Kritik an der Israelsolidarität?

12/05/2012

Von Roady

Wie man es auch dreht und wendet, geht es um Israel zeigt die deutsche Linke allzuoft ihr hässliches Gesicht(1). Dass dies mitunter antisemitisch motiviert ist, steht außer Frage.  Man muss bloß die steigende Anzahl von Studien zum linken Antisemitismus betrachten, um sich dessen bewusst zu werden(2). Denkt man nur an den versuchten Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin am  9. November 1969 in Berlin oder die Selektion von jüdischen Passagieren in Entebbe, wird offensichtlich, dass es noch nicht einmal der Ideologiekritik bedarf um jenen Antisemitismus nachzuweisen. Dass trotz erdrückender Beweislast Teile der Linken dennoch diesen in ihren eigenen Reihen dennoch als etwas Unmögliches verstehen und jeden Verweis auf seine Existenz unter den Genoss_Innen zurückweisen, mitunter den Versuch des Totschlagargumentes wittern, spricht Bände über ihre Ignoranz.

Dass all jene, die sich mit Israel solidarisieren und sich selbst als links, kommunistisch oder sozialistisch bezeichnen, ebenso dem Hass der „Genoss_Innen“ ausgeliefert sind, verwundert kaum noch. Eine konstruktive Auseinandersetzung zur Klärung der Frage ob man sich mit Israel solidarisch erklären kann/sollte und vorallem warum, ist spektrenübergreifend kaum möglich. Stattdessen gelten die Antideutschen inzwischen als größtes Problem der Linken, obwohl man meinen möchte, dass Israelsolidarität nichts genuin Antideutsches ist, sondern schon weitaus länger in linken Kreisen existiert. Aber Fehlschlüsse und Reduktionen sind die dominante Methode im Umgang mit solchen Positionen, wodurch es auch nicht verwundert, dass Versuche einer theoretischen Auseinandersetzung den Gegenstand keineswegs berühren, was an Moshe Zuckermanns Aufsatz „Was heißt: Solidarität mit Israel“ deutlich zu Tage tritt.

Zuckermann zeigt deutlich, wie durch selektive Wahrnehmung und eindimensionale Deutung, das, von mir unterstellte Ziel eines konstruktiven Beitrages, verfehlt wird. Somit begreift er noch nicht einmal, auf welcher Ebene sich jene Israelsolidarität äußert, die er vermeintlich kritisiert. Schon seine Frage, ob sie politisch, gesellschaftlich oder religiös sei weist in die falsche Richtung. Tatsächlich handelt es sich um eine kategorische Solidarität, die darauf abzielt, dem Judentum die Möglichkeit zu einem selbstbestimmten Leben aufrechtzuerhalten, also genau das, was ihnen in nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaften jahrhundertelang versagt wurde. Das heißt auch, das ihr eigenes Leben nicht mehr vom Wohlwollen anderer, nicht vom Antisemitismus bedrohter Menschen, abhängig ist. Oder um es abstrakter zu formulieren: Solidarität mit Israel bedeutet, Einsicht in die Notwendigkeit des jüdischen Selbstschutzes.

Dass eben jener Selbstschutz in einer staatlich verfassten Welt nur durch einen eigenen Staat verwirklicht werden kann, wird von Zuckermann vehement bestritten. Und sicher ist es nicht zu leugnen, dass noch immer Jüdinnen und Juden in Israel Terroranschlägen zum Opfer fallen. Nur ist der relevante Punkt, dass weder Vernichtungsprogramme wie die Shoa oder Pogrome möglich sind, ohne die israelische Staatsgewalt auf den Plan zu rufen. Jedoch sind Letztere genau das, worüber Zuckermann scheinbar nur ungern spricht(3), sodass arabischer Antisemitismus keinerlei Rolle für ihn spielt, was mehr als verwundert, da er behauptet, dass “die Analyse wahrer, gesellschaftlicher, politischer und militärischer Gewaltverhältnisse auf den Hund gekommen”(4) sei. Ein Vorwurf der wohl nur zuallererst auf ihn zutrifft, da er Konfliktursache und ideologische Ebene vollkommen außer Acht lässt. Ausgerechnet die Gegenseite, welche kritisiert werden soll ist teilweise schon weiter und muss sich über die Dimensionen des Konflikts nicht mehr belehren lassen. So hält Grigat fest, dass “staatliche Verteidigungsmaßnahmen auch zu grauenhaften Übergriffen führen können, und dass staatliches Handeln in Israel keineswegs auf den Zweck der Verhinderung der Vernichtung beschränkt ist”(5).

