Schlecht gebrüllt Löwe

26/10/2015

Von Gumbel

Am 19.10. war es soweit: Ein Jahr PEGIDA. Und alle kamen, immerhin versammelten sich auf beiden Seiten an die 15.000 Menschen. Es scheint nach dem 13. Februar das nächste Event für Dresden gefunden worden zu sein. PEGIDA zelebriert dies zumindest für sich selbst bereits erfolgreich nicht im Jahres- sondern im Wochenrhythmus. Da hapert es auf der Gegenseite noch gewaltig. Aber nicht nur da.

Wie bei solchen Veranstaltungen üblich werden Bekundungen, abgesehen von den Redebeiträgen zu Beginn und auf Zwischenkundgebungen meist verbal oder in Schriftform geäußert, d.h. nichts anderes das sowohl Parolen und Sprechchöre gerufen bis gebrüllt als auch die Positionen mithilfe von Transparenten und Plakaten mitgeteilt werden.

Kein Geheimnis ist dabei, dass solcherlei Bekundungen oftmals verkürzt sind. Wenn man auf derartige Veranstaltungen geht, gewöhnt man sich an, über einiges hinwegzusehen. Dennoch ist hier mal ein guter Zeitpunkt auf einige der gröbsten Hässlichkeiten genauer einzugehen. Zum einen wäre da der berühmt-berüchtigte Spruch: „Nazis essen heimlich Döner“, der auch in Dresden nicht fehlen durfte.

Meinen die Initiatoren sich über die undeutschen Essensgewohnheiten deutscher Faschisten lustig zu machen, offenbart dass weniger über die Faschisten, sondern vielmehr über die Initiatoren und ihrer Krampfhaftigkeit. Zuerst wäre die banale Tatsache festzuhalten, dass der Döner in der hierzulande konsumierten Form eben kein ausländisches Produkt, sondern eine Erfindung aus Berlin ist. Abgesehen davon ist es vor allem eine kulturalistische Projektionsleistung, Menschen anhand ihrer Essgewohnheiten direkt ihrem so genannten Kulturkreis zuzurechnen. In dem Falle im negativen Sinn, denn es wird gerade die Abweichung dessen als Fehlverhalten sanktioniert. Maßgeblich begründet darüber, dass Faschisten ja Ausländer hassen. Das hierbei anscheinend nichts von Ideologie, im Konkreten von Faschismus verstanden wurde, lässt sich bereits daran ablesen, dass Fremdenhass auf Menschen gleichgesetzt wird mit dem auf Produkte. Dass das immer wieder mal vorkommt, u.a. kürzlich bei der Compact-Konferenz in Berlin, wo mit dem Hotel vereinbart wurde, dass keine „Imperialistenbrause“ Coca-Cola verkauft wird oder die bekannt gewordenen Auseinandersetzungen von Faschisten im Dresdner Hauptbahnhof bei Burger King, wo die eine Seite der anderen vorwarf, beim Feind essen zu gehen, kann letztlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Faschisten ebenso in kapitalistischen Verwertungslogik eingebunden sind, wie der Rest von uns. Faktisch heißt das nichts anderes, dass auch Faschisten sich letztlich nach ihrem Geldbeutel richten müssen, was sie kaufen, eben auch an Lebensmitteln. Mag es davon temporäre Ausnahmen geben, worunter neben dem genannten auch die vegane Nazikochshow auf youtube fallen würde, handelt es sich letztlich um ein zugespitztes Ideologem.

Wie sinnentleert an sich dieser Ausspruch ist, wird spätestens dann deutlich, wenn man diesen Spruch in angepasster Form auf andere faschistische Gruppen bezieht. Niemand käme wohl auf die Idee bei türkischen Faschisten wie den Grauen Wölfen ein Plakat mit sich zu führen, auf dem stünde: „Türkische Faschos essen heimlich Bratwurst.“

Neben der Ansage, was deutsches Essen ist und was nicht, ist der Ausspruch „Nazis raus“ ein Umschlagen in den konkreten Handlungswunsch nach Elimination. Die Begründung findet sich im rechten Pendant „Ausländer raus“, dem Schlachtruf Anfang der 1990er-Jahre für das Pogrom. Heutzutage ließe sich der „Nazis raus“ – Spruch perfekt ergänzen mit der Rede von Sigmar Gabriel in Heidenau. Dieser hatte den dortigen rassistischen Mob als „Pack“ bezeichnet. Damit war weniger die rassistischen Handlungen am Vortag gemeint, sondern ganz im Sinne des Standortes Deutschland legte Gabriel fest, wer die wahren „Undeutschen“ und in letzter Konsequenz „Schädlinge“ am Gemeinschaftswohl sind. Damit lag er auf einer Welle mit den so Betitelten.[1] Der Spruch „Nazis raus“ ist dazu die Ergänzung, geht es um den unterdrückten Wunsch endlich doch mal selbst loszuschlagen. Und das meint nicht im Sinne einer Verteidigung gewisser zivilisatorischer Errungenschaften vorm faschistischen Mob, sondern in der enthemmten Gewalt gegen den endlich durch die Stigmatisierung entrechteten Feind. Mit seiner „Pack“-Rede lieferte Gabriel dafür die indirekte staatliche Legitimation. Immerhin fing innerhalb linksradikaler Kreise ein Umdenken statt, was dazu führte, dass heute vermieden wird, die Parole auf Demonstrationen zu rufen.[2] Verstärkt kommt sie dafür bei Demonstrationen mit einem höheren bürgerlichen und Parteijugendanteil vor.[3]

