14. Markt der Kulturen – Eine Absage an Universalität

30/05/2016

Von Gumbel

  Am 28.05. war es wieder soweit. Zum 14. Mal wurde in Pirna der „Markt der Kulturen“ veranstaltet. Und wer glaubte, dass es nicht noch schlechter ginge als die letzten Jahre, wurde in der Zone wieder eines Besseren belehrt. Anstatt wie die Jahre zuvor nur einen Tag für das aufzuwenden, was Deutsche als Kultur[1] charakterisieren, gab es diesmal ein Rahmenprogramm von Mittwoch bis Sonntag.

  Die Änderung im Programm dürfte der anhaltenden Kritik der letzten Jahre wenigstens zum kleinen Teil geschuldet gewesen sein.[2] Dennoch war es im Nachgang naiv anzunehmen, dass es sich dabei um ein Umdenken handeln würde.[3] Vielmehr gab es nicht nur einen, sondern fünf Tage Kulturalismus in der sächsischen Provinz. Davon zeugt bereits die Filmvorstellung „Der schwarze Nazi“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe.[4] Höhepunkt war dann schließlich am Samstag das jährliche Schaulaufen von Klischees und menschlichen Zwangskollektivierungen auf dem Pirnaer Markt.

  Abgesehen von zwei oder drei Ständen mit einer expliziten politischen, sozialen oder gesellschaftlichen Ausrichtung gab es vor allem Essensstand an Essensstand mit garantiert kulinarisch nicht europäisierten Gerichten. Somit beschränkte sich die Zuweisung von Menschen auf Kollektive mit der insgeheimen Ablehnung von Universalität zumeist auf Speisen oder Musik.[5] Zudem durfte der Thaimassagesalon nicht fehlen. Damit ist alles beim Alten geblieben, d.h. auch dieses Jahr dienten die anwesenden Migrant_innen als Projektionsfläche für als typisch angesehene Stereotype und Klischees und werden zugleich auf Essen, Musik und ebenso die Folklore reduziert. Letztlich werden damit nur die in der deutschen Mehrheitsgesellschaft verankerten Bilder von angeblichen Sitten und Gebräuchen reproduziert.

  Das es sich dabei auch nicht um einen suggerierten angstfreien Raum handelte, verdeutlichten nicht nur die eingesetzten Ordner, die man bei jeder Protestansammlung vor Asylheimen in der Form wieder finden dürfte, sondern ebenso mehr oder weniger stadtbekannte FaschistInnen. Aus deren Umkreis stammte mit hoher Wahrscheinlichkeit auch ein im Vorfeld kursierendes Flugblatt.[6] Dennoch dürften diese aber nicht geringe Schnittmengen mit der propagierten Linie „Jeder Kultur ihren Platz“[7] haben.

  Gleiches lässt sich über einen Teil der praktizierten Bühnengespräche vor Ort sagen. Darunter fällt bspw. das Gespräch mit dem Beauftragten für Migration und Integration des Landkreises. Die Moderatorin, die ihn befragte, plädierte am Ende des Gesprächs dafür, die Neuankömmlinge in der Gemeinschaft willkommen zu heißen. Da wo nur dem Lippenbekenntnis nach ein Begriff von Gesellschaft vorhanden ist, verwundern solche Aussagen nur bedingt. Letztlich wurde damit nur konkret auf den Punkt gebracht, um was es sich bei dieser Veranstaltung seit Jahren handelt: Ein Fest der Völker mit zivilgesellschaftlichem Anstrich. Kritik an den Verhältnissen, wenigstens an der deutschen und europäischen Asylpolitik war dementsprechend auch nicht vorhanden, wozu die Tage mehr als genug Gelegenheiten geboten hätten. Vor allem lässt sich aus dieser 14. Veranstaltung auch nachvollziehen, wie es zu einem gesellschaftlichen Rechtsruck kommen kann, wenn das Ausdruck der so genannten Zivilgesellschaft ist. Oder anders gesagt: Der Zustand des Bürgertums sagt oftmals mehr über die Verfasstheit der jeweiligen Gesellschaft aus als Wahlergebnisse rechter oder offen faschistischer Parteien.

  Da nicht mit einer Einstellung nächstes Jahr zu rechnen ist, bleibt zu hoffen, dass das Ganze wieder auf einen Tag beschränkt wird.