Selbstverständlich nimmt Solidarität mit Israel mitunter bizarre Formen an, man denke nur an Bruhns Aussage, jede Kritik an Israel sei antisemitisch. Für diese Behauptung muss er den zionistischen Auftrag den Schutz des Judentums zu organisieren und jegliches Wirken staatlicher Institutionen konfundieren. Warum das letztgenannte notwendig auf das erste referiert, erklärt er allerdings nicht. Dass israelische Regierungen auch Politik betreiben, die eben nicht auf den Schutz vor Antisemitismus gerichtet ist, sondern gewöhnliche Probleme betrifft, die ebenso in anderen Staaten auftreten, versteht sich von selbst. Nur sind solche Positionen eben nicht die Regel. Warum Zuckermann diese Ambivalenz übersieht, bleibt sein Geheimnis. Es verwundert nur umso mehr, wenn man bedenkt, dass er ausgerechnet der israelsolidarischen Linken erklärt sie würde “dem psycho-ökonomischen Bedürfnis nachkommen, Kollektivitäten in lapidare Begriffsbildungen zu fassen”(6), obwohl diese sich über die Existenz israelkritischer Jüdinnen und Juden, wie Finkelstein und Hecht-Galinski, durchaus bewusst ist. Dass dieser Vorwurf nicht nur aus der Luft gegriffen ist, sondern damit zugleich vom Antisemitismus vollkommen abstrahiert wird, ist eine starke Leistung. Somit erscheint es, dass die „Antideutschen“ das Judentum zu einem einheitlichen Kollektiv machten. Folgerichtig müssen es Teile der Linken sein, die der jüdischen Emanzipation am vehementesten im Weg stehen. Wohl gemerkt ausgerechnet der Teil der Linken, der weder bereit ist Auschwitz zu vergessen, noch den Antisemitismus kleinzureden versucht. Das jene Verallgemeinerung von Antisemit_Innen betrieben wird und Israel letztlich dazu dient, genau diese unschädlich zu machen fällt ihm nicht ein.

Dass er weiterhin die „Errichtung des Judenstaates Israel mit einem vom Zionismus am palästinensischen Volk verbrochenen historischen Unrecht“(7) verbindet, ist eine starke Behauptung, genauso stark wie die Tatsache, dass er sie nicht weiter ausführt. Für seine mögliche Argumentation sehe ich zwei verschiedene Stränge: entweder er geht von einer gewaltsamen Errichtung des Staates aus oder er behauptet den Palästinenser_Innen sei „ihr“ Land genommen wurden. Auf Punkt 1 ließe sich erwidern, dass Staaten eben mit Gewalt gegründet werden, sicher keine schöne Tatsache aber Ästhetik ist nuneinmal kein Maßstab für Wahrheit. Dass kann sicherlich unterschiedliche Formen annehmen (in Frankreich und Russland gegen die alten Eliten gerichtet, in Deutschland wurde die Einigung gegen äußere Feinde durchgesetzt oder in den ehemaligen Kolonialgebieten gegen die europäischen Eroberer; es sei auch an die Durchsetzung des Gewaltmonopols erinnert, die nicht nur auf Zustimmung stößt), täuscht aber keinesfalls über die Notwendigkeit der Gewalt in diesem Prozess hinweg. Nebenbei bemerkt ist die Gründung des Südsudan ein weiteres und aktuelles Beispiel um diese These zu stützen. Die Frage die sich damit aufdrängt, lautet deshalb nicht warum die Konstitutionsbedingungen der bürgerlichen Gesellschaft an Israel offengelegt und kritisiert werden, sondern warum nur an Israel, Gewalt somit nur selektiv wahrgenommen wird? Oder er wärmt den Mythos der Nakba neu auf, der in der historischen Forschung schon längst widerlegt ist(8).

