Montagskundgebungen: Der Wahn im Friedensgewand

20/05/2014

von Gumbel

Ein neues Phänomen macht die Runde in Deutschland, die Montags- und Friedenskundgebungen. Sie stehen im Zusammenhang mit den Ereignissen in der Ukraine und schießen in deutschen Städten wie Pilze aus dem Boden. Angeführt werden zumindest die Großveranstaltungen, bspw. in Berlin von illustren Personen, wie Jürgen Elsässer, Lars Mährholz oder Ken Jebsen. Dazu gesellt sich als Vierter noch Andreas Popp, früherer Unternehmer und heute Leiter der Wissensmanufaktur, ein laut Selbstbeschreibung „unabhängiges Institut für Wirtschaftsforschung und Gesellschaftspolitik“ mit dem Hauptthema des Zinssystems.

Vor allem eint die vier Genannten ihr Hang zu Verschwörungstheorien, mal mehr mal weniger mit Versatzstücken antisemitischer Ressentiments durchsetzt, die sich auch so auf den Mahnwachen wiederfinden lassen. Dementsprechend könnte man die Veranstaltungen, die nun bundesweit jeden Montag stattfinden, getrost als Zusammenkunft von Faschist_innen und rechtsoffenen Menschen abtun bzw. nach Jutta Dittfurth von neurechten Veranstaltungen sprechen oder gleich sagen, das es sich sowieso bei allen um Antisemit_innen handelt.

So einfach ist es dann doch nicht, schon alleine, weil Teile des linken (Parteien-) Spektrums selbst zu den Mahnwachen aufrufen. Denn unabhängig von Elsässer bis Popp kommen bei diesen Veranstaltungen nicht nur ein Potpourri der Verschwörungsanhänger_innen zusammen, sondern auch Menschen, die sich aus einem diffusen Gefühl der Ohnmacht heraus den vermeintlichen Friedenskundgebungen anschließen, um „endlich mal was zu unternehmen“ und die sich vorher oftmals selbst als un- oder apolitisch verstanden haben. Die Zusammenstellung einer jeden Mahnwache ist somit heterogen und lässt sich nicht als eine in sich geschlossene Bewegung begreifen.

Deshalb fungiert der Friedensappell in erster Linie als das verbindende Element der Gemeinschaft, um darüber hinaus eine thematische Bandbreite abzudecken, von den typischen Verschwörungstheorien á la Chemtrails bis hin zur jüdischen Weltverschwörung, aber eben auch lokal- oder regionalspezifische politische Themen, sei es der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs bis hin zur Sanierung von Kitas und Schulen. Der Schulterschluss erfolgt letztlich  aufgrund des angesprochenen Gemeinschaftlichen mit nationalen Vorzeichen, in der es weder ein rechts noch ein links geben kann. Viele sehen darum in Putins Russland eine gemachte Tatsache, auf das sie die eigenen autoritären Vorstellungen projizieren und verwirklicht sehen, natürlich im Sinne des Friedens.

An sich sind das keine überraschenden Erkenntnisse, denn weder Verschwörungstheorien noch die Begeisterung einiger für das heutige Russland sind etwas Neues, ebensowenig der Wunsch nach einem sinnstiftenden Gemeinschaftsgefühl in diesem Land. Was neu ist, dass das Spektrum rund um Truther, Infokrieger und dem Compactmagazin aus der Anonymität des Internets herausgetreten ist (auf einer Unzahl von Webseiten und Blogs tummeln diese sich schon seit Jahren) und nun ihre Ideen verstärkt und vor allem sichtbar in den öffentlichen Raum trägt und darüber eine Bewegung suggeriert, die damit erstmals zum Anfassen ist. Elsässer und Co. agieren dabei letztlich nur als das rhetorisch gut geschulte Sprachrohr.

Die Politisierung von Menschen auf diesen wöchentlichen Events wird dadurch besorgniserregend, weil sie aufgrund der Prämisse weder rechts noch links zu sein, ein weiteres Scharnier zu autoritären bis hin zu faschistischen Tendenzen über eine Querfront darstellt. Erreicht wird diese Erlebniswelt auch dadurch, dass suggeriert wird, dass sich jede_r beteiligen kann. Dies geschieht teilweise über Elemente einer Basisbewegung bspw. dem offenen Megaphon, an dem Menschen ihre Wortmeldungen auf der Kundgebung verkünden können. Das solcherlei Elemente oftmals pseudodemokratisch bleiben, zeigt sich letztlich daran, dass Wortmeldungen, welche die „unerhörten Wahrheiten“ oder das deutsche Wir offensiv infrage stellen, niedergeschrieen werden. Da ist dann auch die Grenze zum vielbeschworenen Frieden.

Aus diesem Grund sind, wie auf classless.org zu lesen, die Montagsmahnwachen auch bei geringen Teilnehmer_innenzahl ernst zu nehmen, weil sie Ideologeme nicht nur artikulieren, sondern gleichzeitig auch reproduzieren, vor allem ein Zusammengehörigkeitsgefühl der nationalen Gemeinschaft, gepaart mit einem Antikapitalismus, der vor allem personifiziert daherkommt und nicht selten in offen artikulierten Antisemitismus umschlägt. Die Gefährlichkeit ergibt sich damit nicht unbedingt daraus, dass das Spektrum der Verschwörungstheoretiker_innen an die Öffentlichkeit mit Veranstaltungen tritt, sondern weitgehend unverhohlen antisemitische Ressenitments als Erklärungshilfen anbietet, insbesondere in Zeiten der Krise und der damit hierzulande propagierten Abwehr der negativen Folgen.

Selbst in Pirna hat sich eine kleine Anzahl seit vorheriger Woche zusammengefunden, die am Friedenspark am Montagabend die Mahnwache abhält und von der kaum behauptet werden kann, sie wäre von Elsässer oder einem der anderen vereinnahmt.

Insgesamt sollte nicht der Fehler gemacht werden, diese Zusammenkünfte zu ignorieren oder als bloße Spinnerei abzutun. Bei diesen Zusammenkünften kommt ein Konglomerat von Sehnsüchten vieler Deutscher hervor, die weitgehend autoritär und antisemitisch sind und die nun in größerer Zahl öffentlich geäußert werden, nämlich  sich im Falschen zu arrangieren und wohin so etwas geführt hat, sollte bekannt sein. Das dabei jetzt auch Teile der deutschen Linken mitmischen, ist hierzulande nur konsequent.

Weil das Thema doch breit diskutiert wird, als Update eine kleine Linksammlung zum Thema:

In der Jungle World widmet sich die Ausgabe Nr. 19 2014 den Montagsmahnwachen auf der Reportageseite und in der Ausgabe Nr. 21 2014 auf den Themenseiten (1,2,3,4,5).

Auch nochmal extra verlinkt der Kommentar von classless.org und ein Interview von Kulla auf dem Blog Kotzendes Einhorn (1,2).

Als Drittes sei auf den Artikel beim Lower Class Magazine verwiesen (1).

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