Nie wieder Auschwitz – Gedenkveranstaltung in Pirna und einige weiterführende Gedanken zum 70. Jahrestag

27/01/2015

von Gumbel

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Heute jährt sich zum 70. Mal der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee. Und die Warnung vor Geschichtsvergessenheit und einem Erstarken von antisemitischen Tendenzen ist aufgrund der Ereignisse der letzten Wochen und Monate umso mehr gegeben.

Wohin beide Aspekte führen, zeigte sich jüngst bei den Anschlägen in Paris. Schnell waren die Schilder mit ‚Je suis Charlie’ fertig gestellt, aber kaum jemand trug eins mit der Aufschrift ‚Je suis Juif’. Erst Tage, wenn nicht Wochen später wurde konstatiert, dass der koschere Supermarkt kein zufälliges Ziel war, sondern bewusst von einem der islamistischen Attentäter aufgesucht wurde. Es ging um das Morden von Juden und Jüdinnen. Auch störte sich bei dem Politiker_innenbild bei der Trauerdemonstration niemand daran, dass mit Abbas jemand in der ersten Reihe stand, der öffentlich so genannte Märtyrer abfeiert, die Juden und Jüdinnen ermordet haben und Straßen sowie Plätze in der Westbank nach diesen benennt.

Trotz allem wurde in den letzten Wochen viel über Islamismus und Antisemitismus in Frankreich geschrieben. Dabei ging ein Ereignis heute zum Jahrestag fast komplett unter: Die Ausladung von Putin in Polen zur offiziellen Gedenkfeier. Ein gewagter Schritt von polnischer Seite angesichts der Bedeutung des Tages, aber zugleich Ausdruck der angespannten politischen Lage in Osteuropa. Letztlich wurde entschieden, die jeweiligen Botschafter_innen einzuladen. Entscheidender ist der Tenor hierzulande, womit ich wieder bei den beiden Aspekten wäre, wenn sich deutsche Redakteure in diesem Zusammenhang berufen fühlen, ihre antirussischen Ressentiments freien Lauf zu lassen. Da ist nicht viel übrig geblieben von den so genannten Lehren der Geschichte, die hierzulande gerne vor sich her getragen werden, wenn davon überhaupt je die Rede im größeren Maßstab sein konnte.

Allgemein ließe sich das zu beiden genannten Beispielen noch weiter und tiefgründiger herausarbeiten oder noch auf andere Bereiche ausdehnen wie dem Islamischen Staat, doch hier sollte es nur um die Setzung von zwei Schlaglichtern gehen. Schließlich beginnt schon im Kleinen die klare Positionierung, bspw. in einer sächsischen Kleinstadt wie Pirna. Damit wäre ich bei der heutigen Gedenkveranstaltung.

Es waren rund 50 Personen gekommen, weniger als letztes Jahr. Diesmal sorgte eine kleine Blechblaskapelle für den musikalischen Rahmen der Veranstaltung. Die erste Rede hielt wie die Jahre zuvor Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke.

Aspekte in seiner Rede waren die Benennung der deutschen Vernichtungsindustrie und sein damit im Anschluss verbundener Übergang zu aktuellen Entwicklungen. Einher ging dies mit dem Appell, dass dieser Aspekt bei der Geschichtsbetrachtung nicht vernachlässigt werden dürfe, insbesondere aufgrund der momentanen politischen Entwicklungen. Ohne PEGIDA beim Namen zu nennen, sprach sich Hanke gegen diese indirekt aus. Er könne bei 219 Asylbewerber_innen auf 38.500 Einwohner_innen weder Stimmungsmache noch irrationale Ängste verstehen. Zugleich betonte er dabei, dass Asyl ein hohes Gut sei und aus der historischen Verantwortung die Aufnahme von Personen nicht infrage gestellt werden dürfe. Was negativ auffiel, war das Gerede von dem angeblich aus Deutschland ausgehenden Versöhnungs- und Friedensgedankens von vor 70 Jahren, der absolut deplaziert wirkte. Allgemein aber war die Rede wie die aus dem vergangenen Jahr erfreulich gut und Hanke klar in seinen Aussagen.

Als zweites sprach Steffen Richter vom AKuBiZ e.V. Er ging in seinem Redebeitrag auf die Bedeutung der lokalen und regionalen Aufarbeitung des deutschen Faschismus ein. In diesem Zusammenhang erinnerte er ebenfalls daran, dass es auch in der sächsischen Schweiz sechs Konzentrationslager gegeben hatte. Bereits kurz nach der Machtübernahme der deutschen FaschistInnen wurden so genannte „wilde“ Konzentrationslager in der Region errichtet, Menschen in diese verschleppt, gefoltert und ermordet. Den Abschluss bildete eine lokale Biografie über Martin Kretschmer, der in Bonnewitz 1935 das „Institut für seelenpflegebedürftige Kinder und Jugendliche“ gegründet hatte. Kretschmer wurde 1941 von der Gestapo festgenommen, nach Sachsenhausen deportiert und starb 1942 im Außenlager Klinkerwerk.

Im Anschluss sprach noch kurz eine Vertreterin des VVN-BdA. Danach erfolgte das Kranzniederlegen. Nach einer guten halben Stunde war die Veranstaltung wieder beendet.

Ein fahler Beigeschmack blieb dieses Jahr dennoch. Noch bis zum 21.01. stand auf Fläche vom VVN-Denkmal ein Klohäuschen. Anscheinend gab es erst kurz vor der Veranstaltung eine Intervention bei Stadt oder es wurde nicht mehr gebraucht. Dennoch zeugt dass bei den Aufstellern des Toi-Tois nicht unbedingt von einem Geschichts- und Problembewusstsein.

Bleibt nur in den Worten des Lower Class Magazine zu sagen: „Dank euch, ihr SowjetsoldatInnen!“

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