wie gut es uns heute geht, dass Dresden den Schmerz überwunden und die Stadt wiederaufgebaut hat. Es soll ein Zeichen sein, dass es weitergeht – trotz aller Zerstörung.“

Dementsprechend ist auch das nahe Datum zum 13. Februar bewusst von ihm gewählt. Damit waren gleich zu Beginn die unterschiedlichen historischen Kontexte und Erscheinungsformen beiseite gewischt, um jedwede Diskussion von vornherein zu verhindern.

  Im Gegensatz zu AnhängerInnen von PEGIDA, die bereits im Vorfeld gegen die Installation mobilisierten und sich teils im Jargon des Nationalsozialismus äußerten, u.a. von „entarteter Kunst“ sprachen oder sich darüber echauffierten, dass damit einmal mehr ein Denkmal zur „immerwährende[n], nie endende[n] Schuld unseres deutschen Volkes“ aufgebaut wurde, steht Halbouni nicht für eine Abschaffung, sondern sinnbildlich für die Transformation des Gedenkens.[4] Auf die ebenfalls problemlose Einreihung in den bundesdeutschen Kontext wird noch zurückzukommen sein.

  So ekelhaft die Störung der Installation am 7. Februar aus dem Umfeld von PEGIDA auch war und die Frage nach Mindeststandards bürgerlicher Rechtsstaatlichkeit in Sachsen um ein Kapitel reicher ist,[5] so sehr offenbarte die andere Seite ihren Versöhnungskitsch sowie ihren frommen Wunsch nach der Heimeligkeit des Kollektivs. Allen voran Dirk Hilbert (FDP), Oberbürgermeister Dresdens, der trotz, dass er während der Eröffnung niedergebrüllt wurde und wegen mehrerer Drohungen unter Polizeischutz steht, aufklärungsresistent am Dialog mit „besorgten Bürger“ festhalten möchte. Soviel Zivilisationsmüdigkeit in einem offiziellen Amt gibt es auch nicht aller Tage. Darüber täuschte auch nicht sein noch geäußerter Hinweis hinweg, keine Pöbelei und kein Geschrei zu akzeptieren.[6] Dem wollte Habouni in nichts nachstehen, der nicht etwa die Schreier von der Bühne aus wegen ihrer Nähe zum Faschismus kritisierte, sondern sie wegen ihrer mangelnden Konsensbereitschaft angriff:

„Das ist nicht wofür Deutschland steht. Jeder darf hier seine Meinung sagen – auch ihr – aber Leute nicht ausreden lassen geht gar nicht. Ich bin froh, dass ich in Deutschland lebe. Ich bin Dresdner und ich stehe hinter meiner Arbeit. Wer rumbrüllt, der soll nachhause gehen“[7]

  In diesen Worten kommt das „andere Deutschland“, wie dies bereits Sigmar Gabriel (SPD) vorschwebte, zu sich selbst: Die Abstreifung und letztlich Verurteilung der Anrüchigkeit des Faschismus, welche im Pluralismus der gleichberechtigten Meinungen ersetzt werden durch die Begeisterung für „Kulturen“ gepaart mit den neuen deutschen Direktiven: ökologisch, pazifistisch und dialogbereit.[8]

  Damit ist die Posse noch nicht abgeschlossen, denn im Nachgang fiel einigen doch auf, dass Aleppo nicht Dresden ist, sprich eine Ahnung aufkam, dass der Islamismus die Harmonie stören könnte. Spätestens die Nachricht, dass die Busse in Aleppo möglicherweise von der islamistischen Bande Ahrar-al-sham aufgestellt worden seien, ließ die Kämpfenden für Versöhnung aufschrecken.[9] Das warf zudem ein bezeichnendes Schlaglicht auf den von Habouni forcierten „Brückenschlag“ von Dresden nach Aleppo. Deshalb musste schnell eine Klärung her und wer bot sich da besser an, als der Fotograf, der das Bild mit der Ahrar-al-sham-Fahne auf den Bussen geschossen hatte. Zu diesem Zweck preschte die Sächsische Zeitung vor und bot Ammar Abdullah am 11. Februar ein Podium. Auf Nachfrage, ob Ahrar-al-sham die Busse aufgebaut hatte, verneinte dies Abdullah.[10] Wohl überrascht, dass die Sächsische Zeitung es nun doch genauer wissen wollte, brachte Abdullah letztlich vor:

„Die Blockade wurde von der Provinzverwaltung Aleppos und Anwohnern errichtet. […]. Aber ist denn so wichtig, wer die Bus-Blockade gebaut hat? Letztlich entscheidend ist doch, dass sie für einen wichtigen Zweck gebaut wurde: um Menschen zu schützen.“

  In guter deutscher Manier interessiert sich Abdullah nicht für die Intention, die einfach hinter dem Begriff des Menschenschutzes verschwindet. Denn durch die sinnbildliche Blockade braucht man dann auch nicht mehr auf die jeweiligen Interessen der verschiedenen islamistischen Banden und deren Nutzen daraus einzugehen. Da dies aber in Deutschland zu unkonkret ist, um endlich den herbeigesehnten Brückenschlag zu vollziehen, befragte man Abdullah zur Einordnung von Ahrar-al-sham, ob diese nun terroristisch[11] oder moderat sei und dieser lieferte prompt die erhoffte Antwort:

„Ahrar-al-sham ist auch meiner Meinung nach gemäßigt. Und sie kämpfen sogar gegen den Islamischen Staat, den IS.“

  Für Ideologie interessiert sich bekanntlich die Dresdner Bevölkerung nicht, wichtig war nur die Rettung der Installation für das Gedenken, die ihr die Sächsische Zeitung pflichtbewusst geliefert hat. Und wenn ein Autochthoner von vor Ort sagt, dass Ahrar-al-sham Moderate sind,[12] denn der muss es ja schließlich wissen, dann hat sich die Sache im deutschen nahen Osten damit erledigt. Kaum stand das Interview online, waren die üblichen Verdächtigen zur Stelle, um die Installation zu verteidigen, wenn es nur gegen PEGIDA sowie gegen die eigene Aufklärung und Vernunft geht, u.a. Jürgen Kasek (Bündnis 90/ Die Grünen) auf seinem Twitterprofil.

