Linker Nationalismus seit dem Ersten Weltkrieg – Eine Bestandsaufnahme

29/01/2013

von Gumbel

Teil II: Nationaler Sozialismus – Die deutsche Sozialdemokratie und der Nationsbegriff

Nachdem im ersten Teil ein ausführlicher Blick auf die Entwicklungen im russischen Reich getätigt wurde, angefangen bei der russischen Sozialdemokratie bis hin zur Nationskonzeption von Stalin, wendet sich der zweite Teil der deutschen Sozialdemokratie zu, insbesondere denjenigen Kreisen, die verstärkt Debatten für einen Nationsbegriff angestoßen hatten.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg finden sich innerhalb sozialdemokratischer Strömungen nationalistische Tendenzen,[1] was gleichzeitig deutlich macht, dass der nationalistische Kurs der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), zu dem im dritten Teil eingegangen wird, kein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der deutschen ArbeiterInnenbewegung besaß. Den ersten Höhepunkt erreichte die Debatte mit dem propagierten „Kriegssozialismus“ der wilhelminischen Sozialdemokratie während des Ersten Weltkrieges.[2] Erklärtes Ziel sollte es sein, dass nach einem Sieg des deutschen Kaiserreiches auch der Sozialismus seinen unaufhaltsamen Aufstieg erleben würde.[3]

Der rechte Flügel innerhalb der deutschen Sozialdemokratie fand seine politische Heimat im Hofgeismarkreis.[4] Dieser entstand im gleichen Zeitraum, wie der Schlageter-Kurs der KPD, während der Ruhrkrise 1923 und war hauptsächlich durch JungsozialistInnen besetzt, d.h. denjenigen Geburtsgängen zwischen 1900 und 1910.[5] Neben dem bereits genannten „Kriegssozialismus“ besaß der Kreis noch zwei weitere Wurzeln. Zum einen der Bezug auf den ethischen und religiösen Sozialismus. Beide sind zwei unterschiedliche Strömungen, aber ihre Gemeinsamkeit besteht in der Zurückweisung des Marx’schen Materialismus.[6] Speisen taten sich der ethische und religiöse Sozialismus aus dem Neukantinanismus.[7] Drittens und letztens verstand sich die Junge Rechte, aufgrund ihrer personellen Überschneidung mit dem Weimarer Jungsozialismus als eine Erneuerungsbewegung innerhalb der Sozialdemokratie, die vor allem auf ein geklärtes Verhältnis zur eigenen Nation abzielte.[8] Dementsprechend wurde auch der Kontakt zu anderen Jugendbewegungen gesucht, die ein ähnliches Anliegen hatten.

Die Leitprinzipien des Hofgeismarkreises wurden von ihrem Cheftheoretiker Hermann Heller 1925 erstmals veröffentlicht. Zur Rolle der Nation schrieb Heller:

„Die Nation ist eine endgültige Lebensform, die durch den Sozialismus weder beseitigt werden kann noch beseitigt werden soll. Sozialismus bedeutet keineswegs das Ende, sondern die Vollendung der nationalen Gemeinschaft, nicht die Vernichtung der nationalen Volksgemeinschaft durch die Klasse, sondern die Vernichtung der Klasse durch eine wahrhafte nationale Volksgemeinschaft.“[9]

Ähnlich wie schon bei Lenin und Stalin gehen auch bei Heller letztlich Nation und Klasse zusammen:

„[D]ie Klasse muß in die Nation eingehen, die Nation aber die Klasse in sich aufnehmen […]. Der Sozialismus ist somit für die Nation praktisch unentbehrlich, die Nation aber die notwendige Erscheinungsform des Sozialismus.“[10]

Heller orientierte sich in seiner Schrift dennoch verstärkt an der Nationskonzeption von Otto Bauer.[11] In der zweiten Ausgabe kommt Heller schließlich zu dem Ergebnis: „Die nationale ist ohne die soziale Volksgemeinschaft nicht zu haben.“[12] Das unterstreicht zudem nochmals das Zusammenfallen von Klasse und Nation bzw. sozialer und nationaler Frage.