Dieser nur sehr grob umrissene Problemhorizont dient in erster Linie dem Aufzeigen, inwieweit einige Aussprüche mehr Gemeinsamkeiten mit dem deklarierten Feind enthalten, sei es in der Art der Feindbildzuschreibungen, einzelner Ideologeme oder in der sehr deutschen Sehnsucht nach Ausnahmezustand und der praktizierten Gewalt. Auch wenn vieles seit Jahren gerufen wird und anders gemeint ist, ist in Zeiten von legitimierten Handlungen durch Sprache eine Sensibilisierung geboten.[4] Das meint kein Sprachverbot oder die Errichtung von Tabus, sondern schlicht Selbstreflexion. Welche Auswirkungen und insgesamt Nutzen Sprache insbesondere in einer deklarierten Volksgemeinschaft hat, hatte Victor Klemperer mit seinem Werk LTI – Notizbuch eines Philologen 1947 aufgezeigt.


[1] Immerhin ging Gabriel dann doch noch auf das Ideal des Rechtsstaats ein (Die deutsche Sozialdemokratie und ihre eigene Ideologie könnte locker nicht nur einen Beitrag, sondern ein Buch wert sein). Ideal darum, weil die Polizei als Gewaltmonopol nicht nur in Heidenau kläglich versagte, sondern in den letzten Monaten insbesondere immer wieder Verbindungen zwischen Polizeibeamten zu Faschisten (siehe Leipzig) und zu PEGIDA und deren Umfeld nachgewiesen wurden. Selbst die DNN ist in letzter Zeit in ihren Artikeln immer wieder in Bezug zu den montagabendlichen Versammlungen auf diesen Umstand eingegangen. Dass das Gewaltmonopol auch aus weiteren Gründen berechtigt kritisiert werden kann und sollte, entlädt sich ebenso auf Demonstration in der anklagend gemeinten Parole: „Wo, wo, wo wart ihr in Rostock“ (Bezogen auf das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen im August 1992). Das diese auch zu den stumpfsinnigeren gehört, liegt daran, dass sie zwar das damalige Polizei(nicht)verhalten versucht in den Mittelpunkt zu stellen, aber durch die persönliche Anrede das Ganze ad absurdum geführt wird: Der Großteil der heutigen eingesetzten Polizist_innen hatte entweder grad gelernt aufs Töpfchen zu gehen oder war im Kindergarten.

[2] Eine vergleichbare Entwicklung ist mit dem Ausspruch: „Wir kriegen euch alle“ zu beobachten.

[3] Eingeschränkt werden muss an der Stelle, dass das eher auf subjektiven Erfahrungen meinerseits beruht. Dennoch erscheint dies nicht unbegründet, wenn man sich vor Augen führt, inwieweit gerade die so genannte bürgerliche Mitte in Deutschland in ausgemachten „Krisenzeiten“ allgemein in Richtung Ausnahmezustand tendiert. PEGIDA als Bewegung hat es geschafft, dies zu kanalisieren und (noch) nicht den Kardinalfehler solcher Bewegungen zu begehen: sich in eine politische Partei umzuwandeln.

[4] Es gibt bereits ungezählte Hinweise und einige Analysen zur Sprache von PEGIDA. Problematisch wird es erst, wenn ein historischer Bezug zur deutschen „Unzeit“, sprich zum deutschen Faschismus und der industriell betriebenen Judenvernichtung gezogen wird, wie die Reaktionen nach der Rede von Akif Pirincci beim PEGIDA-Jahrestag zeigten. Hingegen, wer sich wie ein Horst Seehofer (CSU) in der politischen „Mitte“ befindet, dem schlagen nicht ganz so hohe Wogen ins Gesicht, als 2011 ansetzte, dass er sich „bis zur letzten Patrone” dagegen wehren werde, dass “wir eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bekommen”. Er und seine Parteifreunde liefern letztlich neben der AfD das parlamentarisch und demokratisch legitimierte Feuerzeug in der ausgemachten „Flüchtlingskrise“ für PEGIDA und andere deutsche Vollstrecker mit Brennmaterial vor Asylunterkünften.

Das ist deshalb erwähnenswert, weil u.a. die Zahlen der Brandanschläge sich denen von 1992/93 angeglichen haben.

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