Ein sächsisches Trauerspiel

13/01/2012

Von Gumbel

Wie jedes Jahr steht wohl das Highlight in der sächsischen Region kurz bevor, denn in knapp einem Monat ist wieder einmal der 13. Februar. Und zu dem Großereignis will bekanntlich niemand fehlen, also kommen sie aus zum Teil unterschiedlichen Motivationslagen alle zusammen: Nazis, eine rechtskonservative Stadtführung, die so genannte Zivilgesellschaft und die radikale Linke. Der 13. Februar hat sich in den letzten Jahren nicht nur zu einem etablierten Datum im Demonstrationskalender gegen einen der größten deutschen Naziaufmärsche etabliert, sondern ist zu einem regelrechten Massenevent geworden, bei dem Mobilisierung gegen alte und junge Nazis vor inhaltlichen Auseinandersetzungen steht und auch keine Hoffnung auf Besserung in Sicht ist.

Gedenken bleibt Gedenken

Das Gedenken an die angeblichen unschuldigen deutschen Opfer stand und steht für Nazis und Dresdner Bürger_innen im Mittelpunkt, doch fast durchgängig richtet sich der Fokus auf die Nazis und ihre Demonstration und weniger auf die Problematik des Gedenkens. Das wird deutlich beim Aufruf von Dresden Nazifrei, indem es heißt:

„Mit dem Aufmarsch im Februar versuchten sie in den vergangenen Jahren, an das Gedenken an die Bombardierungen Dresdens im Februar 1945 und den damit einher gehenden Mythos der „unschuldigen Stadt Dresden“  anzuknüpfen.“

Das war es dann auch schon so gut wie an Inhalt. Es wird in keiner Weise thematisiert, dass der Ausgangspunkt dafür im bürgerlichen Gedenken liegt und dass in den 1990er Jahren und Anfang des neuen Jahrtausends Dresdner Bürger_innen ohne Berührungsängste auf dem Heidefriedhof oder vor der Frauenkirche zusammen mit den Nazis trauerten. Erst durch die Thematisierung und Kritik durch einen Teil der radikalen Linken an der Gedenkprozedur, sah sich die Dresdner Zivilgesellschaft zum Handeln bewegt, um sich vom „Missbrauch“ des Gedenkens durch die Nazis zu distanzieren.
Zwar hat die verstärkte Diskussion um das Gedenken in den letzten fünf Jahren zu einer äußerlichen Wandlung des Gedenkritus geführt, aber am Kern hat sich nichts geändert, nämlich am Gedenken selbst bzw. das es immer noch begangen wird. Argumentiert wird das heutzutage vor allem mit der historischen Aufarbeitung in Form einer Historiker_innenkommission und deren vorgestellten Ergebnissen, welche durch die Diskussion um das Gedenken zustande kam. Dort wurden bspw. die Zahlen der Toten auf 25.000 Menschen nach unten korrigiert und dem Mythos von mehr als 100.000 Toten der Zahn gezogen. Auch der Status, dass Dresden eine unschuldige Kultur- und Kunststadt gewesen sei, widerlegte die Kommission, indem die Rolle Dresdens als Garnisonsstadt der Wehrmacht benannt wurde.
In Verbindung mit der ständigen Betonung auf die Rückkehr des von Deutschland begonnenen Krieges nach Dresden, stellt sich die Stadt nun als geläutert dar und ist um Versöhnung bemüht, um an die Leiden des Krieges erinnern zu können.
Hinter der Phrase des Erinnerns an die angeblichen Leiden des Krieges verbirgt sich nichts anderes, als der ungebrochene Wunsch der deutschen Opfer zu gedenken, die hierbei unter einen universellen Leidensbegriff fallen und somit in letzter Konsequenz auf eine Stufe mit dem Programm Auschwitz der deutschen Volksgemeinschaft, als geplanten und durchgeführten industriellen Massenmord an Juden und Jüdinnen, gestellt werden.
Das gilt ähnlich für den angeblich zurückgekehrten Krieg nach Deutschland bzw. Dresden. Die Alliierten haben Dresden nicht bombardiert, weil die Deutschen vorher Coventry oder eine andere Stadt bombardiert hatten, sondern die Bombardierung stand im Zeichen der Area Bombing Directive, die am 14. Februar 1942 vom britischen Luftfahrtministerium herausgegeben worden war. Damit sollte die Moral der deutschen Zivilbevölkerung zermürbt und somit der deutsche Vernichtungswahn schnellstmöglich beendet werden. Im Nachhinein hatte sich gezeigt, dass das so genannte moral bombing seine Wirkung aber verfehlt hatte, denn wie bekannt ist, ergab sich die deutsche Volksgemeinschaft trotz der sich immer deutlicher abzeichnenden Niederlage nicht, sondern formierte sich zum Volkssturm und musste durch die Alliierten bis zur absoluten Niederschlagung niedergerungen werden. Dieser Umstand wird durch den Slogan des zurückkehrenden Krieges bewusst verdeckt, dient er doch ebenso zur Universalisierung von Leid und der Verdeckung des spezifischen Gehalts des Nationalsozialismus. Lieber wird vom Zeitalter der großen Kriege schwadroniert, in das sich der deutsche Vernichtungskrieg einreihen soll.

