Frauen*kampftag 2014: Nachbereitung – 8. März in Berlin

21/03/2014

von Gumbel

Dieses Jahr ging es seit längerer Zeit zu einem gewichtigen Datum innerhalb linker Kreise mal wieder auf eine Großdemonstration. Ziel war diesmal Berlin, wo ein breitgefächertes Spektrum bundesweit mobilisiert hatte. Die Anspannung war relativ hoch, wich aber schnell einer Ernüchterung.

Los ging es per Busanreise in Dresden. Da folgte schon die erste Enttäuschung, es fuhren gerade mal 20 Menschen nach Berlin. Am Anfang gab es noch von e*vibes ein paar Infos zur Demonstration und den möglichen verschiedenen Blöcken und es wurde Infomaterial verteilt. Dementsprechend war es dann in Berlin allen freigestellt, für sich selbst zu entscheiden, welchen Block man sich anschließen wolle.

Nach einer ruhigen Busfahrt erfolgte in Berlin die zweite Enttäsuchung: ein Meer an Fahnen von Parteien und autoritären linken Gruppierungen. So hatte ich mir zu dem Zeitpunkt ehrlich gesagt die Zusammensetzung vor Ort nicht vorgestellt. Bedrückend war nicht, dass auch autoritäre Linke und Parteien da waren, sondern dass sie in hoher Zahl anwesend waren (im Übrigen entschied diesmal zwischen Grünen und MLPD, wer die meisten Winkelemente aufbieten konnte, die Grünen das Duell für sich). Nach halbstündigem ratlosen Rumstehen mit der Bezugsgruppe entschied man sich letztlich, sich in die Nähe vom entdeckten TOP B3rlin – Transparent zu stellen bzw. in dem sich formierenden antinationalen Block mitzulaufen. Im Nachgang die absolut richtige Entscheidung.

Wie immer bei Großdemonstrationen dauerte es gut eine Stunde, bis die eigentliche Demonstration losging. Vorher gab es von den beiden Lautsprecherwagen einige Redebeiträge, wovon nur zwei im Gedächtnis geblieben sind, die sich inhaltlich vom Rest erfreulich abhoben: Einmal von spanischen Genoss_innen ein Beitrag zum neuen restriktiven Schwangerschaftsabruchgesetz in Spanien und ein Redebeitrag, der darauf hinwies, dass der Demonstrationsaufruf des Bündnisses inter- und transsexuelle Menschen zum Teil ausschließe bzw. in seiner Kritik nicht weit genug ginge und aufgrund seiner wichtigen Perspektive nicht nur verlinkt wird, sondern im Ganzen reingestellt wird:

Sind wir eigentlich mitgemeint?

Diese Frage müssen wir uns als Inter*- und Trans*-Personen leider sehr oft stellen, wenn es um Feminismus geht – auch am 8. März. Im Aufruf zur Demo am Frauen*kampftag 2014 in Berlin heißt es:

»Frauen* = Wir haben den Begriff »Frauen« und »Mädchen« mit Sternchen* markiert. Damit schließen wir Trans*-Frauen. und Inter*-Menschen explizit ein. […] Außerdem wollen wir diejenigen einschließen, die sich nicht als Frauen* verstehen, aber gleichermaßen von sexistischer Diskriminierung betroffen sind, weil sie im Alltag als Frauen* gelesen werden.«

Das ist dann aber auch schon alles, was zu inter* und trans* gesagt wird. Uns drängt sich der Eindruck auf, als würde davon ausgegangen, dass Cis-Frauen (cis bedeutet: nicht trans*), Trans*-Frauen und Inter*-Menschen in gleicher Weise von Diskriminierung betroffen seien. Das ist aber nicht der Fall. Der Aufruf sagt nichts zu trans*- und inter*spezifischer Diskriminierung und Gewalt. Kein Wort zu den gewaltvollen und häufig traumatisierenden Genitaloperationen, die – auch in Deutschland – täglich an intergeschlechtlichen Kindern durchgeführt werden, um sie einem der beiden offiziell anerkannten Geschlechter zuordnen zu können. Kein Wort zu den unzähligen Morden an Trans*-Frauen, die weltweit aus Trans*misogynie verübt werden. Kein Wort zum gesellschaftlichen Zwang, sich einem der beiden offiziell anerkannten Geschlechter zuordnen zu müssen. Kein Wort zur alltäglichen Gewalt, die – vor allem feminin auftretende – Trans*-Menschen auf der Straße und im sozialen Umfeld erleben. Kein Wort zur Unmöglichkeit, sich jenseits der Kategorien »Frau« und »Mann« zu verorten.

So sehr wir uns auch freuen, dass ein feministisches Bündnis versucht, Inter*- und Trans*-Personen einzubeziehen, haben wir dennoch das Gefühl, dass nicht genug darüber nachgedacht wurde, welche Konsequenzen sich daraus ergeben (müssen). Wir wollen uns nicht bloß mitgemeint fühlen, wenn von »Frauen*« gesprochen wird. Inter*- und Trans*-Positionen mitzudenken muss mehr sein, als ein Sternchen bei »Frauen*«. Denn unsere Lebensrealitäten sind so vielschichtig, dass ein Sternchen nicht ausreicht, um sie zu beschreiben. Der Kampf gegen die Unterdrückung von Frauen* funktioniert nicht ohne die Infragestellung der Kategorie »Geschlecht«. Deshalb werden wir – zusammen mit solidarischen Personen (Allies) – bei der Demo am 8. März einen Inter*- und Trans*-Block machen, um zu zeigen: Es gibt mehr als zwei Geschlechter!

Für einen Feminismus, der Inter*- und Trans*-Positionen konsequent mitdenkt!

Die weiteren Beiträge, die ich im Demonstrationszug dann im Folgenden mitbekam, reporudzierten oftmals das Bild einer nur zweigeschlechtlichen Dimension und fielen damit auch hinter den Aufruf zurück.

Die Demonstration selbst verlief dann routiniert ohne Zwischenfälle ab und im antinationalen Block herrschte von Anfang bis Ende eine gute Stimmung. Am Endpunkt gabs dann noch ein Konzert von Sookee, wovon wir aufgrund der Abreise nur den Anfang mitbekamen und auch die Rückfahrt verlief entspannt.

Insgesamt war es vor allem der hohe Anteil an autoritären Linken und die zum Teil argumentativ schlechten Redebeiträge, die mich nachdenklich stimmten. Abzuwarten bleibt, ob sich solche Großevents überhaupt lohnen oder man lieber in kleineren regionalen oder lokalen Zusammenschlüssen Aktionen zu Tagen wie dem 8. März veranstaltet, schon alleine, um die Anzahl antiemanzipatorischer Menschen von vornherein gering zu halten.

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