Linker Nationalismus seit dem Ersten Weltkrieg – Eine Bestandsaufnahme

03/12/2012

von Gumbel

Teil I: Nationsverständnis bei Lenin und Stalin.

Diese Reihe versteht sich als ersten kleinen Einblick zu linkem Nationalismus, insbesondere zur Entwicklung im deutschen Raum. Anhand von drei Teilen soll sich der Problematik angenähert werden. Im ersten Teil wird der Blick auf die russische Sozialdemokratie gerichtet, wie sich diese zum Nationsbegriff positionierte und welche Schwierigkeiten dies mit sich brachte. Danach erfolgt im zweiten und dritten Teil die Nationskonzeptionen innerhalb der beiden großen deutschen ArbeiterInnenparteien KPD und SPD und welche weitreichenden Auswirkungen die Nationsvorstellungen mit für den Übergang in die Illegalität spielten.

Die russische Sozialdemokratie sah sich kurz nach der Jahrhundertwende genötigt, eine klare Stellung zur Nationsfrage aufgrund der stärker werdenden nationalen Bewegungen im russischen Vielvölkerstaat zu beziehen. Zwar waren solche Diskussionen nicht unbedingt neu, dennoch nahmen sie zur Jahrhundertwende stark zu.

Eine gewichtige Rolle nahm dabei die Auseinandersetzungen innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) zwischen dem von Lenin entworfenen Nationskonzept und den Autonomiebestrebungen des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes (Bund) ein. 1903 setzte sich hierbei das Leninische Konzept durch, woraufhin der Bund aus der SDAPR austrat.[1]

Lenin hatte 1903 sein „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“[2] entworfen, das einerseits auf die Wahrung der Einheit der SDAPR zielte, andererseits den nationalen Bewegungen entgegenkam und eine Verbindung von nationaler Frage und Klassenkampf herzustellen versuchte. Demzufolge unterliegt Lenins Position einer gewissen Ambivalenz, zumal sie auch im Zeichen taktischer Überlegungen stand, welche das Ziel einer Revolution betrafen.

Dementsprechend bekennt sich Lenin zwar zum Selbstbestimmungsrecht:

„Das ist erstens die Forderung nicht der nationalen Autonomie, sondern der politischen und bürgerlichen Freiheit und der vollständigen Gleichberechtigung, das ist zweitens die Forderung des Selbstbestimmungsrechtes für jede Nationalität, die zum Bestand des Reiches gehört.“[3]

Um aber die Einheit Russlands und auch der SDAPR zu wahren, unterlag das Selbstbestimmungsrecht aber weitreichenden Einschränkungen. Der Klassenkampf wurde dem Selbstbestimmungsrecht immer vorangestellt, d.h. erst kam die Unterstützung des Proletariats, danach eventuell nationalen Bestrebungen. Das beinhaltete auch die konsequente Ablehnung von Autonomiebestrebungen, was mit der Grund für den Konflikt mit dem Bund war:

„Doch die bedingungslose Anerkennung des Kampfes für die Freiheit der Selbstbestimmung verpflichtet uns keineswegs, jede Forderung nach nationaler Selbstbestimmung zu unterstützen. Die Sozialdemokratie sieht als Partei des Proletariats ihre positive und wichtigste Aufgabe darin, die Selbstbestimmung nicht der Völker und Nationen, sondern des Proletariats innerhalb jeder Nationalität zu fördern. Wir müssen stets und unbedingt die engste Vereinigung des Proletariats anstreben, und nur in einzelnen Ausnahmefällen können wir Forderungen, die auf die Schaffung eines neuen Klassenstaates auf die Ersetzung der völligen politischen Einheit eines Staates durch eine losere förderative Einheit usw. hinauslaufen, aufstellen und aktiv unterstützen.“[4]

In diesem Abschnitt sind die zentralen Einschränkungen enthalten. Hintergrund war dabei, den Führungsanspruch der SDAPR zu untermauern, denn die Einschränkungen wurden vor allem gegen andere sozialdemokratische oder sozialistische Gruppen und Parteien unter dem Hinweis eingewendet, die Geschlossenheit der ArbeiterInnenschaft nicht zu gefährden. Darüber wurde auch die Entziehung der Unterstützung legitimiert. Gerichtet wurde dies nicht nur gegen den Bund, sondern auch gegen die polnische Sozialdemokratie in Form der Polnischen Sozialistischen Partei.[5]