Bündnispolitik über alles

Die Beschränkung bzw. der Fokus auf die Nazis verstellt aber den Blick auf das Gedenken von bürgerlicher Seite, denn im an der Grundaussage von deutschen Opfern hat sich, wie gerade dargestellt, trotz der Wandlungen absolut nichts geändert und deswegen kann von einem Missbrauch durch Nazis nicht die Rede sein.
Durch den Eventcharakter fällt der Inhalt zugunsten einer Massenmobilisierung hinten runter und es formiert sich die „Volksgemeinschaft gegen rechts“, in der alle Widersprüche für das gemeinsame Ziel hinten angestellt werden. Das verdeutlicht besonders schön das Mobi-Video von Dresden Nazifrei, in dem neben einer vermummten Antifaschistin auch Frank Schenker von der CDU spricht. Die Hochlobung des kleinsten gemeinsamen Nenners an diesem Punkt verschleiert aber vollkommen, dass ein CDU-Bürgermeister eine komplett andere Intension hat, gegen Nazis zu sein, als eine Person aus dem linksradikalen Spektrum.
Doch anstatt das dieser Unterschied und die Dresdner Gedenkkultur in Form von linksradikaler Kritik thematisiert wird, haben sich große Teile der radikalen Linken selbst zum Eventcharakter durch Anbiederung an bürgerliche Kreise beigetragen. An sich wäre das nicht das Problem, doch mit der Anbiederung wurden gleichzeitig die eigenen Positionen mit aufgegeben, um die größtmögliche Anzahl zu erreichen. Da kann es dieses Jahr auch nicht mehr verwundern, dass eine renommierte antinationale Gruppe wie TOP B3rlin den Dresden-Nazifrei – Aufruf dieses Jahr mit unterzeichnet hat, obwohl die Gruppe letztes Jahr einen lesenswerten Aufruf zu Dresden veröffentlichte. Das Gleiche gilt auch für den letztjährigen Aufruf vom Bündnis „No Pasaran“ aus Dresden. Leider sind diese Positionen weitgehend untergegangen.
Neben dem konkreten Zusammenhang zwischen Nazis und Dresden im Bezug auf das Gedenken lässt sich daraus auch die gesellschaftliche Tragweite festmachen. Die Nazis sind zwar eine vor allem in der Provinz physische Bedrohung für Menschen und ihr Leben, aber dennoch nur eine Minderheit, die an ein Klima der deutschen Mehrheitsgesellschaft anschließen können, in dem Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus beständig (re)produziert werden. Sehr deutlich hat dies in jüngster Zeit bundesweit die Sarrazindebatte gezeigt, der seinen kulturellen Rassismus aufgrund seines SPD-Backgrounds unverhohlen äußern konnte. Aufgrund des angesprochenen Fokus auf die Nazis, fließt die gesellschaftliche Dimension kaum in die Betrachtung mit ein.
Das verwundert umso mehr, wenn Mensch sich das Gebaren und Handeln der rechtskonservativen Landesregierung in Sachsen und ihrer Kriminalisierung der letztjährigen Proteste und allgemein linker Politik anschaut. Die Landesregierung geht mithilfe der Extremismus“theorie“ gegen alles vor, was die angesprochene demokratische Mitte und die FdGO kritisiert und auf die Schnittmengen zwischen Mehrheitsgesellschaft und Nazis aufmerksam macht. Das jüngste Ziel sind Aufkleber, die die Menschenkette kritisieren.

