„Mord rufen und des Krieges Hund‘ entfesseln.“

20/03/2013

Von Möppl

Der deutsche Volksmob schreit wieder nach Hasz und Gewalt, nach öffentlicher Hinrichtung und Verstümmelung. Die Schrecken des Krieges, den es wohl niemals gab, vergessen, zieht sich der Schlachtruf gegen „Kinderschänder“ durch das Land. Die, von der NPD herbeigewünschte „rechte Volksfront“ endlich zum Zuschlagen bereit.

Die Schande als Synonym für die Vergewaltigung?

Das Wort der „Schande“ impliziert, dass dem Kind die Ehre geraubt wurde. Das Kind, von nun an gebrandmarkt, kann nicht mehr den guten Sitten und den Vorstellungen des deutschen Menschen mehr standhalten. Das mit dieser Wortschöpfung die Propaganda des Nationalsozialismus wieder in die Gesellschaft getragen wird, scheint keine_n zu interessieren. Viel Schlimmer! Es scheint kein Mensch zu wissen oder sich auch nur darum zu kümmern. Gedankenlos wird heute von Schändung schwadroniert, noch 80 Jahre zuvor wurde damit die Rassenschande bezeichnet. Die Verunreinigung des völkischen, des deutschen, Blutes durch den Geschlechtsverkehr mit Juden, „Zigeuner[n], Neger[n] und ihre[n] Bastarde[n]“[1]

Doch nicht nur zu dieser Zeit war die Rassenschande ein Topthema in der Bevölkerung. Bereits im Jahr 1921 wurde in einer Broschüre der Meißener Ortsgruppe des „Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes“  klar erklärt: „Mischung der Rassen und Arten ist Sünde wider das Blut und führt zum Verderben. Blutschande hat die Völker der Erde vernichtet.“[2]

Später würden ganze Gesetzestexte erlassen, die sogar die Heirat mit „jüdischen Mischlingen“ unter Strafe stellte. Ganz im Sinne der Ideologie waren die Strafen für nichtdeutsche beweisbar höher. Das Höchststrafmaß zu dieser Zeit lag bei 15 Jahren Zuchthaus. Auch eine Strafe, die heute von Menschen gefordert wird, denen die Todesstrafe entweder zu einfach oder zu schnell ist oder die sich noch nicht so weit aus dem Fenster lehnen wollen. Doch, damals, wie heute, gab es auch die Forderung nach dem Tod. Der Stürmer, die antisemitische Zeitung der Nazis, forderte diese Strafe. Begründungen der krudesten Art blieben dabei natürlich nicht aus. So konnte eine, durch den Sex mit Juden verseuchte Frau, keine arischen Nachkommen mehr zeugen.

Die völkische Polizei, mit dem etwas anderen Blick.

Da die Exekutive offenbar zu schwach ist, um die laschen Gesetze durchzusetzen, braucht es sozusagen der Wache von Nebenan. Also müssen die couragierten und aufgeklärten Bürger_Innen wieder ran. Recht und Gesetz in der Hand des Lynchmobs. So funktioniert der Volkssturm. Und was damals funktionierte, kann heute ja nicht schlecht sein.

Doch warum funktioniert das so gut? Die NPD fährt damit eine „Normalisierungsstrategie“. Was der Großteil der Bevölkerung gut findet, kann nur richtig sein. Dabei werden gezielt Emotionen erzeugt. Was ist da besser als an den Schutz der eigenen Kinder zu appellieren?

Von zu geringen Strafen ist dann die Rede. Von sexbesessenen Monstern, die Tag für Tag die Städte und Dörfer dieses Landes bedrohen. Dabei ist die Quote dieser Art von Straftaten sehr gering. Lediglich ca. 13.000 (0.2%) der über 6 Millionen Straftaten im Jahr 2007 fielen in den Bereich des Kindesmissbrauchs. Eine erschreckende, aber doch geringe Zahl. Doch den wenigsten derer, die den Tod anderer Menschen fordern, ist diese Statistik überhaupt geläufig. Sie sehen überall den Feind. Diese Angst hat die NPD für ihre Zwecke instrumentalisiert. Mittlerweile ist die Kampagne der Nationalen zum Selbstläufer geworden. In allerlei Foren und Blogs tummeln sie die vermeintlich engagierten Bürger_Innen, um ihren Unmut kundzutun, ihre „eigene“ Geschichte zu erzählen, sich Haszfantasien hinzugeben und natürlich Recherchearbeit zu betreiben. Fotos und Geschichten von „Kinderschändern“ werden dann verbreitet und auf diesem Weg so mancher Mensch denunziert und mit Taten in Verbindung gebracht, die er oder sie nicht begangen hat. Doch das sind Kollateralschäden.  Was sind schon zwei oder drei Opfer auf dem Weg zur reinen Rasse.. äh.. Erkenntnis. Dieses Thema ist wie kein anderes dazu fähig die Menschen auf die Straße zu locken, um die Fackeln und Mistgabeln wütend ‚gen Himmel zu recken.

Kampf gegen das System und die Gesellschaft

In linker Manier versuchen die Freien Nationalisten und NPD den Staat zu kritisieren und gegen den Kapitalismus Stimmung zu machen. Die Argumentation dabei ist denkbar schwach und zeugt von wenig Reflexion und nur unzureichender Auseinandersetzung mit diesem Thema. Sie versuchen sich an einer Kapitalismuskritik und sprechen dabei davon, dass das Geld nur die niederen Triebe der Menschen wecke. Seltsam dabei ist jedoch, dass sich rund um diese Kampagne ein sehr lukratives Geschäft gebildet hat. Jede noch so kleine Idee wird hier gewinnbringend vermarktet und zu Geld gemacht.
Doch diese Inhalte kommen selten offen zu tragen. Meist stehen diese Ziele irgendwo im „Kleingedruckten“ unter dem Schirm der Forderung nach der Todesstrafe. Was die Zukunft bezüglich dieses Problems zu bieten hat, lässt sich nicht voraussagen, denn der Ruf nach Mord und Gewalt ist ein Selbstläufer innerhalb der Gesellschaft. Zu hoffen ist allerdings, dass es künftig schwerer wird an Mistgabeln und Fackeln heranzukommen, um drohendes Unheil abzuwenden.

[1] Saul Friedländer: Das Dritte Reich und Die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933 – 1939. München 2000, S. 170.

[2] E.J. Jung: Eine unbewußte Blutschande – der Untergang Deutschlands. Naturgesetze über die Rassenlehre, Meißen 1921

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