Nachbereitung – Berlin-Hellersdorf

02/09/2013

Von Gumbel

Auf Eigeninitiative ging es mit noch zwei Leuten am Freitag dem 30.08.2013 Richtung Berlin-Hellersdorf. In den letzten Wochen stand der Stadtteil öfters mal im Mittelpunkt der medialen Berichterstattung, aufgrund des protestierenden deutschen Mobs gegen eine neue Asylunterkunft in dem ehemaligen Max-Reinhardt-Gymnasium.

Im Gegensatz zu anderen gerade akut bedrohten Wohnhäusern und Unterkünften in Deutschland bspw. Duisburg fanden sich gleich zu Anfang Menschen mit ein, die sich gegen die rassistische Grundstimmung stellten und ihre Solidarität mit den seit letzter Woche eingezogenen Asylbewerber_innen zum Ausdruck brachten. Das war schließlich auch unser Anlass, hinzufahren, auch um sich einen Eindruck der Lage vor Ort zu verschaffen. Neben einer dauerhaft organisierten Mahnwache haben sich auf Facebook gleich zwei Initiativen gebildet, welche die Asylbewerber unterstützen. Zum einen „Hellersdorf hilft Asylbewerbern“ und zum anderen das „Antirassistische Infoportal Hellersdorf„. Außerdem gibt es einen Liveticker auf Twitter über die Geschehnisse im Kiez.
Bevor die Fahrt Richtung Berlin startete, wurde vorher noch ein Soli-Paket mit Schulmaterialien zusammengestellt. Dementsprechend ging es zuerst auch zum AJZ KITA, wo sich die Annahmestelle für Spenden befindet. Das sorgte auch für das erste größere und positive Erstaunen, denn das Gebäude mitsamt Gelände steht nicht nur mitten im Plattenbaugebiet, sondern umfasst ein Gebiet von gut 6000m2. Neben einer Kneipe besitzt der Komplex mehrere Bandräume, Wohnungen, eine Werkstatt und weitere unterschiedlich genutzte Räumlichkeiten.

Im Anschluss ging es dann direkt zur Unterkunft der Asylbewerber_innen bzw. zur Mahnwache davor. Wie viele Asylsammelunterkünfte sah das Gymnasium sehr abgenutzt aus und wirkte nur notdürftig hergerichtet, um die geplanten 200 Menschen aufnehmen zu können. Schon bei der Ankunft musste man unweigerlich an das Sonnenblumenhaus von Rostock-Lichtenhagen denken.
Bei der Mahnwache kam man dann schnell mit den Leuten ins Gespräch. Neben einer Einschätzung der Lage bzw. letzten Tage drehte sich das Gespräch vor allem darum, wer nun die größere Bedrohung sei: Anwohner_innen oder organisierte Faschist_innen. Zumindest die Aufrufe der NPD, die ein Wochenende vorher gerade mal 150 Kamerad_innen mobilisieren konnte und der Partei Pro Deutschland, die noch schlechter mit 40 Personen abschnitten, offenbaren, dass das Kernproblem im Alltagsrassismus und Ressentiments der Menschen in Hellersdorf selbst zu suchen ist bzw. sich an diesem Beispiel einmal mehr nachvollziehen lässt, dass Faschist_innen nur die Spitze des Eisbergs sind.
Die Menschen an der Mahnwache, aber auch einige Passant_innen, zeigen aber auch, dass es einen aktiven Gegenprotest gibt, der wohl durch die Präsenz Schlimmeres verhindert hat. Das aber ändert dennoch nicht viel an der angespannten Lage vor Ort, denn in näherer Umgebung zur Unterkunft und am zweiten Gebäude finden sich rassistische Schmierereien und Hakenkreuze, zumal ein kleiner Rundgang durch den Stadtteil und seiner schon um die Mittagszeit hochgeklappten Bürgersteige sächsische Käffer als Hort des blühenden Lebens erscheinen lässt. Auch in anderen Berliner Stadtteilen wird gegen dort befindliche Asylunterkünfte oder von Minderheiten bewohnte Häuser mobil gemacht.

Alles im Allen hinterließ Berlin-Hellersdorf einen bitteren Nachgeschmack, der deutlich gemacht hat, wie nah die rassistischen Pogrome der 1990er-Jahre erscheinen bzw. wie wenig sich geändert hat und wie wichtig es in solchen Fällen ist, sich mit den Betroffenen zu solidarisieren.

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