Entscheidend für den Hofgeismarkreis und allgemein für die Junge Rechte waren die Ablehnung des Marxismus und aller darauf gründenden Revolutionsgebaren. Trotz einiger wichtiger Einsichten, die in der Jungen Rechten gemacht wurden, entwickelte man daraus keine emanzipatorische Weiterentwicklung, sondern rekurrierte die gewonnenen Erkenntnisse immer wieder zurück auf ein durch die gesamte Weimarer Republik und darüber hinaus bleibendes autoritäres Staatsverständnis. Das wiederum bot oftmals Berührungspunkte mit rechten Gruppierungen, insbesondere zur Konservativen Revolution.[13]

Der Hofgeismarkreis selbst hatte nur drei Jahre bis 1926 Bestand. Grund dafür waren die Auseinandersetzungen mit dem linken Teil der JungsozialistInnen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Dennoch intervenierte die Junge Rechte, trotz das sie eine Randgruppierung innerhalb der SPD war, immer wieder in laufende Debatten, zumal sie nach dem Ende des Hofgeismarkreises auch ihre Basis breiter aufstellen konnte.[14] Das führte schließlich 1930 nach mehreren Versuchen zur Gründung der „Neuen Blätter für den Sozialismus“, was dazu führte, dass die Junge Rechte wieder verstärkt in parteiinterne Debatten eingriff bzw. eigene Schwerpunkte setzte.[15] Durch das eigene Publikationsorgan war man nun auch unabhängiger als vorher.

Im neuen Medium suchte man schon ab 1931 nach möglichen sozialistischen Schnittpunkten auf rechter Seite und auch im deutschen Faschismus, sogar noch 1933.[16] Höhepunkt dieser Bemühungen war schließlich die mehrtägige Tagung Anfang Oktober 1932 in Leuchtenburg. Unter dem Motto: „Mit oder gegen Marx zur deutschen Nation“ diskutierte man mit Vertretern des Tat-Kreises, des Jungdeutschen Ordens und des Strasser-Kreises. Über die Tagung versuchte man eine neue Front mithilfe der „vernünftigen“ Nationalsozialisten zu organisieren, was letztlich scheiterte.[17] Schließlich wurde aber auch das Medium der Jungen Rechten im Juni 1933 verboten.

Nicht wenige Mitglieder der Jungen Rechten finden sich später im Kreisauer Kreis und deren UnterstützerInnen wieder.[18] Das autoritäre Staatsverständnis war selbst zu diesem Zeitpunkt immer noch prägend, auch wenn sich die Junge Rechte klar gegen den deutschen Faschismus positionierte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Junge Rechte immer eine Randposition innerhalb der SPD inne hatte, sich aber während der gesamten Weimarer Republik an den innerparteilichen Diskussionen beteiligte und versuchte, eigene Schwerpunkte zu setzen. Zwar konnte sie kaum eigene Vorstellungen umsetzen, aber dennoch wurden die Debatten innerhalb der SPD durch die Junge Rechte mitgeprägt. Das zeigt, dass die Gruppierung einen gewissen Einfluss auf die Partei ausüben konnte. Nachdem es nach dem Hofgeismarkreis in der Folgezeit an einer wirklichen Organisationsstruktur für die Junge Rechte fehlte, bekam sie diese in Form der „Neuen Blätter für den Sozialismus“ zurück. Ihre ideologische Ausrichtung lässt sich mit Stefan Vogt als nationaler Sozialismus charakterisieren (eben auch keine Erfindung deutscher FaschistInnen), was dem Eigenverständnis durchaus nahe kommt.[19] Der darin enthaltene Irrationalismus und die Emanzipationsfeindlichkeit, gepaart mit einem strikten Antikommunismus,[20] waren schließlich die Gründe, sich der radikalen Rechten in der Weimarer Republik zu nähern, insbesondere der Konservativen Revolution. Zu einem Bündnis kam es letztlich vor allem deshalb nicht, weil die Konzeptionen von rechter Seite einem Großteil innerhalb der Jungen Rechten zu weit gingen, denn trotz allem war die Sozialdemokratie ihre politische Heimat. Demzufolge war man trotz des erwähnten autoritären Staatverständnisses nicht bereit, die Demokratie aufzugeben. Der deutsche Faschismus wurde aufgrund seines aggressiven Rassismus und Antisemitismus und der offenen Feindschaft zur Sozialdemokratie von der Jungen Rechte schließlich als möglicher Bündnispartner entschieden abgelehnt und auch bekämpft, auch wenn man mit Nationalrevolutionären, wie dem Strasser-Kreis, diskutiert hatte.