Besonders deutlich wird dies  aber am schon genannten Konflikt zwischen SDAPR und Bund, auf dem etwas genauer eingegangen wird. Wie bereits erwähnt, kam es 1903 zum Bruch zwischen SDAPR und dem Bund, was letzterem zum Austritt aus der SDAPR bewog. Zuvor hatte der Bund, obwohl auch gegen sozialistische Zionismen, auf seinem fünften Kongress 1903 und kurz vor dem Zweiten Parteitag der SDAPR betont, der alleinige Vertreter des jüdischen Proletariats zu sein. Gefordert wurde von der SDAPR nicht nur den Alleinvertretungsanspruch anzuerkennen, sondern auch den Bund in Form einer föderalen Organisation,[6] denn der Bund stellte innerhalb der SDAPR die mitgliedstärkste Fraktion dar.[7] Nach der Ablehnung der Anträge vom Bund, trat dieser aus der SDAPR aus, wohl auch aufgrund der Begründungen für die Ablehnungen. Es ging nicht nur um den Widerspruch bei der Autonomiefrage, sondern das man Juden und Jüdinnen aufgrund eines fehlenden sprachlichen sowie territorialen Zusammenhaltes eine Nationsgründung absprach und die einzige Option in der Assimilation liege.[8] Damit lag man vollkommen auf der Linie des damaligen sozialdemokratischen Verständnisses hinsichtlich der „Judenfrage“, die maßgeblich von Karl Kautsky postuliert wurde. Ebenso teilte man Kautskys Kritik am Zionismus.

Somit wurde der Bund in die Nähe von zionistischen Ideen gerückt, bei völliger Ausblendung, dass der Bund selbst gegen sozialistische Zionismen auftrat.[9] Der Konflikt blieb auch nach dem erneuten Beitritt des Bundes 1906 bestehen. Zuvor hatte der Bund auf seinem sechsten Kongress seine alten Forderungen nicht nur wiederholt, sondern zugleich bekräftigt.[10] Insgesamt orientierte sich der Bund an der Auffassung von Otto Bauer, der für den österreichischen Vielvölkerstaat eine Einteilung nach nationalen Autonomien vorschlug, die anhand eines Fünf-Punkte-Programms umgesetzt werden sollte.[11] Obwohl Bauer betonte, dass sein Konzept der national-kulturellen Autonomie nicht auf Juden und Jüdinnen zutreffe, auch aufgrund eines fehlenden geschlossenen Territoriums und der Assimilationstendenzen westeuropäischer Juden und Jüdinnen, wurde es dennoch vom Bund adaptiert. Insbesondere der Punkt, dass eine Nation als Charaktergemeinschaft zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenwachse,[12] übertrug der Bund auf sich selbst.

Letztlich kam es aufgrund der immer noch vorherrschenden Konfliktparteien schließlich 1913 zum erneuten und diesmal endgültigen Bruch zwischen der SDAPR und dem Bund,[13] denn Bauers Theorie stand konträr zu Lenins Prämissen, zumal es verschiedene politische Ausgangslagen im zarischen Russland und in Österreich gab.[14]

Zu diesem Zeitpunkt hatte Lenin zwar sein Nationskonzept ausdifferenziert und bezog den Assimilationsgedanken nicht mehr nur auf die jüdische Bevölkerung bei gleichzeitiger Anerkennung von nationalen Merkmalen: „[…] der am meisten unterdrückten und gehetzten Nation: der jüdischen“[15], was aber den Konflikt keineswegs entschärfte. Schon im nächsten Satz wird deutlich warum: „Jüdische nationale Kultur – das ist die Lösung der Rabbiner und Bourgeois, die Losung unserer Feinde.“[16] Dementsprechend unterstellt Lenin den Autonomiebestrebungen des Bundes dem Nationalismus Vorschub zu leisten, weil sie treten „[…] in Wirklichkeit als Schrittmacher des bürgerlichen Nationalismus innerhalb der Arbeiterschaft.“[17]

Anhand seiner unterschiedlichen und zum Teil widersprüchlichen Aussagen zur jüdischen Emanzipation lässt sich gleichzeitig sein Nationsbegriff bestimmen. Diesen unterschied er in einen reaktionären und fortschrittlichen Nationalismus. Solange es ihm um die Befreiung der unterdrückten Minderheiten ging, sprach er diesen, auch der jüdischen, ein eigenes nationales Selbstbestimmungsrecht zu bzw. war das für Lenin der propagierte fortschrittliche Nationalismus. Doch sobald Bewegungen und Gruppen, wie der Bund daraufhin ihre Zielsetzungen hinsichtlich einer eigenen Nation oder Autonomie konkretisierten, sprach Lenin ihnen dies wiederum ab. Dies verband er mit dem reaktionären, sprich großrussischen Nationalismus, der vor allem ein Mittel der Bourgeoisie zur Schwächung und Spaltung der ArbeiterInnenschaft war.