Selbstinszenierung und –stilisierung

Eine weitere Problemlage ist die Selbstinszenierung und das Abfeiern des Erfolgs durch das breite Bündnis. Dabei ist anzumerken, dass das kein Alleinstellungsmerkmal von Dresden-Nazifrei ist, sondern allgemein Bündnisse oftmals dieses Problem haben.
Gerade von bürgerlicher Seite kommt es dabei zum Mythos eines „anderen“ Deutschlands, das sich weltoffen und geläutert gibt. Das schließt damit an der angesprochenen Aufarbeitung des Nationalsozialismus an, der durch die ehemalige rotgrüne Bundesregierung angestoßen wurde. Letztlich dient dies, wie in anderen Beiträgen schon dargestellt wurde, nichts anderem als der Normalisierung der deutschen Nation, um aus Auschwitz einen moralischen Bonus pressen zu können, denn als geläuterte Nation können nun Anweisungen an andere Staaten gegeben werden, besonders dem jüdischen Staat. Zugleich soll damit Deutschland als ganz normale Nation unter anderen Nationen erscheinen, um endlich wieder seinen Machtanspruch durchsetzen zu können. Und das hat Deutschland innerhalb der EU heutzutage geschafft.
Dabei entfällt natürlich die Reflexion über das angesprochene nationalistische und rassistische Potenzial der geläuterten Gesellschaft. Vielmehr wird die Verhinderung eines Aufmarsches einer Minderheit, wobei die Nazis von überall angekarrt werden müssen, um überhaupt ihre riesige Zahl zu erreichen, abgefeiert. Damit wären wir bei der Stilisierung.
So wichtig und richtig die Verhinderung des Naziaufmarsches auch ist und es als Erfolg gewertet werden kann, verstellt dies aber in mehrfacher Hinsicht den Blick auf einige wichtige Aspekte.
Erstens geht bei den erfolgreichen Blockaden vollkommen unter, dass nicht der 13. Februar das Jahr ausmacht, sondern die alltägliche Nazibedrohung, besonders in sächsischen Kaffs. Was nicht thematisiert wird, das Dresden sich nicht nur aufgrund seines historischen Bezugs zum Massenauflauf für NationalsozialistInnen aus ganz Europa entwickelt hatte. Hinzu kommen die gewachsenen Strukturen in Sachsen selbst. Die NPD verfügt nicht umsonst über eine stabile nationalsozialistische Wählerbasis.
Zweitens, was auch von Dresden-Nazifrei anerkannt wird, das die Gegendemonstrant_innen in ihrer Mehrzahl keine Dresdner Bürger_innen sind, sondern selbst von außerhalb kommen. Damit wären wir wieder bei der gesellschaftlichen Perspektive. Doch auch das wird nur in einem Satz abgehandelt und somit geht eine weitere inhaltliche Auseinandersetzung verloren.
Drittens gibt es, abgesehen der 13. Februar fällt auf ein Wochenende, immer zwei Aufmärsche von rechter Seite. Und der erste geschichtsrevisionistische Trachtenumzug, der immer direkt am 13. Februar stattfindet, konnte letztes Jahr auch nicht blockiert werden. Damit wäre die Lobhudelei zu relativieren.

Was nun bzw. was tun?

Hier könnte nun geschrieben werden, was vielleicht zu ändern ist. Aber das spare ich mir, denn die innerlinken Diskussionen und Auseinandersetzungen dazu gab es zur Genüge in den letzten Jahren. Besonders gegen vermeintliche antideutsche Positionen, bspw. gegen den ehemaligen „Keine Versöhnung mit Deutschland“-Vorbereitungskreis, wurde gehetzt, ohne sich intensiv mit der Frage bzw. Aspekt von individueller und kollektiver Trauer auseinander zu setzen, auch im Bezug auf deren Möglichkeit zum Beitrag zur Legitimierung von Nation und Staat. Deswegen ist das Gedenken schon aus antinationaler Perspektive abzulehnen. Es hat sich vielmehr das bestätigt, was im „Keine Versöhnung mit Deutschland“ – Aufruf von 2010 stand:

„Auch am 13. Februar 2010 werden in Dresden wieder mehrere tausend Antifaschist_innen gegen den Nazi-Großaufmarsch protestieren. Wir rufen dazu auf, dieses Anliegen nicht losgelöst von einer grundlegenden Kritik des Gedenkens zu betrachten und den Fokus linksradikaler Aktivitäten auch auf das städtische Gedenken zu richten. Ein Ansatz, der zugunsten einer breiten Mobilisierung allein den Naziaufmarsch in den Mittelpunkt rückt, übergeht allzu leicht den geschichtsrevisionistischen Kern sämtlicher 13. Februar-Gedenkenformen. Die Folgen sind unangenehm aber vorhersehbar: Subsumierung ins Dresden-Gedenk-Ringelpiez und Eingemeindung in die Dresdner Bürgerschaft, die das Ansehen Dresdens und das Gedenken gegen einen „Missbrauch“ verteidigen will.

Dennoch wäre es falsch, deswegen zu Hause zu bleiben. Vielmehr, um nochmals einen weiteren Aufruf zu zitieren, ist es wichtig Nazis, Dresdner Bürger_innen und anderen deutschen Berufsopfern in die Gedenkparade zu fahren:

„Machen wir uns nichts vor: der Widerstand gegen die Veranstaltungen der Nazis und Aktionen gegen den Nationalismus der Demokraten werden nichts zum Guten wenden. Wie auch? Wir werden an diesem Tag nicht am Alltagsrassismus, an Nationalismus und am Antisemitismus rütteln. Wir werden einer befreiten Gesellschaft damit kein Stück näher kommen. All das wären Gründe, zu Hause zu bleiben und sich angenehmeren Verrichtungen zu widmen. Aber dem großen „Falschen“, in dem wir leben und das uns prägt, muss durch offensive Kritik Freiraum abgerungen werden, Freiraum andere Verhältnisse zu denken und danach zu handeln. In Dresden können wir zumindest einigen Widerlichkeiten deutscher Normalität aktiv begegnen. Deswegen werden wir am 13. Februar 2011 – in offener Feindschaft zu deutscher Ideologie und kapitalistischen Normalvollzug – alles daran setzen, das Treiben der Geschichtsrevisionisten zu unterbinden. Wir werden das Trauerkollektiv auslachen und Gedenkrituale stören, wir werden versuchen, den Nazis zu schaden, wo es geht. Weil wir es können.“

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