[1] Der Kulturbegriff ist allein deswegen problematisch, weil er stark normativ ist, mal abgesehen von seiner heutigen Schwammigkeit, wenn nicht sogar Unkenntlichkeit. Oder wie bereits der Philosoph Hubertus Busche die Chiffre der Kultur bezeichnete, als eine der „[…] hohlsten Pathoswörtern und Imponiervokabeln, die durch Wissenschaft, Politik und Alltag rauschen.“ (Busche, Hubertus: Was ist Kultur? Erster Teil: Die vier historischen Grundbedeutungen, in: Dialektik. Zeitschrift für Kulturphilosophie (2000) 1, S. 69-90, hier S. 69). Dies gilt aber nicht nur aus philosophischer Richtung, wie ein Blick in die geistesgeschichtlichen Debatten zeigt, aus denen Anfang der 2010er-Jahre schließlich das dreibändige „Handbuch der Kulturwissenschaften“ hervorging (Siehe Jaeger, Friedrich/ Liebsch, Burkhard/ Straub, Jürgen/ Rüsen, Jörn (Hrsg.): Handbuch der Kulturwissenschaften Bd. 1 (Sonderausgabe). Grundlagen und Schlüsselbegriffe. Stuttgart 2011; Jaeger/ Straub (Hrsg.): Handbuch der Kulturwissenschaften Bd. 2 (a.a.O.); Jaeger, Friedrich/ Rüsen, Jörn (Hrsg.): Handbuch der Kulturwissenschaften Bd. 3 (Sonderausgabe). Themen und Tendenzen. Stuttgart 2011). Allein der Historiker Friedrich Jaeger verortet vier idealtypische Kulturbegriffe in dem Handbuch (vgl. Jaeger, Friedrich: Historische Kulturwissenschaft, in: Ders./ Straub, Jürgen (Hrsg.): Handbuch der Kulturwissenschaften Bd. 2 (a.a.O.), S. 518-545, hier S. 526-534).

Das verdeutlicht die Unsinnigkeit, sich auf einen solchen Begriff, insbesondere für eine öffentliche Veranstaltung, zu beziehen.

[2] Verweis auf einen vor fünf Jahren im Blog veröffentlichten Artikel: https://stimmenausderprovinz.wordpress.com/2011/05/18/fest-der-volker-light-am-28-mai-ist-wieder-markt-der-kulturen-in-pirna/ [zuletzt aufgerufen am 30.05.2016]. Die Kritik wurde die darauffolgenden Jahre immer wiederholt, siehe https://pirnaerautonomelinke.wordpress.com/2015/07/02/flyer-zum-markt-der-kulturen-2015/ [zuletzt aufgerufen am 30.05.2016].

[3] Vgl. http://madeku.de/wordpress/wp-content/uploads/2016/05/Wickelfalz-DIN-LANG-6S.pdf [zuletzt aufgerufen am 30.05.2016]

[4] Kurz zur Handlung : ein Schwarzer wird von Faschisten verprügelt, landet im Koma und nachdem er aus diesem erwacht ist, wird er selbst zum Faschisten. Mal abgesehen davon, dass der Film jedes Klischee bedient und damit kaum zur Aufklärung beiträgt, ist es vor allem die plumpe antirassistische Stoßrichtung, nach der Nichtweiße und Immigranten Deutsche in ihren Ressentiments überholen. Der bittere Beigeschmack, dass diese nicht rassistisch sein könnten, schwingt unweigerlich mit. Dabei wird verkannt, dass ideologische Schnittpunkte eventuell beim Rassismus halt machen können, aber eben nicht müssen, wie die Vertrautheit von weißen und schwarzen Antisemiten in Frankreich, aber nicht nur dort, unter Beweis stellt. Dazu müsste man aber auch nicht soweit gehen. Ein Blick nach Freital, wo ebenso der Mob gewütet hatte, reicht: Der dortige Stadtratsabgeordnete der CDU mit mosambikanischen Hintergrund, der seit Jahren in der Freitaler Zonengemeinschaft angekommen ist, sah im Nachgang kein Problem mit Faschisten in seiner Stadt (siehe dazu auch ein Interview: http://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlinge-die-buerger-im-osten-sind-nicht-rassistisch-1.2624470). Die Haltung dürfte sich nach der Festnahme der mutmaßlichen rechten Terrorzelle auch nicht geändert haben.

[5] Trommelnde Schwarze auf der Bühne durften natürlich nicht fehlen.

[6] http://madeku.de/gefaelschter-flyer-im-umlauf/ [zuletzt aufgerufen am 30.05.2016]

[7] In dem Fall einige m² auf dem Markt.

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