Aufgrund des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges sollte Lenins Konzeption eine Radikalisierung durchlaufen, die ihren Höhepunkt in seiner Imperialismustheorie fand, die er 1916 verfasste und 1917 veröffentlichte, unter dem Titel: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“.[18] Zu erwähnen ist hierbei, dass Lenins Beitrag am Ende der Imperialismusdebatte innerhalb der europäischen Sozialdemokratie stand und kaum Einfluss auf die Diskussion hatte. Im Gegenteil stützte sich Lenin auf die vorangegangene Diskussion, die bestimmt war von deutschen und österreichischen SozialdemokratInnen, bspw. Karl Kautsky, Rosa Luxemburg, Otto Bauer und Rudolf Hilferding. Im Gegensatz zur späteren marxistisch-leninistischen Darstellung, Lenin als Initiator und Begründer der Imperialismustheorie darzustellen, hatte Lenin selbst immer wieder darauf hingewiesen, sich auf die Diskussionsbeiträge zu beziehen.[19]

Neben der Analyse des Imperialismus als Monopolkapitalismus, auf die an dieser Stelle nicht eingegangen wird,[20] verschärfte sich auch der Ton hinsichtlich konstruierten Feindbildern, die eine wichtige Funktion einnahmen bei der Nationskonzeption. Hinzu kam, dass Lenin versuchte, eine Verbindung zwischen Volks- und Klassenbegriff herzustellen. Über die Zusätze wie ‚werktätig’ oder ‚arbeitend’ vor dem Begriff des ‚Volk’ sollte der Brückenschlag zwischen Sozialem und Nationalem gelingen. Gleichzeitig rückte dadurch der Arbeitsbegriff in den Mittelpunkt und der produktiven Arbeit wurde als Gegenpart das Finanzkapital als „Parasitismus und Fäulnis des Kapitalismus“[21] gegenübergestellt. Allgemein finden sich in Lenins Schrift, in Abgrenzung zu seinem Volks- und Arbeitsbegriff, Personifizierungen  feindlich ausgemachter Strömungen, bspw. auch hinsichtlich der Herrschaftsverhältnisse, wenn von „wenigen Monopolinhaber“[22], „Spekulanten“[23] oder „paar hundert Finanzkönigen“[24] die Rede ist. Auch das Feindbild des vermeintlichen Schmarotzers wird bei Lenin thematisiert: „[…] Rentner, d.h. Personen, die vom ‚Kuponabschneiden’ leben, Personen, die von der Beteiligung an irgendwelchem Unternehmen völlig losgelöst sind, Personen, deren Beruf der Müßiggang ist.“[25] Lenin spricht schließlich zusammenfassend: „Der Rentnerstaat ist der Staat des parasitären, verfaulenden Kapitalismus […].“[26] Damit sind die Hauptpositionen des Leninischen Denkens umrissen, die Stalin nur nochmals konkretisieren sollte.

Stalin bezog sich nur auf die ersten beiden Schriften und noch nicht auf die Imperialismustheorie Lenins und veröffentlichte sein Nationskonzept 1913 unter dem Titel: „Marxismus und nationale Frage“[27], die nur kurz umrissen ist, weil sie weder theoretisch noch vom Umfang her an die Überlegungen Lenins heranreichen.

Im Mittelpunkt stand bei Stalin die Kritik an Bauers Konzept der national-kulturellen Autonomie. Auffallend ist, dass Stalin seinen Entwurf vor allem in Ablehnung zu Juden und Jüdinnen schrieb, die ihm als Musterbeispiel galten, keine Nation bilden zu können. Vier Merkmale sind bei Stalin entscheidend: Erstens eine gemeinsame Sprache,[28] zweitens ein gemeinsames Territorium,[29] drittens einen einheitlichen Wirtschaftsraum[30] und viertens die „Gemeinschaft der psychischen Wesensart[31]. Sollte nur ein Merkmal fehlen, „[…] so hört die Nation auf, eine Nation zu sein.“[32] Für Stalin erfüllten Juden und Jüdinnen keines der genannten Merkmale und sprach sich für dessen Assimilation aus und fasste zusammen:

„Denn, wie gesagt, was für eine jüdische Nation ist das beispielsweise, […], deren Mitglieder einander nicht verstehen (verschiedene Sprachen sprechen), in verschiedenen Teilen des Erdballs leben, einander niemals sehen werden, weder im Frieden noch im Krieg, gemeinsam vorgehen werden!?“[33]

Stalin spricht hierbei von „wirklichen“ und papierenden“[34] Nationen. Das Stalin insbesondere Juden und Jüdinnen meint, wird nochmals im Kapitel: „Der ‚Bund’, sein Nationalismus, sein Separatismus“[35] deutlich, in dem auch deutlich wird, das sein Nationsbegriff ethnisiert und naturalisiert ist, wenn er schreibt: „[…] dass die Juden keine mit der Scholle verbundene breite stabile Schicht haben, die auf natürliche Weise die Nation nicht nur als ihr Gerippe, sondern auch als ‚nationalen’ Markt zusammenhält.“[36]

Das solch ein Nationsbegriff, der immer stärker auf Feindbildkonstruktionen aufbaute, auch repressive Maßnahmen bei seiner Durchsetzung möglich machte, zeigte sich schließlich in der russischen Revolution. Die Imperialismustheorie bot nicht nur ein leicht verständliches Modell zur Erklärung gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern konnte damit gleichzeitig eine Feindbildkonstruktion aufweisen, die erst nach außen gerichtet war und sich während der Revolution auch gegen unliebsame Personen und ausgemachte Feinde in der eigenen Bewegung einsetzen ließ.

Lenins Polemik während der Revolution wurde noch einmal schärfer gegenüber jeglicher Art von Feindbild. Das es eben nicht bei Polemik blieb, zeigt die Einsetzung der 1917 gegründeten Geheimpolizei Tscheka, die die wirtschaftlichen und politischen Ziele der Bolschewiki mithilfe von Terror und Liquidierungen gegenüber dem politischen Gegner durchsetzen sollte und dabei auf die Leninische Ideologie selbst zurückgeht. Die Feindbildkonstruktionen dienten hierbei vor allem der eigenen Legitimierung. Entscheidend ist aber, dass Lenin und die Bolschewiki anfangs kein abgesichertes Verhältnis zur Gewalt hatten. Dies entwickelte sich erst im Laufe der Revolution.[37]

Über seinen Nations- und dem daran anschließenden Volksbegriff wurden ausgemachte Feinde und ganze Bevölkerungsgruppen zu „ ganze Bevölkerungsgruppen zu „chtung mit einschließen, wenn Lenin schreibt: „te Feinde und ganze Bevölkerungsgruppen zu „VolksVolksfeinde“[38] erklärt. Das konnte deren physische Vernichtung mit einschließen, wenn Lenin schreibt, dass „[…] für die Erreichung des gemeinsamen, einheitlichen Ziels […] [die] Säuberung der russischen Erde von allem Ungeziefer, von den Flöhen – den Gaunern, von Wanzen – den Reichen usw. usf.“[39] wichtig sei. Dazu gab Lenin auch gleich weitere Lösungsvorschläge. Neben den harmloseren, wie Gefängnisaufenthalt oder Toiletten sauber zu machen,[40] schlug Lenin auch vor „[…] ihnen nach Verbüßung ihrer Freiheitsstrafe gelbe Pässe aus[zu]händigen, damit das ganze Volk sie bis zu ihrer Besserung als schädliche Elemente überwache“[41] oder gleich „[…] einen von zehn, die sich des Parasitentums schuldig machen, auf der Stelle [zu] erschießen.“[42] Das verdeutlicht nochmals die Personifizierung des Kapitalismus bestimmter Teile des Bürgertums, wobei diese auch konträr zum ‚werktätigen Volk’ von Lenin standen.

