Im Blindflug vorwärts II

22/01/2016

von Gumbel

Am 15. und 16. Januar hatte das Bündnis „Nazifrei – Dresden stellt sich quer“, besser bekannt unter dem Namen Dresden Nazifrei, zu einer Strategiekonferenz in die sächsische Landeshauptstadt am Hörsaalzentrum (HSZ) der TU eingeladen. Bereits im Ankündigungstext wurden als Gründe vor allem die seit über einen Jahr stattfindenden Demonstrationen von PEGIDA und das allgemein rassistische Klima in Sachsen genannt. Zugleich verwies man in diesem Zusammenhang auf die weitgehend marginalisierten Gegenproteste. Somit sollte die Konferenz zweierlei erfüllen: PEGIDA zu kontextualisieren und neue Strategien für praktische Interventionen zu schaffen. Trotz geringer Erwartungen gab es bei mir zugleich die ehrliche Hoffnung, dass eventuell eine selbstkritische Aufarbeitung der letzten eineinhalb Jahre stattfinden könnte. Nach einem Blick ins Programm meldete ich mich schließlich zur Konferenz an.

Die Veranstaltung begann Freitagabend sogar viel versprechend. Nach einleitenden Worten durch den Sprecher des Bündnisses, analysierte Jennifer Stange in ihrem Einführungsvortrag die Gegenproteste und sparte nicht mit Kritik. Neben dem Eventcharakter sprach sie insbesondere die Inhalts- und Kritiklosigkeit an. Sie charakterisierte diese als eine Verlängerung aus den Protesten rund um den 13. Februar, wo bereits größere Teile des Inhalts für die Masse geopfert wurden. Dabei verwies sie auf den Diskurscharakter des Ganzen und seiner praktischen Auskleidung, u.a. dem Täterspurenrundgang, der letztlich zu einer Legitimation des bürgerlichen Gedenkens führte.[1]

Im zweiten Eröffnungsvortrag unternahm Felix Riedel eine Charakterisierung von PEGIDA als ein Produkt bürgerlicher Gesellschaft vor. Dabei verwies er darauf, dass weder die ideologischen Vordenker der Dresdner Bewegung noch sie selbst ein von außen hereingebrochenes unerklärliches Phänomen seien. Vielmehr überzeugte sein Vortrag über die Analyse von Reden und Aussagen der Vortragenden bei PEGIDA, u.a. von Udo Ulfkotte, dass diese Ideologeme benutzen, die zusammengenommen auf einen faschistoiden Charakter der Bewegung hinweisen. Zugleich kritisierte er die Gegenproteste in diesem Zusammenhang für ihre platten Gegenüberstellungen, vor allem bei bürgerlichen Protesten á la „bunt statt braun“ – Rhetorik, die auf ein anderes Dresden oder allgemeiner anderes Sachsen verweisen würden, was es real nicht gibt noch gegeben hat. Auf die Gegendemonstrationen und -aktionen in der sächsischen Landeshauptstadt brachte er den schönen Vergleich „[…] als wäre Dresden irgendwann mal so etwas wie ein New York an der Elbe gewesen.“

Nun kam die erste Ernüchterung, denn Nachfragen zu beiden Vorträgen waren kaum möglich, sondern es sollte in zufällig ermittelnden Kleingruppen das Erlebte besprochen werden.[2] Abgesehen von dem autoritär daherkommenden Diskursfirlefanz wurde somit Menschen die Möglichkeit genommen, sich direkt mit den Referenten und deren Erläuterungen und Kritiken auseinanderzusetzen.

Dementsprechend sinnfrei war dann das abschließende große Plenum, was ich nach gut 20 Minuten verließ. Als hätte es beide Vorträge nicht gegeben, wurden nun die üblichen Phrasen losgelassen. Neben dem Appell nach mehr Zivilcourage, war es vor allem der Ruf nach mehr Inhalt, wo ich mich dann fragte, ob einige die 90 Minuten vorher im Saal gewesen waren. Da passte auch der Ruf der Jung-ML’er „Revolution – Internationale kommunistische Jugendorganisation“ nach Organisierung, d.h. die offensichtliche Kaschierung der eigenen Inhaltslosigkeit.[3] Spätestens nach Versuchen der Kollektivierung im Publikum im Sinne von „Das sehen wir doch alle so“ beendete ich meinen ersten Tag auf der Konferenz.

Das im Übrigen nicht viel beim Plenum herausgekommen war, bemerkte ich am nächsten Tag bei der Begrüßungsrunde, die als Thema die Rekapitulation des Vortages zum Inhalt hatte, denn da kam, wenig überraschend, nichts. Anschließend sollte die Workshopphase beginnen. 14 standen zur Auswahl. Auffällig von Beginn an war das Gewicht Richtung Praxis, frei nach dem Motto, bloß nichts gegen das unstete Bauchgefühl unternehmen, was wohl beim Großteil der Gäste vorhanden war. Genauso auffällig die Verteilung zwischen Männern und Frauen bei den Referent_innen.[4] Ich hatte mich bereits im Vorfeld für den Workshop zum autoritären Charakter entschieden, zumal ich bereits Vorträge des Referenten kannte.

Und bereits bei der Einleitung kam die zweite Ernüchterung. Eine Person, die im Sinne des Bündnisses den Workshop leiten sollte, verkündete zu Beginn, dass nach dem theoretischen Input vom zweiten Referenten eine praktische Umsetzung vorgeschlagen werden sollte, um zu Ergebnissen zu kommen. Spätestens da wusste ich, wie naiv ich an die Konferenz herangegangen war und begrub gleichzeitig meine kleine Hoffnung nach einem Erkenntnisgewinn der Gesamtveranstaltung.

Das die Drohung mit der Ergebnisorientierung ernst gemeint war, trat nach dem sehr informativen Input, der maximal an der Oberfläche des Gegenstandes zum autoritären Charakter gekratzt hatte, direkt zutage. Eine Diskussion zum Referat wurde im Keim durch den Beauftragten des Bündnisses erstickt. Wie bereits am Vortag schien hier das antiintellektuelle Ressentiment durch. Indirekt erfolgte dann auch die Maßgabe, dass genug geredet worden sei und nun endlich effektiv gehandelt werden müsste.

Nach den Ausführungen des zweiten Referenten, der ad-hoc versuchte, praktische Relevanz aus dem vorherigen Vortrag zu ziehen, was von Beginn zum Scheitern verurteilt war und nichts mehr mit dem eigentlichen Thema zu tun hatte, fand sich die Runde letztlich vor vier DIN A2 Blättern wieder. Auf diesen konnte jede_r zu „Selbstoptimierung“, „Nicht verhandelbare linke Position“ und noch zwei weiteren Feldern seine Worthülsen aufschreiben. Anstatt zu diskutieren und somit einen Rahmen für einen Gedankenaustausch zu schaffen, wurden Zettel beschrieben, wo am Ende niemand mehr wusste, wer sich auf wen bezog. Zum Glück war mit Beginn dieser Phase die Mittagspause. In der suchte ich zwecks Nachfragen direkt das Gespräch mit den Referenten zum autoritären Charakter und des Vortrags vom Vortag. Das war weitaus produktiver als der erste Teil des Workshops. Der zweite Teil des Workshops brachte dann auch keine Besserung, im Gegenteil. Einwände meinerseits, festzuhalten, dass es unsinnig sei, Ergebnisse zu produzieren, wo gar keine Kenntnis über den Gegenstand vorliegen,[5] wurden mehrfach übergangen. Lieber wurden nun kleine Zettel fürs Hauptplenum voll geschrieben. Nach Ende des zweiten Teils gab es noch einen Vortrag tschechischer Genoss_innen zu den Ereignissen der letzten Monate und wie sich PEGIDA international vernetzt hat,[6] bevor das abschließende Plenum stattfinden sollte. Das war der Zeitpunkt, wo ich die beiden zuvor Angesprochenen fragte, ob wir Bier trinken gehen wollen, um die begonnenen Gespräche zu vertiefen und wir verließen die Konferenz vor dem Hauptplenum.

Dass das unbehagliche Bauchgefühl blieb und es keine wirklichen Erkenntnisgewinn gab, verrät der Blick ins Kurzfazit von Dresden Nazifrei, der erwartungsgemäß nicht ohne die übliche Eigenlaudatio auskommt:

„Die von uns mit der Konferenz verbundenen Ziele sind daher dennoch erreicht. […]

