Deutschland vs. Flut

13/06/2013

von Gumbel

Land unter: Nach zwei Wochen Dauerregen sind in verschiedenen Regionen Talsperren übergelaufen und mehrere Flüsse über die Ufer getreten. Abgesehen davon, dass die Hochwasser, insbesondere an der Elbe, hausgemacht sind, offenbart sich bei den Hilfsaktionen ein Zusammenrücken des deutschen Kollektivs. Der etwas andere Blick auf die letzten zwei Wochen der hohen Pegel.

Nach 2002 dachte man, auch ich, nach dem sich Gottleuba und Elbe bei ihrem Durchfluss durch meine damalige Wohnung abgewechselt hatten, dass es sich um ein Hochwasser handeln würde, was seinesgleichen sucht. Dieses Jahr ist man da eines besseren belehrt worden, auch wenn es nicht an den damaligen Pegel in Dresden und Umgebung herangereicht hat und niedrigere Hochwasser an der Elbe an sich keine Seltenheit sind.

Und genau wie damals lässt sich zu Hochwasserzeiten jenes Phänomen eines gesteigerten Nationalismus beobachten, der treffend auf dem cosmonautilus-blog als Katastrophen-Nationalismus bezeichnet wurde. Nicht das es verkehrt wäre, Menschen zu helfen, entscheidend ist, das dies unter dem Dienst an der nationalen Sache gestellt und wer davon klar ausgeschlossen wird.

In einigen sächsischen Städten entlang der Elbe ließ sich dann auch beobachten, wie FaschistInnen versuchten bei Geschäften von Migrant_innen Sandsäcke zu entfernen. Allgemein dürften einige Ortschaften, die überflutet wurden, national befreiten Zonen gleichen. Doch zu seiner Vollendung kommt das Ganze erst bei den anschließenden Aufräumarbeiten, wo dann „zusammen angepackt“ wird, nur eben nicht bei denjenigen, die nicht in die aus Elbeschlamm und Sperrmüll erbaute Volksgemeinschaft passen, bspw. bei den Geschäften in Pirna (auf Pirna beziehen sich auch die folgenden Beispiele) der Vietnames_innen auf der Gartenstraße, denen von Vermieterseite nur gegen 20 Euro die Stunde Hilfe angeboten wurde.

Das lässt sich auch weiterfassen, wie sich an der Firma Rossmann zeigen lässt, die ihre Filiale in der Innenstadt hat absaufen lassen haben. Die moralische Empörung darüber ist enorm, denn in der Tat hätten die dort bereit gestellten Putzmittel wohl einen sinnvolleren Zweck erfüllen können, als in der Elbe baden zu gehen. Auf der anderen Seite blendet man aus, dass Rossmann ein Unternehmen ist, das durchgerechnet hat, sprich die kapitalistische Verwertungslogik, was den geringeren Verlust bedeuten würde und der lag nun Mal darin, den Laden eben nicht auszuräumen, alles andere wäre unternehmensschädlich gewesen. Doch vom moralgeleiteten Volksmob kann man keine vernunftorientierte Handlungsweise erwarten, der wohl am Liebsten seinen Lynchgelüsten gegenüber der Geschäftsstelle und den Angestellten freien Lauf gelassen hätte. Denn vorher hat sich auch niemand an anderen negativen Seiten des Kapitalvollzugs gestört, bspw. ob Rossmann seine Beschäftigten anständig entlohnt oder das die Pirnaer Filiale nur eine Festangestellte hat.

Und um ein abschließendes drittes Beispiel zu geben, fallen auch diejenigen aus dem neudeutschen Kollektiv raus, die eben nicht deutsch genug aussehen, egal ob sie helfen wollen oder auf dem Weg nach Hause kontrolliert werden, wie vor wenigen Tagen an der Ecke Lauterbachstr./Bahnhofstr., wobei die Polizeibeamt_innen sich auch die Wohnung zeigen lassen wollten, um „ganz sicher zu gehen“.

Das sind nur einige hässliche Seiten, die ein Hochwasser neben den Schäden und Existenzbedrohungen mit sich bringt. Was dabei auch aus dem Blick fällt, ist der Umstand, dass solche Hochwasser auch deshalb in dieser Stärke auftreten, weil man durch Bebauungen der Ufer und Begradigungen der Flussläufe immer weiter Hochwasserauen zurück gedrängt hat. An sich auch kein Wunder, denn genau jene Gebiete sind einerseits günstiger Baugrund und andererseits, im Sinne einer profitablen Wasserstraßennutzung, muss entsprechend das Flussbett angepasst werden. Und dieses Wissen sind nun wahrlich keine neuen empirischen Befunde, sondern können schon zu Allgemeinplätzen gezählt werden. Das ist aber definitiv kein Grund, jetzt mit dem moralischen Zeigefinger des Flutmobs zu kommen, die sich in einem Kampf des nationalen Kollektivs gegen die Natur sehen. Und das die deutsche Zwischenmenschlichkeit ihre Grenzen hat, durfte man bei den Reaktionen auf das Bekennerschreiben der germanophoben Flutbrigade erleben. Das es sich dabei um Satire handelte, kapierten die wenigsten (denn wer schreibt ein Bekennerschreiben vor einem möglichen Anschlag). Da kam die erwähnte Lynchlust des Volksmobs wieder voll zum Vorschein.
Update: Wie sich nun rausstellte, handelte sich bei der germanophoben Flutbrigade offenbar um einen rechten Fake. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Flutmob dabei seine Lynchgelüste offenbarte, auch wenn die Intention des Schreibens eine andere war.

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