Gedenken?

28/01/2012

Von Roady

Unvorstellbar ist das Leid, welches jenen widerfuhr, die in die Konzentrations- und Vernichtungslager des Dritten Reiches deportiert wurden. Allein der Gedanke, dass Menschen andere Menschen der Vernichtung preisgeben, dies gar als notwendig erachteten, macht fassungslos. Bedenkt man die ungeheure Zahl an Toten, dass der Massenmord industriell betrieben wurde und mit welcher Rationalität und Gefühlslosigkeit Menschen getötet wurden , lässt sich die Singularität der Shoa nicht bestreiten.

„Nie wieder“ ist die notwendige und einzig richtige Konsequenz, die aus diesem Verbrechen gezogen werden kann(1). Dementsprechend werden wir nicht von einem Blick in die Vergangenheit entlastet, der uns deutlich macht, was nicht mehr sein darf. Die Erinnerung, auch wenn sie uns niemals verstehen lässt, was jene Menschen tatsächlich empfanden und wie sie litten, darf nicht verblassen. Beginnen wir zu vergessen, was war, werden wir auch unfähig Ereignisse der Gegenwart zu deuten, werden wir unfähig Handeln, dass sich Adornos kategorischen Imperativ zur Grundlage nimmt, zu verstehen. Deshalb erachte ich es für notwendig, den Opfern der Nazis zu gedenken.

Selbstverständlich steht der 27. Januar im Schatten der Shoa, er ist eben kein Tag wie jeder andere, kein Tag an dem man nicht ständig mit dem Vergangenen konfrontiert ist, sich selbst damit konfrontiert. Aber ich denke, dass ist nur allzu menschlich, nicht ignorant gegenüber menschlichen Leid zu sein, empathiefähig zu bleiben.

Empathie scheint genau das zu sein, was Uli Schwemin und dem Rest der jW fehlt. Statt den 27. Januar dem Gedenken an die Opfer des NS zu widmen, wettert dieser lieber gegen den Westen. Den Toten erweist er keinerlei Respekt, instrumentalisiert sie sogar für seine eigenen politischen Ansichten. Aufbauend auf der Shoa versucht er, sein krudes Weltbild zu verteidigen, deutet die Geschichte nach seinem Wünschen um und zieht sogleich Analogien, wo keine sind.

Nicht nur, dass er vollkommen vergisst, dass die Machtübernahme der Nazis durch die Wahlurnen garantiert wurde, seine ökonomistische Deutung in der Faschismusforschung ohnehin längst widerlegt ist(2). Macht er der BRD zum Vorwurf, dass sie ehemaligen Nazifunktionären eine neue Karrierechance bot, sie sogar auf diese im Staatsdienst aufbaute, unterschlägt aber, dass selbiges für die DDR ebenso galt, sogar ganze Bücher mit diesen Fakten gefüllt werden(3). Da stellt sich nur die Frage, wer alles dem “Geschichtsklitterern die Hoheit verleiht“?

Was die jW hiermit publizierte ist eine weitere Widerlichkeit, ein unerhörtes Elaborat das an Taktlosigkeit kaum zu überbieten ist. Es geht nicht um menschliches Leid oder um dessen Minimierung, nicht um das Bewusstmachen der Bedeutung eines Gedenktages. Eine Debatte darüber, welche Konsequenzen hätten gezogen werden müssen oder noch zu ziehen sind, hat am 27. Januar nichts verloren. An einem Gedenktag, jene, denen gedacht wird, für eine politische Auseinandersetzung zu missbrauchen, offenbart wie der Autor selbst zu diesem Tag steht, ein menschliches Verhältnis ist es nicht.

  1. Wobei dieses „Nie wieder“ ohnehin nur von wenigen Menschen konsequent gedeutet wird.
  2. vgl. Reichardt, Sven: Was mit dem Faschismus passiert ist. Ein Literaturbericht zur internationalen Faschismusforschung seit 1990. Teil 1, in: Neue Politische Literatur 49 (2004) 3, S. 385-406.
  3. vgl. Kappelt, Olaf: Braunbuch DDR. Nazis in der DDR. Berlin Historika Verlag, Berlin 2009
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: