Gedenkveranstaltung in Pirna vom 27.01.2016 – Zwischen Schuldabwehr und Läuterung

10/02/2016

von Gumbel

  Am 27.01.2016 wurde auch in Pirna wie jedes Jahr an die Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Obwohl in einer sächsischen Kleinstadt allgemein die Erwartungen an die Redeinhalte nicht sonderlich hoch sind, waren diejenigen des Oberbürgermeisters die letzten Jahre ein Schimmer der Aufklärung, gerade unter den Voraussetzungen der sächsischen Verhältnisse. Dieses Jahr stellte aber das Landratsamt den Redner, der es in seinem Beitrag schaffte, sogar hinter die ideologische Linie des damals unter rot-grüner Regierungskoalition angestoßenen Aufstands der Anständigen in Verbindung mit dem „Lernen“ aus der deutschen Geschichte zurückzufallen.[1]

  Der Inhalt der Rede ist schnell erzählt: Mehr oder weniger alle waren verführt oder verblendet, einige hatten Angst und anderen war es schlicht egal. Nazi war damit augenscheinlich niemand, eher handelte es sich um eine von außen hereingebrochene Katastrophe, welche die Deutschen heimsuchte. Dementsprechend fielen dann auch die Lehren daraus aus: Gegen einen übersteigerten Nationalismus und vor allem gegen jede Form des Extremismus.[2] Das ist noch nicht mal der eigentliche Skandal, sondern folgt konsequent der vorgegebenen Ideologie der sächsischen CDU. Grotesk ist vielmehr der Umstand, dass der Pirna-Sonnenstein in den Ausführungen nur einen Nebensatz ausmachte, d.h. die Ermordung von 13.720 Menschen zwischen 1940 und 1941 im Zuge des T4-Programms nicht weiter erwähnenswert war.[3] Es ist auch deswegen grotesk, weil das Landratsamt ebenso auf dem Pirna-Sonnenstein angesiedelt ist und in unmittelbarer Nähe der so genannten ehemaligen Tötungsanstalt liegt.

  Das solch eine Rede unter diesen Voraussetzungen noch möglich ist, überraschte mich tatsächlich. Das sie aus dem Kreis der vertretenen Politprominenz, zumeist ältere Semester aus der Linkspartei und vom VVN-BdA, auch im Nachgang unwidersprochen blieb, ebenso.[4] Nun ist es nicht so, als wäre der rot-grüne Gesinnungskitsch das Höchste der Erkenntnis, darum geht es aber in dem Fall auch nicht. Die Reden des Oberbürgermeisters in den letzten Jahren unterschieden sich von derjenigen aber in einem wesentlichen Punkt. Sie rückten vor allem die Opfer des Nationalsozialismus in den Mittelpunkt und benannten die industriell ablaufende Massenvernichtung von Menschen.[5] In diesem Zusammenhang wurde das Morden auf dem Pirna-Sonnenstein konkret als Vorläufermodell kontextualisiert. Dieser Kern, der den antisemitischen Wahn ins Zentrum der Betrachtung nimmt, bietet immerhin eine mögliche Perspektive, sich dem Ganzen zu nähern, d.h. es besteht der angesprochene Schimmer der Aufklärung, Vergleichbares zu verhindern.

  Allgemein fragt man sich, ob nächstes Jahr nicht mit einer Israelfahne an solcherlei Veranstaltungen teilgenommen werden sollte. Dies führt letztlich den Gedanken zu Ende und eignet sich in sächsischen Kleinstädten selbst heutzutage noch als Intervention und Provokation gleichermaßen. Es verweist nicht nur auf den alten Schuldabwehrkomplex, sondern zugleich auf die ideologischen Vorzeichen des gewandelten Diskurses. Das führt zu einigen weiterführenden Überlegungen in diesem Kontext.

  Das betrifft zum Ersten das Kokettieren als Vergangenheitsbewältigungsweltmeister im Rechtsnachfolgestaat des Nationalsozialismus, aus dem bis heute abgeleitet wird, anderen gut gemeinte Ratschläge unterbreiten zu müssen, allen voran Israel. Würden diese Vorschläge, die aller paar Monate  mit dem antizionistischen und antisemitischen Grundrauschen in Politik und Gesellschaft einher gehen, konkret umgesetzt, würde es den jüdischen Staat heute nicht mehr geben. Wie bereits vor längerer Zeit in einem anderen Beitrag geschrieben, hat Israel bis zum jetzigen Tag gut daran getan, nicht auf seine vermeintlichen deutschen Freunde zu hören.

  Zum Zweiten, was eng damit zusammenhängt, welche anderen „Freunde“ sich Deutschland auf der Welt sucht.[6] Da gibt sich Deutschland traditionsbewusst, u.a. beim Iran. Kaum waren die Sanktionen aufgehoben, schlossen Siemens und Daimler dreistellige Millionenaufträge ab.[7] Aber auch mit den Scheckbuchislamisten aus Riad versteht man sich hierzulande bestens, wie die jüngsten Panzerlieferungen verdeutlicht haben. Letztlich sucht man die Nähe zu den beiden Staaten, die wie einst Deutschland heutzutage offen gegen die Moderne mit modernster Technik kämpfen und sich zugleich um die Vorherrschaft bei deren Durchführung streiten. Die Folgen davon sind im Nahen Osten sichtbar und dank des Deals um das iranische Atomprogramm ist die Bedrohung für Israel weiter gestiegen.

  Natürlich darf in diesem Zusammenhang nicht fehlen, dass man aus der Geschichte vor allem gelernt hat, mit allen zu reden und selbst die übelsten Schlächter an Verhandlungstische zu bitten. Das passt auch prima zum innenpolitischen Diskurscharakter in Deutschland, wo selbst die hirnrissigste Meinung als Ausdruck der Pluralität gilt und teils als Argument geadelt wird.[8]

  Als drittes und letztes in dieser kleinen Überlegung sei auf das neu entdeckte Engagement Deutschlands gegen den so genannten Islamischen Staat (IS) verwiesen. Das diese „Folgeerscheinung des Nationalsozialismus“ (Uli Krug) nur militärisch besiegt werden kann, dürfte ebenso klar sein, wie es ein wirkliches Reeducationprogramm gegen alle Widerstände vor Ort bräuchte, um die schlimmsten Auswüchse im Nachgang zu verhindern.[9] Kaum kam die Debatte hierzulande auf einen möglichen Einsatz, gab es gleich die ersten Stimmen von deutschen Friedensfreunden gegen diesen. Dass hier nur wieder das antiamerikanische Ressentiment in Verbindung des Schutzes alles Autochthonen durchschlägt, ist nicht weiter überraschend. Dennoch gibt es gute Gründe, einen deutschen Eingriff rundherum abzulehnen. Der wohl triftigste ist eng verbunden mit dem Diskurscharakter, der um eine kulturalistische Ebene erweitert wird. Letztendlich läuft das nicht nur darauf hinaus mit allen Beteiligten zu reden, sondern jedem ethnisch festgelegten Kollektiv eine kleine Scholle zuzugestehen, was einer Parzellierung und Kleinstaaterei mit einem dauerhaften Ausnahmezustand entsprechen dürfte.[10] Dass hierbei Minderheiten, die bereits vorher Diskriminierung ausgesetzt waren, die Leidtragenden sein werden, ist mehr als wahrscheinlich.[11]

  All dies verwundert auch kaum, wenn gerade am Tag der Befreiung von Auschwitz, d.h. als das Sinnbild für die deutsche industriellbetriebene Massenvernichtung endlich beendet wurde, hierzulande dieser Tag der Trauer gilt. Hinzu kommt heute der befeuerte Ausnahmezustand im Zuge der so genannten „Flüchtlingskrise“,[12] der einerseits auf die permanente Aktivierung des Subjekts hinausläuft, die im alltäglichen Hauen und Stechen als Selbstoptimierungsvorsprung verkauft werden kann. Andererseits wird im Sinne der Willkommenskultur vor allem ein neues Deutschlandbild entworfen,[13] was die Spuren der Vergangenheit tilgen soll, um endlich auch praktisch bewiesen zu haben, geläutert zu sein.[14]

  Diese genannte Verbindung aus geschichtsbewusster Läuterung und dem jetzigen gesellschaftlichen Zustand kann gerade hierzulande nur als besorgniserregend aufgefasst werden.[15]


[1] Innenpolitisch sind hier vor allem die Lichterketten gegen Rechts sowie die Überführung und Etablierung antifaschistischen Engagements in staatliche Alimentation. Hinzu kamen die neuen Gedenkrituale und -plätze, u.a. das Holocaustmahnmal in Berlin, wo „Menschen gern hingehen“ (Gerhard Schröder). Außenpolitisch äußerte sich dies in der völkischen Neuordnung des Balkans, wo man ethnisch jedem seine Scholle und Kultur zugestand, nachdem alles in Grund und Boden bombardiert wurde. Die Folgen dessen sind bis heute sicht- und spürbar.

[2] Interessant zu sehen, dass es anscheinend eine weniger übersteigerte Form des Nationalismus geben soll. Über den üblichen rechtskonservativen Schlag einer Extremismus“theorie“ braucht es nun wahrlich keine größeren Ausführungen mehr.

[3] Die Anzahl der Ermordeten, vgl. https://www.stsg.de/cms/pirna/startseite [zuletzt aufgerufen am 10.02.2016].

[4] O-Ton: „Es war eine harmlose Rede.“

[5] Am Rande erwähnt gelang es ihm zugleich, immer die aktuellen Problemlagen, speziell zu rechten Umtrieben, im Nachgang ebenso zu benennen, was den unbeabsichtigten Nebeneffekt hatte, dass zumindest bei diesen Veranstaltungen indirekt deutlich wurde, dass die sächsische Provinz kein lebensbejahender Raum ist.

[6] Bis heute wird in Bezug auf andere Staaten nicht von Partnern, die über binationale Verträge miteinander verbunden sind, sondern von so genannten Freunden gesprochen, als gäbe es solcherlei Verbindungen zwischen Staaten. Ganz abgesehen davon, dass aufgrund der Größenverhältnisse und Bevölkerungsanzahl zwangsläufig dieser Begriff von Freundschaft kollektive Zwangsgemeinschaften meint. John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter hatte den Unterschied zwischen Freund- und Partnerschaft in einer der Talkshowrunden bei Günter Jauch zum Thema NSA-Affäre nochmals deutlich hervorgehoben.

[7] Letztlich wurden nur die bestehenden Verbindungen vergoldet, vgl. http://de.stopthebomb.net/deutschland-iran.html [zuletzt aufgerufen am 10.02.2016]. Und um bei Sachsen zu bleiben, auch der Wirtschaftsminister Dulig (SPD) plant eine Iranreise, siehe http://www.welt.de/regionales/sachsen/article151903954/Wirtschaftsminister-Dulig-plant-Iran-Reise.html [zuletzt aufgerufen am 10.02.2016].

[8] Um wieder bei Sachsen zu bleiben, sei an die ersten beiden Bürgerdialoge in der Dresdner Kreuzkirche erinnert. An beiden waren PEGIDA-Organisatoren selbst mit beteiligt. Deshalb kann nicht verwundern, dass die dort geäußerten Ressentiments als Ängste umgedeutet wurden und dass die Rede von einer konstruktiven Atmosphäre war. Wenn dann aber jemand PEGIDA als eine faschistische Bewegung klar benannte, wird er ebenso ganz auf Linie vom gleichen diskursfreudigen Mob noch vor Ort niedergebrüllt. Zum ersten Bürgerdialog, siehe http://www.mdr.de/sachsen/pegida-dresden298_zc-f1f179a7_zs-9f2fcd56.html [zuletzt aufgerufen am 10.02.2016]. Zum zweiten Bürgerdialog, siehe Baumann-Hartwig, Thomas: 2. Bürgerdialog in Kreuzkirche: Dresden bleibt zerissen, online: http://www.dnn.de/Dresden/Lokales/2.-Buergerdialog-in-der-Kreuzkirche-Dresden-bleibt-zerrissen [zuletzt aufgerufen am 10.02.2016].

[9] Das schließt praktisch auch die Absetzung von Assad mit ein, um überhaupt Russland und Iran ihre strategische Position zu entziehen.

[10] Erprobt wurde dies, wie in Anmerkung Eins besprochen, bereits auf dem Balkan. Vergleichbare Überlegungen gab es damals auch für Afghanistan, vgl. Becker, Thomas: Kein Blut für Bush, in: BAHAMAS (2002) 37, S. 5-8.

[11] Gleiches gilt in Europa für Sinti und Roma, die man im geläuterten Deutschland zwar nicht mehr in Lager stecken, dafür aber in großer Zahl abschieben kann.

[12] Nur im Ausnahmezustand fühlt sich ein Großteil der Deutschen wohl bzw. kann das sonst so verschmähte Gefühl der Volksgemeinschaft ausgelebt werden. Das es bei solchen Ereignissen nicht um so etwas Profanes wie die Versorgung von Menschen geht, sondern um einen Dienst an etwas Höheres, wie der Gemeinschaft, konnte die letzten Jahre auch immer wieder bei Überschwemmungen festgestellt werden.

[13] Über den ideologischen Gehalt der Willkommenskultur, siehe Nabert, Alexander: Flüchtlingskrise – Ich war dabei, in: Jungle World (2015) 38, online: http://jungle-world.com/artikel/2015/38/52702.html [zuletzt aufgerufen am 10.02.2016].

[14] Über diesen Zusammenhang, siehe Kunstreich, Tjark: Neue Judensternstunden, in: Jungle World (2016) 4, online: http://jungle-world.com/artikel/2016/04/53410.html [zuletzt aufgerufen am 10.02.2016].

[15] Verwiesen sei auf den sprunghaften Anstieg von Angriffen auf Asylunterkünfte und Attacken auf Asylsuchende, meist verübt von Ersttätern. Hinzu kommt in Sachsen mit PEGIDA eine faschistische Bewegung, welche nur eine beschränkte Reichweite bei Mobilisierungen, aber dennoch zu einer klareren Artikulierung von Ressentiments beigetragen hat.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: