Im Blindflug vorwärts

12/01/2016

Von Gumbel

  Am 24.12.2015 gab das sich selbst als kommunistisch verstehende …umsGanze-Bündnis eine Einladung für ein Treffen Ende Januar an die radikale Linke heraus. Es ist als Gesprächsangebot an Antifa- und Antira-Gruppen zu lesen, um über die aktuelle Lage in Deutschland und Europa zu beraten. Auffallend an dem Artikel ist vor allem die Tatsache, wie groß die Diskrepanz zwischen propagierten Selbstverständnis und Geschichtsbewusstsein ist.

  Ein bisschen fragt man sich schon, ob die Genoss_innen, die für das Pamphlet verantwortlich sind, bisher einen Blick in die Geschichte der eigenen Bewegung geworfen haben. Anders lässt sich kaum erklären, warum diese 2 1/2 Seiten entstanden sein könnten, die nicht nur an den Großstadtgrenzen stehen bleiben, sondern teils in gutem alten Kadersprech der 80er- und 90er-Jahre daherkommen. Das es auch nicht großartig um Inhalte, gar um theoretische Einordnungen oder Diskussionen gehen wird, verdeutlicht neben der Überschrift „#all2gethernow: In Bewegung bleiben – Gegen die Abschottung und ihre Fans“[1] die darauf folgende Kurzerläuterung über den Sinn des Treffens: „[…] zwecks Planung einer Mitmach-Kampagne […]“[2].

  Es ist erstaunlich, wie die Debatten der letzten Monate durch den Fokus auf eine Bewegungslinke weitgehend ausgespart werden, denn nach dem skizzenhaften Abriss über die momentane Weltlage erfolgt der Versuch, sich selbst über die vollbrachten Leistungen etwas Positives abzugewinnen, bevor vollends der eigene Frust durchschlägt:

Bei zahlreichen Demos und Aktionen, von München bis Köln, Hamburg bis Berlin wurde deutlich gemacht, dass es keine ‚Flüchtlingskrise’, sondern eine der kapitalistischen Reichtumsverteilung und seiner Produktion gibt. Die Aufmärsche der völkischen Kulturkämpfer, von Pegida, AfD und Co, sind immer wieder mit direktem Widerstand konfrontiert worden. Auch gegen die staatlichen Versuche mit einer erneuten Verschärfung des Asylrechts auf die Autonomie der Migration zu antworten gab es diverse Protestaktionen. Und in Göttingen, Berlin, Bremen, Frankfurt und einigen anderen Städten haben schon praktische Initiativen zur Schaffung sozialer Zentren für Geflüchtete stattgefunden. Klar ist: Solidarität muss politisch werden.“[3]

Vollkommen ausgeblendet wird dabei das Gefälle zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands. Das sich da eine unbewusste Vermutung dennoch zeigt, lässt sich an den Städtenamen festmachen. Ebenso deutlich tritt in diesem Abschnitt die Tatsache hervor, dass das Genannte nicht über die Großstadtgrenze hinausreicht, sprich gar nicht die Gegenden einbezieht, wo der „Idiotismus des Landlebens“ (Marx/ Engels) besonders hervorsticht, u.a. in Sachsen: Die letzten Monate Freital, Meißen, Heidenau, aber ebenso Bad Schandau oder Sebnitz sind Synonyme für Landstriche, in denen Menschenfeindlichkeit und Irrationalität herrschen. Es geht primär in diesen Käffern noch nicht einmal um organisierte faschistische Gruppen oder Organisationen,[4] sondern vielmehr um eine allgemeine autoritäre Staatshörigkeit durch DDR-Sozialisation und 25 Jahren CDU-Herrschaft, verbunden mit einer latent aggressiven Stimmung gegen alles, was als Zumutung gegen die ostdeutsche Volksgemeinschaft interpretiert wird.[5] Nicht umsonst sind Zahlen von Waffengütern, u.a. Pfefferspray in die Höhe geschnellt und bilden sich Bürgerwehren, um dem Bedürfnis nach Schutz und möglicher Bestrafung gerecht zu werden.