  Damit wird zugleich ersichtlich, warum sich die Installation auch ohne Probleme in den angedeuteten bundesdeutschen Kontext einreiht, denn wie bereits Halbouni negiert auch Abdullah einfach die verschiedenen Fronten in Syrien und speziell in Aleppo, an denen unzählige islamistische Banden beteiligt sind. Auch wenn es nicht explizit in diesem Zusammenhang ausgesprochen wird, zielt dies wieder auf die Mär eines „widerständigen syrischen Volkes“[13], dem man von deutscher Seite gern das Wort redet. Beigepflichtet wird dementsprechend von Kulturverstehern wie Christiane Mennicke-Schwarz, die offen betont, damit es auch überall verstanden wird, dass „es nicht die Absicht des Monument [sei], ‚auf die komplexe Situation der unterschiedlichen Parteien dieses Krieges Bezug zu nehmen'“.[14]

  Damit hat das Gedenken in Dresden nun zumindest in dieser Sache den Anschluss an die Berliner Republik gefunden. Das dieser Zusammenhang immerhin nicht überall die ungeteilte Meinung ist, lässt etwas Hoffnung aufkommen, denn im Aufruf gegen die Gedenkfeierlichkeiten heißt es kurz und knapp:

„Wenn man heute ‚Parallelen‘ zwischen der Bombardierung Dresdens und dem Krieg in Syrien sehen will, zeigt man nur, dass man immer noch rein gar nichts begriffen hat.“[15]


[1] Vgl. http://www.dnn.de/Dresden/Lokales/Dresdner-wollen-keinen-Schlussstrich-ziehen [zuletzt aufgerufen am 11.02.2017]

[2] In den letzten Jahren war häufiger zu beobachten, dass Teilnehmer_innen des Rundgangs sich an der Menschenkette beteiligten oder anders herum Menschen nach dem Ende des kollektiven Händchenhaltens an Blockaden teilnahmen. Damit ist der Übergang von den verschiedenen nebeneinander existierenden Formen mehr oder weniger harmonisch abgeschlossen.

[3] Zitiert nach http://www.dnn.de/Kultur/Kultur-News/Aufbau-der-Skulptur-Monument-auf-dem-Neumarkt-laeuft-stoerungsfrei [zuletzt aufgerufen am 11.02.2017]. Alle folgenden Zitate aus diesem Artikel entnommen.

[4] Vgl. auch http://www.dnn.de/Dresden/Lokales/Massiver-Pegida-Protest-gegen-Kunstinstallation-am-Neumarkt [zuletzt aufgerufen am 11.02.2017].

[5] Trotz des moralisierenden Untertons, vgl. http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2017/02/08/das-blanke-entsetzen_23084 [zuletzt aufgerufen am 11.02.2017].

[6] Vgl. http://www.dnn.de/Dresden/Lokales/Pegida-Anhaenger-stoeren-Monument-Eroeffnung-auf-dem-Dresdner-Neumarkt [zuletzt aufgerufen am 11.02.2017].

[7] Ebd.

[8] Auf diesen Umbau, auch im Sinne der Ökonomie, verwies bereits Mario Möller, vgl. Möller, Mario: Dann geht doch! Die Berliner Republik entsorgt ihren Ballast, in: Bahamas (2016) 72, S. 35-39.

[9] Vgl. http://www.sz-online.de/nachrichten/wer-baute-die-strassensperre-von-aleppo-3608706.html [zuletzt aufgerufen am 11.02.2017].

[10] Vgl. http://www.sz-online.de/nachrichten/kultur/diese-bus-barrikade-rettete-leben-3610430.html [zuletzt aufgerufen am 11.02.2017]. Alle folgenden Zitate aus diesem Artikel entnommen.

[11] Wobei die Sächsische Zeitung hier besonders pfiffig war und auf den Bundesgeneralstaatsanwalt verwies.

[12] Natürlich ohne zu benennen, was nun Moderate darstellen sollen. Genauso wenig fragt die Sächsische Zeitung an der Stelle weiter, denn das könnte nicht bei dem Interviewten, sondern auch in der Redaktion zu Erklärungsnöten führen.

[13] Vgl. dazu Wertmüller, Justus: Wer soll Syrien regieren? Niemand! Gegen die deutsche Begeisterung für den Endsieg des „syrischen Volkes“, in: Bahamas (2016) 74. S. 11-16.

[14] http://www.sz-online.de/nachrichten/wer-baute-die-strassensperre-von-aleppo-3608706.html [zuletzt aufgerufen am 11.02.2017].

[15] https://uradresden.noblogs.org/post/2017/02/02/februar-17-dresden-alte-neue-nazis-blockieren/#more-2692

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