Was natürlich nicht fehlen darf ist der Versuch der Delegitimierung der Gegenseite, auch wenn das keineswegs bedeutet durch stringente Argumentation zu überzeugen, sondern nur die Zustimmung der eigenen Reihen durch absurde Analogien gesichert werden soll:
„Als nahezu lächerlich darf dabei gelten, daß die Argumente der sich ja immerhin der deutschen Linken zurechnenden, gar als ‚Kommunisten‘ verstehenden Israel-Solidarisierer nicht nur denen der israelischen Linken diametral entgegenstehen sondern sich mit denen israelischer Rechtsradikaler mithin religiöser Fundamentalisten der Siedlerbewegung nahezu vollkommen decken.“(9)
Spätestens hier muss man sich die Frage stellen ob es sich tatsächlich lohnt mit Zuckermann zu diskutieren. Auch wenn es ihm lächerlich erscheint, dass sich Argumente von Linken und Rechten decken(10), ist seine subjektive Einschätzung wenig hilfreich, will man heraus finden was wahr ist. Was Zuckermann mit diesem Satz getan hat ist ganz einfach, er zog einen genetischen Fehlschluss: Argumentum ad hominem. Soll heißen seine „Widerlegung“ der Argumente basiert weder auf dem Nachweis formaler Ungültigkeit, noch auf der Offenlegung falscher Prämissen(11). Die Falschheit dieser Argumente wird für Zuckermann allein deswegen offensichtlich, weil sie von israelischen Rechten vorgetragen werden. Folglich bedarf es auch keiner weiteren Diskussion mehr, schließlich hat es sich in politischen Debatten schon unlängst durchgesetzt den eigenen Wahrheitsanspruch tautologisch zu erklären, d.h. aus der vermeintlich richtigen Anschauung heraus. Und da die „Israel-Solidarisierer“ mit Rechten kollaborieren und Linken widersprechen, drängt sich Zuckermann natürlich der Schluss auf, dass sie keine Kommunist_Innen sein können. Somit wird das Bedürfnis vieler Linker bedient, unliebsame Positionen einfach auszugrenzen, statt bestehende Widersprüche in der Diskussion aufzulösen. Denn zu unterstellen Israelsolidarität würde die menschliche Emanzipation verhindern, wäre falsch. Vielmehr entwächst aus der Erkenntnis, dass die Möglichkeit zur Veränderung gegenwärtig nicht gegeben ist, der Wunsch weitere Katastrophen zu verhindern. Oder wie Grigat schrieb: „Der Zionismus ist für die Kritik der politischen Ökonomie […] zwar nicht die richtige Antwort auf den Antisemitismus (das wäre nach wie vor die Errichtung der klassen- und staatenlosen Weltgesellschaft, die freie Assoziation freier Individuen […] ), aber er ist […] die vorläufig einzig mögliche.“(12) Aber an Zuspruch mangelt es Zuckermanns Thesen nicht, schließlich sagt er nur, was viele ohnehin schon „wussten“.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass eine Auseinandersetzung zur Solidarität mit Israel in der Linken noch nicht geführt wurde. Selbst sich reflektierter gebende Beiträge, wie jener von Zuckermann, verfehlen das zur Debatte stehende Objekt oftmals und kommen deshalb über das wiedergeben von Platitüden nicht hinaus.

(1) Mentz, Paul: Israel und die deutsche Linke (http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Israel-und-die-deutsche-Linke.html)
(2) Z.B. -Haury, Thomas: Antisemitismus von Links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR. Hamburger Edition, Hamburg 2002
-Imhoff, Maximilian Elias: Antisemitismus in der Linken. Ergebnisse einer quantitativen Befragung. Peter Lang-Verlag, Frankfurt/M. 2011
-Initiative Sozialistisches Forum: Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die    linksdeutsche Ideologie. ça ira-Verlag, Freiburg 2000
-Reiter, Margrit: Unter Antisemitismus-Verdacht. Die österreichische Linke und Israel nach der Shoah. Studien-Verlag, Innsbruck 2001
(3) z.B. Jerusalem 1920, Jaffa 1921, Hebron 1929 und der arabische Aufstand 1936-39
(4) Zuckermann, Moshe: Was heißt: Solidarität mit Israel?. in: Hanloser, Gerhard(Hg.): Sie warn die antideutschesten der Linken – Zur Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik, Unrast, Münster 2004, S. 218
(5)Grigat, Stephan: Fetisch und Freiheit – Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapitalund die Kritik des Antisemitismus, ca-ira, Freiburg 2007, S. 336
(6) Zuckermann: Was heißt Solidarität mit Israel?, a.a.O., S.211
(7) Zuckermann: Was heißt Solidarität mit Israel?, a.a.O., S.214
(8) vgl. Feuerherdt, Alex: Mythos „Nakba“ (http://www.dig-stuttgart.net/wp-content/uploads/2008/03/Mythos-Nakba-Besigheim.pdf)
(9) Zuckermann: Was heißt Solidarität mit Israel?, a.a.O., S.217
(10) Was selbstverständlich auch auf die antizionistische Linke und Teile der Rechten zutrifft. Die Behauptung Israel begehe einen Völkermord an den Palästinenser_Innen, sei der imperialistische Vorposten der USA oder würde eine zumindest mediale Kontrolle der USA ausüben, hört man regelmäßig von beiden Seiten.
(11) Die Möglichkeit dazu ist ihm ohnehin nicht gegeben, schließlich nennt er kein einziges dieser Argumente.
(12)Grigat: Fetisch und Freiheit, a.a.O., S.336

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