  Das sich im Anschluss daran eine Ahnung der eigenen Marginalität abzeichnet, wird durch die gleich zu Beginn des neuen Absatzes vollzogene Aussage deutlich:

„Aber selbst wenn es schlimmeres gibt, als wenn die Welt sich schneller dreht als die radikale Linke – seien wir ehrlich: viel erreicht haben wir bisher nicht.“[6]

Anstatt genau hieran anzusetzen und nach den Gründen dessen zu fragen, bspw. welche gesellschaftliche Stellung die radikale Linke in Deutschland inne hat oder welche geschichtlichen Zäsuren und Brüche es für Auf- und Abschwünge gab, folgt dann der historische Treppenwitz:

„Wir müssen jetzt mehr als ‚Hauptsache irgendwas’ tun. Nämlich unsere begrenzten Kräfte bündeln, uns finden, die Hebel da ansetzen, wo es weh tut – uns koordinieren.“[7]

Im Zusammenhang dazu der dumm-plakative Spruch, welcher direkt aus der Mottenkiste linker Phraseologie geholt wurde, wenn die Rede davon ist „[…] als radikale, antiautoritäre Linke gemeinsam und bundesweit in die Offensive kommen [zu] können.“[8] Die Frage, die sich da unweigerlich stellt und die das Dilemma sichtbar macht: Wer soll bei ohnehin begrenzten Kräften, die nur wenig Wirkung aufgrund dessen entfalten konnten, flächendeckend, denn nichts anderes ist mit bundesweit gemeint, in die Offensive kommen? So ein Widerspruch entsteht, wenn der Aufruf so hip klingen soll wie von einer K-Gruppe vor einem Vierteljahrhundert.

  Anstatt also trotz der jetzigen Situation dennoch endlich einmal eine bitter nötige Auseinandersetzung mit der Geschichte der eigenen Bewegung zu initialisieren, wird im Gegenteil ein Mehr dessen veranschlagt, was bereits in den 90er-Jahren schoneinmal gescheitert ist:

„Wir haben bereits einige Ideen, wie Schritte dahin aussehen könnten. Zum ersten planen wir lokale Angebot für all diejenigen Jungen und Alten zu schaffen, die jetzt aktiv geworden sind und Bock auf linksradikales Allerlei haben. Zum zweiten schwebt uns eine gemeinsame Antifa-Plattform vor, mit der wir den völkischen Rollback und dessen organisatorischen Kern, die AfD samt ihren Etablierungsversuchen in den kommenden Wahlkämpfen, bundesweit ins Visier nehmen können.“[9]

Dass das so genannte „lokale Angebot“ letztlich auf das Dauerproblem einer Einbindung von Ü30-Genoss_innen verweist, wird ebenso wenig zur Kenntnis genommen, wie der Vorschlag auf eine „gemeinsame Antifa-Plattform“. Anscheinend sind den Autor_innen weder die Antifaschistische Aktion/ Bundesweite Organisation (AA/BO) oder das Bundesweite Antifa Treffen (BAT) und deren jeweiliges Scheitern bekannt.[10] Davon abgesehen scheint es auch gar nicht mehr auf Inhalte anzukommen, wenn es um „Bock auf linksradikales Allerlei“ geht, wo nicht mal mehr umrissen wird, was damit gemeint sein könnte und wo die Grenze u.a. zu denjenigen autoritären linken Gruppen verläuft, die sich ebenfalls als linksradikal verstehen.

  Demzufolge ist das Problem auch weniger ein solches Treffen zu veranschlagen als vielmehr der inhaltliche Aufruf dazu, der eine kritische Selbstreflexion auf die eigene gesellschaftliche und historische Relevanz fast durchgängig missen lässt.[11] Da werden einem Menschen wie Bernd Langer in diesen Tagen sogar sympathischer, weil diese sich gesellschaftlich zu verorten wussten und welche Möglichkeiten sich daraus ergaben, d.h. einen Begriff davon hatten, welche Relevanz sie besaßen, auch im historischen Rückblick auf die Arbeiterbewegung, als dessen Teil sie sich verstanden.

  Die Einladung verwundert umso mehr, denn es gab in den letzten Monaten mehrere pragmatische Beiträge zu möglichen Interventionen und Handlungsspielräumen in der AIB. Neben den Artikeln der Antifa Kleinparis[12] vom Oktober 2015 und den nochmals abgedruckten aus der AIB (1997) 41 zu Rostock-Lichtenhagen[13] ist vor allem der zwei Tage vor der Einladung am 22.12.2015 veröffentlichte Artikel zu nennen.[14] Damit gelingt der AIB etwas, was an sich von der …umsGanze-Einladung zu erwarten gewesen wäre: Eine Aktualisierung, in Teilen sogar Historisierung der aktuellen Lage und den sich daraus ergebenden Handlungsmöglichkeiten.

