Der Prototyp deutschen Gedenkens: Nachbereitung – 12./13. Februar in Dresden

19/02/2014

Von Gumbel

Wie jedes Jahr besteht der Höhepunkt in Dresden im aufklärungsresistenten Gedenkmarathon. Doch im Gegensatz zu den letzten Jahren konnte die faschistische Seite einen Erfolg auf ganzer Linie feiern und gleichzeitig erfreute man sich auf Stadtseite eines Stillen Gedenkens.

Die Überraschung sollte aus mehreren Gründen gelingen. Von faschistischer Seite plante man diesmal keine Aktion für den 13. Februar oder den darauf folgenden Tagen, sondern man rief einfach zu einer Kundgebung einen Tag vorher am 12. Februar auf. Zugute kam ihnen dabei, dass die Stadt erstmals im Vorfeld Informationen an die Presse weiter gab, die sich im Nachhinein als ein wichtiger Faktor erwiesen. Frei dem Motto: „Falschinformationen sind besser als gar keine Informationen“ streute man das Gerücht, dass es zwar Anmeldungen für den 12. und 13. Februar gebe, jeweils Kundgebungen, aber man nur mit geringen Teilnehmer_innenzahlen rechnen würde. Letztlich fanden sich um die 300 bis 400 Faschist_innen am 12. Februar ein, eine Zahl mit der wenige zu dem Zeitpunkt gerechnet hatten.

Einen unrühmlichen Part spielte dabei auch Dresden-Nazifrei (DDNF). War man anfangs immerhin noch angetreten, auch etwas Kritik am städtischen Gedenken zu üben, reihte man sich die letzten Jahre in Form des Täterspurenmahngangs als eine weitere Facette der städtischen Gedenkpolitik problemlos in das Trauerspektakel ein. Zu diesem Aspekt könnte man einen eigenständigen Artikel verfassen.

Ein schwerwiegender Fehler lag darin, dass man von DDNF-Seite keinen Ticker für den 12. Februar geschaltet hatte, wobei man allgemein anmerken muss, dass die Informationslage an beiden Tagen insgesamt sehr schlecht war. Denn am 12. Februar wusste auch DDNF nicht, dass es einen Fackelmarsch geben würde und man nur von der angesprochenen Kundgebung wusste, zu der die Faschist_innen geleitet werden sollten. Hinzu kam dieses Jahr auch das Versagen hinsichtlich des propagierten Aktionismus, der wie immer durch friedliche Massenblockaden erreicht werden sollte.

Hier zeigten sich aber mehr als deutlich deren Grenzen, was bei der ersten Blockade entscheidend daran lag, dass man weder konsequent den Lautsprecherwagen der Gegenseite am Theaterplatz blockierte noch die Zufahrtswege abschirmte. Dementsprechend stand die „Blockade“ zwischen Post- und Theaterplatz auch nicht auf der Kreuzung, sondern davor. Man hielt damit eine mögliche Demonstrationsroute der Fackelträger_innen offen. Auch die Friedfertigkeit kannte anscheinend keine Grenzen, denn es kam mehrmals vor, dass sich Faschist_innen in geringer Zahl problemlos innerhalb der Blockade bewegen konnten und auch im späteren Abendverlauf störte man sich kaum an diversen Kleingruppen, die munter filmten und fotografierten.

Und spätestens auf der St. Petersburger Straße wurde beim erneuten Blockadeversuch deutlich, warum das Konzept der Blockaden gerade bei kleineren Verhältnissen kaum das geeignete Mittel sein kann, denn dort war man auf die Polizei als Vermittlungsinstanz angewiesen. Diese räumte zwar auch unsanft, dennoch können sich solche Blockaden nur unter dem polizeilichen Schutz bilden bzw. sind auf das staatliche Gewaltmonopol angewiesen, denn was an solchen Stellen passiert wäre, würden die Teilnehmer_innen der Blockade auf die 300 bis 400 Faschist_innen ohne die polizeiliche Vermittlungsdistanz treffen, kann man sich vorstellen.

Ein besonderes Verdienst im negativen Sinne geht aber an den Lautsprecherwagen von DDNF und deren Lauticrew. Ganz abgesehen davon, dass es keinen Lautischutz oder ein entsprechendes Konzept gab, fielen die Personen auf dem Lauti selbst mit unsinnigen Kommentaren und Aktionen auf, mit denen sie sich selbst und andere gefährdeten. Die Endkonsequent dieses Dilettantismus war schließlich die Festsetzung des Lautis durch die Polizei und da kam man wegen der erwähnten Kleingruppen noch vergleichsweise glimpflich davon.

Viel schlimmer aber, dass das Konzept am 12. Februar fehlschlug, sind die Versuche von DDNF am selben Abend, die Ereignisse schön zu reden. Das gilt auch für den 13. Februar. Auf FB heißt es am Abend des 12. Februar:

„Positiv ist aber, dass auch heute deutlich mehr Antifaschist_innen auf der Straße waren als Nazis.“

Das waren es die letzten Jahre auch schon und da wurde der Aufmarsch verhindert. Es war ein Erfolg der Gegenseite und das sollte man auch klar so benennen, genauso, dass dies an der schlechten Informationslage gelegen hatte.

Aufgrund ihres Erfolgs meldeten die Faschist_innen ihre Kundgebung für den 13. Februar ab und riefen nur dazu auf, sich in Kleingruppen in der Stadt zu bewegen und sich später an der Menschenkette zu beteiligen. Schon zuvor hatten sich gut 80 Faschist_innen auf dem Heidefriedhof am Vormittag zum offiziellen Gedenkakt eingefunden, was bspw. von DDNF weitgehend unkommentiert blieb (Stichwort: weitere Facette des Trauerspektakels).

Immerhin und das ist die Meldung auf alle Fälle wert, blieb auch dieses Jahr das Gedenken nicht gänzlich unwidersprochen und es gab zwei Transparentaktionen an der Menschenkette gegen den Gedenkmarathon.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass wie eingangs schon erwähnt wurde, das es an beiden Tagen ein faschistischer Erfolg war und sie insbesondere für das nächste Jahr zum 70. Jahrestag beflügeln dürfte, zumal das Datum auf einen Freitag fällt. Die zweite Erkenntnis ist, dass sich trotz der Modifikationen innerhalb der letzten Jahre am Gedenkritual selbst nichts aber auch wirklich nichts geändert hat und Dresdner Bürger_innen und Faschist_innen weiterhin den gleichen ideologischen Kern der deutschen Opfer teilen, wahlweise mit oder ohne Schuld. Vor allem hat sich am 13. Februar gezeigt, dass Dresden kein Problem mit Faschist_innen hat, solange diese sich dem offiziellen städtischen Gedenktakt unterwerfen und eigene Aktionen unterlassen. Dann nimmt man sie auch gern in der deutsch-demokratischen Volksgemeinschaft in Form der Menschenkette wieder mit auf, wie auch das Foto von Oberbürgermeisterin Helma Orosz mit einem „nationalen Aktivisten“ bestätigt.

Und das macht deutlich, um was es gehen muss, nicht primär um die Faschist_innen, sondern an einer hoffentlich wieder verstärkt einsetzenden Kritik am Gedenken, denn hässlich sind beide Seiten gleichermaßen. Deswegen, mit einem Zitat aus dem stimmenausderprovinz-Blogtext vom 13.01.2012 zu schließen:

„[I]st es wichtig Nazis, Dresdner Bürger_innen und anderen deutschen Berufsopfern [auch nächstes Jahr] in die Gedenkparade zu fahren.“

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