Nachlese zur winterlichen Volksgemeinschaft

10/02/2015

von Eulenspiegels Till

Zum Thema des rechtslastigen allwöchentlichen Warmlaufens für die Volksgemeinschaft wurde eigentlich alles schon gesagt, aber noch nicht von allen. Also wird es ja wohl nochmal erlaubt sein, hier aus linker Perspektive die völkische Harmonie etwas einzutrüben.

Beginnen wir mit den Mobilisierungserfolgen für „Pegida“ seit derem Beginn Ende Oktober. Dabei kann nicht nur die Rolle sozialer Netzwerke kaum überschätzt werden. Frappierend ist auch das absurd breite und in sich bis zum höchsten Grade widersprüchliche Feld an Themen, die spazieren getragen werden. Dabei gelangen die seit vielen Jahren hinlänglich bekannten üblichen Zutaten völkischer Agitation („Das wird man ja wohl nochmal sagen dürfen!“ „Und für sowas bezahl ich Steuern?!“ „Geh doch nach Nordkorea, wenn´s Dir hier nich passt!“ usw.) ebenso zur Aufführung wie die üblichen Jammereien des ach so armen & gepeinigten deutschen Mittelstandes. Neben der klassischen Vorurteilsstruktur des autoritären Charakters verweist „Pegida“ auch aus soziologischer Warte betrachtet sehr zuverlässig auf die Evidenz der These, dass extrem rechte Bewegungen in ‚westlichen‘ Gesellschaften vor allem in erster Linie Mittelstandsbewegungen sind. Die angesprochene Widersprüchlichkeit der Forderungen solcher Bewegungen ist zugleich in der Phase als Bewegung ihr größter Mobilisator. Denn unter höchst unklaren gesellschaftlichen Zielen können sich – objektiv betrachtet – zum Gutteil diametral entgegengesetzte Interessen unter dem Dach eines dafür umso schärfer konturierten Sammelsuriums an Feindbildern sammeln. Mit dem für jede erdenkliche Bewegung mit der Zeit eintretenden Prozess der Hierarchisierung, Institutionalisierung und auch Oligopolisierung (Macht wird dann von kleinen, miteinander konkurrierenden Gruppen an der Spitze ausgeübt) wandelt sich der einstige Vorteil aber in den entscheidenden Nachteil: denn jetzt brechen die zuvor kaschierten latenten Widersprüche manifest hervor. Für die Zeit des Faschismus wie insgesamt jeder extrem rechten Bewegung heißt das: Polykratie, also die „Herrschaft der Vielen“, wobei im Grunde die zuvor nach außen gegen die Feindbilder kanalisierte Gewalt in den internen Machtkämpfen eingesetzt wird. Verlassen wir die historisch-soziologische Ebene wieder, heißt das auf „Pegida“ & Konsorten angewandt: es kommt zu einer Aufsplitterung und Radikalisierung, was einerseits die davon ausgehende Gefahr für konkret Betroffene maximiert, andererseits aber die Mobilisierungschancen für Bewegungen wie „Pegida“ entscheidend schmälern wird. Was derzeit mit der Aufsplitterung dieser Bewegung geschieht, liest sich wie der Vollzug der oben kurz skizzierten ‚Blaupause‘.

Widmen wir uns nun den agitatorischen Heißluftgebläsen des selbsternannten „gerechten Volkswillens“. Besonders diensteifrig äußern sich dazu die üblichen professoralen Verdächtigen. Dabei gibt besonders der Politologe Werner Patzelt die Rolle des verständnisvollen Volks-Väterchens mit Bravour, der in allen erdenklichen „-gida“-Wortunfällen vor allem die arme, gepeinigte, missverstandene deutsche Volksseele sehen will. In solch einer Weltsicht gibt es ja noch nicht einmal mehr den bunten Blumenstrauß an Feindbildern, bis auf das übliche rechtskonservative Schattenboxen gegen die angebliche „politische Korrektheit“. Gehen wir einfach danach, wer wo was und wie laufend sagen darf, müsste mensch ja Blätter wie die „Dresdner Neuesten Nachrichten“, die „Leipziger Volkszeitung“ oder auch überregional die „FAZ“ oder die „Welt“ zu nur heimlich weitergereichten Untergrundblättern umdeuten und das „Antifa-Infoblatt“ wäre so etwas wie das Verlautbarungsblatt der Regierung. Im Dresdner Nahverkehr ist es, um mal die Maßstäbe dezent gerade zu rücken, eigentlich so gut wie unmöglich, einmal nicht von den omnipräsenten politischen Kaffeesatzlesereien eines Professor Patzelt belästigt zu werden.

Was Leute wie er betreiben, wenn sie derartige Bewegungen als fehlgeleitete oder missverstandene Artikulation ‚an sich‘ richtiger ‚gesellschaftlicher Probleme‘ interpretieren, darf ruhigen Gewissens als kollektive Infantilisierung bezeichnet werden. Den Menschen wird die Handlungskompetenz abgesprochen, als ob sie TROTZ des ja wirklich aus allen Ecken und Enden triefenden Rassismus am wöchentlichen Schaulaufen teilnehmen würden. Mit Blick auf bis zumindest vor Kurzem steigende Teilnehmer_innenzahlen wird wohl viel eher das Gegenteil zutreffen: WEGEN. Systemkritisch oder gar ‚revolutionär‘ ist an den dort vertretenen Vorurteilen – Thesen sollten wir es lieber nicht nennen, denn dazu würde ein Mindestmaß an logischer Kohärenz gehören – überhaupt nichts, es sei denn solche Forderungen wie die Abschaffung der GEZ-Gebühren wäre so etwas wie die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Paradoxerweise stammt gerade das Bild von Migrant_innen, welches bei den Aufmärschen allwöchentlich ventiliert wird, aus eben genau jenen Medien, die dort seit eh und je als „Lügenpresse“ verunglimpft werden. Auf gar keinen Fall stammen kollektive Feindbilder wie die „drohende Islamisierung“ oder „Überfremdung“ aus konkreten und dauerhaften Kontakten mit Migrant_innen. Im sehr kompakt-übersichtlichen rechtsoffenen Weltbild haben diese allenfalls die Funktionen der Zubereitung von Speisen aus dem mediterranen Raum oder aber des Textilienverkaufs. Können sie diesem rein instrumentellen Verhältnis nicht mehr gerecht werden, gehören sie in dieser Weltsicht „abgeschoben“, ganz gleich, ob sie vielleicht schon in dritter oder vierter Generation hierzulande leben.

„Pegida“ ist dabei nur die Spitze eines Eisbergs, bei dem es für statthafter gehalten wird, deren Dumpfsinn allüberall breittreten zu lassen, anstatt auch nur einmal nicht nur über, sondern auch mit Migrant_innen zu reden. Eine solche Schieflage der Maßstäbe grenzt fast schon an Surrealismus. Blicken wir auf die Pogrome Anfang der Neunziger, so fällt mir hierzu sinngemäß ein: Geschichte wiederholt sich zweimal. Erst als Tragödie, dann als Farce. (Karl Marx)

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