  Der Artikel vom 22.12. ist auch deshalb lesenswert, weil in ihm einige der immer wiederkehrenden Kritikpunkte und historischen Probleme aufgenommen, anhand derer Ideen oder Lösungsvorschläge versucht werden aufzuzeigen. Ohne Frage finden sich auch in dem AIB-Artikel Schwächen[15] und manch ein Punkt bietet vermeintlich nichts Neues. Im Gegensatz zu der Einladung kommt dieser aber weitgehend bis auf den obligatorischen letzten Absatz ohne Phraseologie aus und bietet vor allem eine realistische Diskussionsgrundlage.

  Es bleibt abzuwarten, was nun am 31.01.2016 in Frankfurt am Main, wo das …umsGanze-Treffen stattfinden soll, herauskommen wird. Mehr als der Anfang einer bewegungslinken Kampagne wird es aller Voraussicht nach nicht werden. Dennoch wäre selbst da noch einiges gewonnen, wenn dem Ganzen eine pragmatische Einschätzung zugrunde liegen würde, die speziell die Option eines Scheiterns mit einschließt.


[1] Vgl. http://umsganze.org/einladung-radikale-linke/ [Zuletzt aufgerufen am 12.01.2016]. Hervorhebung nicht im Original.

[2] Vgl. ebd.: Hervorhebung im Original.

[3] Vgl. ebd.

[4] Zweifellos gibt es sie und sie stellen ebenso eine weit reichende Gefahr für Leib und Leben dar. Dennoch verdeutlicht u.a. die Serie der Brandanschläge, dass nun vor allem als bürgerlich oder normal wahrgenommene Deutsche zu Benzinkanister und Feuerzeug greifen. Diese gaben ihre geistigen Ausgüsse entweder beim Stammtisch oder bei Familienfeiern zum Besten, d.h. der physisch gewaltfreien und damit gesellschaftlich akzeptierten Form in Deutschland. Bei öffentlichen Auftritten hingegen ist diese Grenze bereits wieder fließend, wie sich an Anzeigen gegen den Frontmann von PEGIDA Lutz Bachmann zeigt. Leute wie Seehofer, der die deutschen Sozialsysteme bis „zur letzten Patrone“ vor Betrügern schützen will, muss sich hingegen keine allzu großen Sorgen wegen Volksverhetzung machen. Es bleibt in der Öffentlichkeit immer noch die durchlässige Grenze des möglich sagbaren und welche gesellschaftliche Position die sich äußernde Person einnimmt.

[5] Konkret gesagt: Asylsuchende sind weitaus größeren Gefahren an den genannten Orten ausgesetzt als in den meisten Großstädten. Das es in Großstädten keine Probleme mit Versorgung oder rassistischen An- und Übergriffen geben würde, sollte damit nicht zum Ausdruck kommen. Das zeigt ein Blick nach Berlin mit den Problemen in den Randbezirken oder die Nachrichten rund um die LaGeSo.

[6] Vgl. http://umsganze.org/einladung-radikale-linke/ [Zuletzt aufgerufen am 12.01.2016].

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd.

[10] Vgl. Das Bundesweite Antifa Treffen, in: AIB (2002) 57, online: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/das-bundesweite-antifa-treffen [zuletzt aufgerufen am 12.01.2016].

[11] Vergleichbar verhält es sich mit dem Gerede von „Antifa in der Krise“, das vor allem nach den Auflösungen von ARAB und ALB wieder auf der Bildfläche auftauchte. Anschaulich wird hieran, dass vor allem der eigene Großstadtkiez als krisenhaft wahrgenommen oder interpretiert wird und nicht, wie es um die bundesdeutsche Realität bestellt ist.

[12] Vgl. Ein wenig mehr als Feuerwehr, in: AIB (2015) 108, online: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/ein-wenig-mehr-als-feuerwehr [zuletzt aufgerufen am 12.01.2016].

[13] Vgl. „Ein Blick zurück“, in: AIB (1997) 41, online: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/f%C3%BCnf-jahre-nach-rostock-ein-blick-zur%C3%BCck-im-zorn [zuletzt aufgerufen am 12.01.2016].

[14] Vgl. Antifaschistische Aktion ­– Für die konsequente Intervention, in: AIB (2015) 109, online: https://www.antifainfoblatt.de/artikel/antifaschistische-aktion-%E2%80%93-f%C3%BCr-die-konsequente-intervention [zuletzt aufgerufen am 12.01.2016].

[15] Allein die Überschrift soll vermeintliche Stärke demonstrieren, wo teils keine ist.

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