Die Verschlechterung der allgemeinen Lage, trotz des propagierten erfolgreichen Kampfes gegen die charakterisierten Volksfeinde, führte schließlich dazu, auch auf verschwörungstheoretische Elemente zurückzugreifen, um die Legitimation der Partei zu wahren. Allgemein kann man an Lenins Konzeption und seiner Radikalisierung ablesen, dass dieses auch dem Antisemitismus Tür und Tor öffnete, wobei nicht vergessen werden darf, dass Lenin und allgemein die SDAPR gerade in ihrer Anfangszeit im Gegensatz zu anarchistischen Gruppen[43] gegen antisemitische Umtriebe entschieden bekämpften.[44]

Letztlich stellte die Linie während der Revolution und dem sich anschließenden Bürgerkrieges nur die Fortführung der entworfenen Avantgarde und der damit verbundenen Unfehlbarkeit der Partei dar, die Lenin schon 1902 in „Was tun“[45] festgehalten hatte. Dementsprechend wurde nach der Übernahme der Staatsmacht auch gegen abweichendes Verhalten innerhalb der Partei vorgegangen, was 1921/22 zum Ausschluss von ungefähr 25% der Mitglieder aus der KPR (B)[46] führte[47] und ihren Höhepunkt in der Niederschlagung des Kronstädter Aufstandes 1921 fand.[48]

Wie sich gezeigt hatte, war der Leninische Nationsbegriff ein Entgegenkommen an die nationalistischen Bewegungen im russischen Zarenreich. Gleichzeitig wurde dadurch nationalistischen Tendenzen in die russische Sozialdemokratie der Weg geebnet. Einher ging dies mit der Affinität der gesamten Leninischen Ideologie hinsichtlich des Antisemitismus. Lenins theoretische Konzeptionen zeigen auch den Werdegang der Bolschewiki, wie sich diese für das Ziel der Weltrevolution zu DogmatikerInnen wandelten, bei der der Terror ein Mittel für den höheren Zweck darstellte. Erst Stalin nutzte die nationalistischen und antisemitischen Potenziale im 1938 betitelten Marxismus-Leninismus, denn Stalin ging es nicht mehr um das Ziel einer Weltrevolution hin zum Kommunismus, sondern um ein System, indem die Sowjetunion vorherrschend sein sollte, wie sich am propagierten Sozialismus in einem Land darstellte.

In den nächsten Teilen wird der Frage nachgegangen, inwieweit sich die Leninische Nations- und Volkskonstruktion auf die zwei großen deutschen Arbeiterparteien in der Weimarer Republik auswirkte.


[1] Vgl. Keßler, Mario: Antisemitismus, Zionismus und Sozialismus. Arbeiterbewegung und jüdische Frage im 20. Jahrhundert (2. Aufl.), Mainz 1994, S. 23.

[2] Vgl. Lenin, Vladimir I. (1903): Die nationale Frage in unserem Programm, in: LW Bd. 6 (4. Aufl.), Berlin/DDR 1968, S. 452-461.

[3] Lenin, Vladimir I (1903): Das Manifest der armenischen Sozialdemokratie, in: Ebd.: S. 820-823, hier S. 822.

[4] Lenin, Vladimir I. (1903): Die nationale Frage in unserem Programm, in: Ebd.: S. 452. Hervorhebung im Original.

[5] Vgl. Ebd. S. 453 ff.

[6] Vgl. Haury, Thomas: Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR, Hamburg 2002, S. 219.

[7] Selbst 1905 hatte der Bund im Gegensatz zur SDAPR, die 8400 Mitglieder hatte, mit 30.000 über 3mal mehr Mitglieder, vgl. Löwe, Dietrich-Heinz: Antisemitismus und reaktionäre Utopie. Russischer Konservatismus im Kampf gegen den Wandel von Staat und Gesellschaft 1880 – 1917, (= zugl. Diss., Univ. Freiburg i. Br. 1976/77) (= Historische Perspektiven, Bd. 13); Hamburg 1978, S. 69 ff.

[8] Vgl. Lenin, Vladimir I. (1903): Die Stellung des „Bundes“ in der Partei, in LW Bd. 7 (5. Aufl.), Berlin/DDR 1971, S. 82-93, hier S. 90 ff.

[9] Vgl. Bunzl, John: Klassenkampf in der Diaspora. Zur Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung (= Schriftenreihe des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung, Bd. 5), Wien 1975, S. 110-113.

[10] Vgl. Ebd.: S. 79 f.

[11] Genaueres zu Bauers Nationskonzeption, die sich in einigen Teilen der europäischen Sozialdemokratie einer gewissen Beliebtheit erfreute, sich aber weder theoretisch noch praktisch durchsetzen konnte, vgl. Baier, Walter: Von Nationen und „Natiönchen“, historischen und „geschichtslosen“ Völkern – Rosa Luxemburg, W.I. Lenin und Otto Bauer, in: Brie, Michael/ Haug, Frigga (Hrsg.): Zwischen Klassenstaat und Selbstbefreiung. Zum Staatsverständnis von Rosa Luxemburg (= Staatsverständnisse, Bd. 43), Baden-Baden 2011, S. 145-169, hier S. 153 f.