Abschließend zeigt sich an der Jungen Rechten, wieweit der Nationalismus innerhalb des sozialdemokratischen Teils der Arbeiterschaft verbreitet war bzw. immer wieder zur Diskussion gestellt wurde. Deutlich sollte werden, dass es eine lange rechte Traditionslinie innerhalb der SPD gab und gibt, was die reaktionären Tendenzen in der Gesamtpartei immer wieder mit angefeuert hat. Deswegen war damals und ist auch heute nichts mit der Sozialdemokratie zu gewinnen.


[1] Vgl. Vogt, Stefan: Nationaler Sozialismus und Soziale Demokratie. Die sozialdemokratische Junge Rechte 1918 – 1945 (= Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung. Reihe: Politik und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 70), Bonn 2006, S. 29-34.

[2] Vgl. Krüger, Dieter: Kriegssozialismus. Die Auseinandersetzung der Nationalökonomen mit der Kriegswirtschaft 1914 – 1918, in: Michalka, Wolfgang (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg, Wirkung Wahrnehmung, Analyse, München 1994, S. 506-529.

[3] Vgl. Weiß, Wolker: „Deutscher Sozialismus“, Karriere eines Konzepts von der Sozialdemokratie Oswald Spengler und Arthur Moeller van den Bruck, in: Dietzsch, Martin/ Kellershohn, Helmut/ Wamper, Regina (Hrsg.): Rechte Diskurspiraterien. Strategien der Aneignung linker Codes, Symbole und Aktionsformen (= Edition DISS Bd. 28), Münster 2010, S. 80-101.

[4] Vgl. Vogt: Nationaler Sozialismus und Soziale Demokratie. (a.a.O.), S. 92.

[5] Vgl. Rudloff, Michael: Umkehr in die Irrationalität? Religion, Nation und Sozialismus in der Jugendbewegung nach dem Ersten Weltkrieg, in Rudloff, Michael (Hrsg.): Sozialdemokratie und Nation. Der Hofgeismarkreis in der Weimarer Republik und seine Nachwirkungen, Leipzig 1995, S. 77-101, hier S. 82.

[6] Vgl. Vogt: Nationaler Sozialismus und Soziale Demokratie. (a.a.O.), S. 51.

[7] Vgl. Vogt, Stefan: Die Sozialistische Entscheidung. Paul Tillich und die sozialdemokratische Junge Rechte in der Weimarer Republik, in: Internationales Jahrbuch für die Tillich-Forschung 4 (2009), S. 35-52.

[8] Vgl. Vogt: Nationaler Sozialismus und Soziale Demokratie. (a.a.O.), S. 88.

[9] Heller, Hermann: Sozialismus und Nation, Berlin 1925, S. 35.

[10] Ebd.: S. 41.

[11] Vgl. Winkler, Heinrich August: Der Schein der Normalität. Arbeiter und Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik 1924 bis 1930 (= Geschichte der Arbeiter und Arbeiterbewegung in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts) (2., vollständig durchgesehene und korrigierte Aufl.), Berlin 1988, S. 369.

[12] Zitiert nach Winkler: Der Schein der Normalität, (a.a.O.) S. 370.

[13] Vgl. Vogt: Nationaler Sozialismus und Soziale Demokratie. (a.a.O.), S. 255 ff.

[14] Vgl. Ebd.: S. 105 ff.

[15] Vgl. Rudloff, Michael: Umkehr in die Irrationalität? (a.a.O.), S. 90.

[16] Vgl. Vogt, Stefan: Der Antifaschismus der sozialdemokratischen Jungen Rechten. Faschismusanalysen und antifaschistische Strategien im Kreis um die „Neuen Blätter für den Sozialismus“, in: ZfG 48 (2000) 11, S. 990-1011.

[17] Vgl. Vogt: Nationaler Sozialismus und Soziale Demokratie. (a.a.O.), S. 151.

[18] Vgl. Ebd.: S. 450.

[19] Vgl. Ebd.: S. 256.

[20] Vgl. Walter, Franz: Zwischen nationaler Romantik und sozialdemokratischer Reformpolitik. Der Hofgeismarer Kreis der Jungsozialisten und seine Wirkungen auf die SPD in der Weimarer Republik, in Rudloff (Hrsg.): Sozialdemokratie und Nation. (a.a.O.), S. 46-60, hier S. 57.

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