Erste Erkenntnisse können wir jedoch schon benennen: Gegenprotest muss größeren Fokus auf die gesellschaftlichen Ursachen legen, die den Zulauf zu PEGIDA erst ermöglichen. PEGIDA findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern ist Konsequenz einer bestimmten (sächsischen) Realität und hat ihrerseits wiederum Auswirkungen auf diese. Dies müssen wir künftig stärker in den Mittelpunkt rücken und eigene politische Inhalte mit dem Protest gegen PEGIDA verbinden. Auch wurde sehr deutlich, dass die (Öffentlichkeits-)arbeit der NoPegida-Bewegung noch sehr viel besser untereinander abgestimmt werden muss. Und natürlich müssen wir auch die vielen Einzelideen und ersten Überlegungen sammeln, koordinieren, bei Bedarf und Wunsch auch unterstützen usw., die im Laufe der Workshops und Plena genannt und diskutiert wurden.“[7]

Alles was man vorher bereits wusste, wurde im Nachgang als Erkenntnisgewinn verkauft, nur um sich nicht eingestehen zu müssen, nicht willens oder fähig zu sein, analytisch keinen Schritt vorangekommen zu sein. Anstatt festzuhalten, dass erstmal ein Erkenntnisgewinn sinnvoll wäre, verblieb man lieber beim bewegungslinken Gesinnungskitsch. Wenn das inhaltlich nach knapp eineinhalb Jahren alles war, dann macht einem nicht nur PEGIDA, sondern auch die Verfasstheit der Gegenproteste Angst.


[1] Dieses kann sich in dem Kontext als geläutert betrachten, was wiederum nahtlos an den bundesweiten Kanon der Vergangenheitsbewältigung anschließt. Hierbei ist Jan Singer zuzustimmen, der bei der Hallenser Konferenz „Das Nachleben des Nationalsozialismus“ darauf hinwies, dass durch die permanent vorgetragene Läuterung heutzutage ein Gedenken an Auschwitz und an das Leiden der Wehrmachtssoldaten sich nicht mehr ausschließt, sondern das das Gegenteil der Fall ist. Zum damaligen Programm in Halle: http://redaktion-bahamas.org/aktuell/20151205halle.html

[2] Die jeweiligen Kleingruppen wurden zu Beginn durch Nummerziehen bei der Anmeldung ermittelt, was deutlich werden lässt, dass es nicht um Auseinandersetzung mit dem verhandelnden Gegenstand, sondern vor allem um pluralistischen Diskurs und (linker) Wohlfühlatmosphäre ging, wo nicht die Gefahr bestand, jemanden auf den Schlips zu treten. Das Nummerziehen hat aber auch noch einen anderen negativen Beigeschmack, denn dieser Quatsch suggeriert, als wäre ich als Individuum nicht fähig mir Gesprächspartner_innen, vor allem diejenigen, die mir genehm sind, selbst zu suchen. Denn gerade bei dergestalt großen, um nicht zu sagen, aufgeblähten Bündnissen ist die Wahrscheinlichkeit nicht gerade gering, an Menschen mit einem Hang zu nationalen Sozialismen zu geraten, was wahrlich keinen Erkenntnisgewinn versprechen dürfte.

[3] Neben dem Dresdner Ableger dieser Gruppe gab es im Foyer auch einen Stand der SDAJ. In Bezug auf die geringe Teilnehmer_innenanzahl verdeutlicht das einmal mehr, wer weggeblieben ist und wen man bei solchen Events immer antrifft.

[4] Bezeichnend, dass einer der wenigen von Frauen geleiteten Workshops dann ausgerechnet Kunst und Kultur zum Thema hatte.

[5] Wohin das nun geführt hat, lässt sich in der SZ nachlesen, wo eine weitere halbgare Studie zu PEGIDA präsentiert wurde, siehe: http://m.sz-online.de/nachrichten/tu-studie-pegida-ist-nicht-rechtsextrem-3302212.html [zuletzt aufgerufen am 22.01.2016].

[6] Der dazu ausgeteilte Flyer war selbst in gewisser Weise der Endpunkt beider Tage. Weniger wegen seines Inhalts, sondern mehr nach der Frage des Gendern (Stichwort: Diktator*innen). Wie eine Vorwegnahme dessen wirkte der Text der AFBL im Dossier der Jungle World zwei Wochen zuvor, siehe: Das Unbehagen mit dem Sternchen, in: Jungle World 7. Januar 2016, online: http://jungle-world.com/artikel/2016/01/53294.html [zuletzt aufgerufen 23.01.2016].

[7] http://www.dresden-nazifrei.com/125-strategiekonferenz/829-strat-konferenz-kurzfazit [zuletzt aufgerufen 26.01.2016].

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