[12] Bauer, Otto: Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie (= Marx-Studien, Bd. 2) (2. Aufl.), Wien 1924, insbesondere Kapitel 10, S. 109-137.

[13] Ein Jahr vorher war es auch zum offenen Bruch zwischen Bolschewiki und Menschewiki gekommen. Zweitere hatten die Autonomiebestrebungen des Bundes unterstützt, vgl. Kolakowski, Leszek: Die Hauptströmungen des Marxismus. Entstehung, Entwicklung, Zerfall, 2 Bde., Bd. [ohne Untertitel], München 1978, S. 524.

[14] Vgl. Baier: Von Nation und „Natiönchen“. (a.a.O.), S. 158.

[15] Lenin (1913): Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage (a.a.O.), S. 10.

[16] Ebd.: S. 10.

[17] Ebd.: S. 11. Hervorhebung im Original.

[18] Vgl. Lenin, Vladimir I. (1916): Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriß, in LW Bd. 22, Berlin/DDR 1960, S. 189-309.

[19] Vgl. Ebd.: S. 199.

[20] Siehe dazu Mommsen, Wolfgang J.: Imperialismustheorien. Ein Überblick über die neueren Imperialismusinterpretationen (3., erweiterte Auflage), Göttingen 1987, S. 41.

[21] So die Überschrift des 8. Kapitels, vgl. Ebd.: S. 280.

[22] Ebd.: S. 210.

[23] Ebd.: S. 211.

[24] Ebd.: S. 225.

[25] Ebd.: S. 281.

[26] Ebd.: S. 283.

[27] Vgl. Stalin, Josef W. (1913): Marxismus und nationale Frage, in: SW Bd. 2 (3. Aufl.), Berlin/DDR 1950, S. 266-333.

[28] Vgl. Ebd.: S. 269.

[29] Vgl. Ebd.: S. 270.

[30] Vgl. Ebd.: S. 270 f.

[31] Ebd.: S. 272. Hervorhebung im Original.

[32] Ebd.: S. 272.

[33] Ebd.: S. 276.

[34] Vgl. Ebd.: S. 276.

[35] Vgl. Ebd.: S. 302-315.

[36] Ebd.: S. 303.

[37] Vgl. Plaggenborg, Stefan: Gewalt und Militanz in Sowjetrussland 1917 – 1930, in: JGO (N.F.) 44 (1996) 3, S. 409-430, hier S. 412 ff.

[38] Lenin, Vladimir I. (1917): Wie soll man den Wettbewerb organisieren?, in: LW Bd. 26 (2., verbesserte Aufl.), S. 402-414, hier S. 409.

[39] Ebd.: S. 413. Hervorhebung im Original.

[40] Vgl. Ebd.: S. 413.

[41] Ebd.: S. 413. Hervorhebung im Original.

[42] Ebd.: S. 413.

[43] Vgl. Brumlik, Micha: Antisemitismus im Frühsozialismus und Anarchismus, in: Heid, Ludger/ Paucker, Arnold (Hrsg.): Juden und deutsche Arbeiterbewegung bis 1933. Soziale Utopien und religiös-kulturelle Traditionen (= Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo-Baeck-Instituts, Bd. 49), Tübingen 1992, S. 35-42.

[44] Vgl. Löwe, Dietrich-Heinz: Antisemitismus in der Zarenzeit, in: Martin, Bernd/ Schulin, Ernst (Hrsg.): Die Juden als Minderheit in der Geschichte, München 1981, S. 184-208, hier 201.

[45] Vgl. Lenin, Vladimir I. (1902): Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung, in: LW Bd. 5, Berlin/DDR 1955, S. 335-551.

[46] Die SDAPR (B) unter Lenin, die selbst eine Abspaltung von der SDAPR war, nannte sich nach der gewaltsamen Auflösung der Konstituierenden Versammlung vom 5. Januar 1918 in Kommunistische Partei Russlands (Bolschewiki) (KPR (B)) um.

[47] Vgl. Haury: Antisemitismus von links. (a.a.O.), S. 245.

[48] Siehe Wolin, Wsewolod: Der Aufstand von Kronstadt (2. Aufl.) (= Klassiker der Sozialrevolte, Bd. 3), hgg. und bearbeitet von Jochen Knoblauch. Aus dem Französischen von Wolf H. Leube, Münster 2009.

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