Neues aus dem ‚Reich der Mitte‘

05/12/2011

von Eulenspiegels Till

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich der Extremismus’forscher‘ Eckhard Jesse zu Wort melden würde, um als Deutungsinstanz wieder mal in Erscheinung zu treten. Dass dabei wohl die schlimmsten Befürchtungen selbst der ärgsten Kritiker_innen seines Geschwafels noch um Längen von ihm übertroffen werden, ist ebenso schlimm wie symptomatisch.

Vom Deutschen Allgemeinen Pressedienst (dapd) nach seiner Einschätzung bzgl. des Treibens der NSU verkündete er -nicht zum ersten Mal- einen intellektuellen Offenbarungseid: es sei ja doch der ‚Regelfall‘, dass -so Jesse wörtlich „gewaltbereite Rechtsextremisten unter Alkoholeinfluss etwa Asylbewerber belästigen, verunglimpfen oder schlagen“. Aha, der Teufel Alkohol wars also, ein entsprechendes Weltbild fällt da schon fast hinten runter. Und das die sog. „Rechtsextremisten“ nicht nur Leute „belästigen, verunglimpfen oder schlagen“ ist noch nichtmal ein Viertel der Wahrheit: darüber hinaus haben sie das Jagen und Morden von Menschen, die nicht in ihr krudes Weltbild passen, zu einem veritablen ‚Sport‘ für ihresgleichen entwickelt, aber dergleichen hat sich offenbar noch nicht bis ins Chemnitzer Politik-Institut herumgesprochen. Wo der Feind für Leute wie Jesse stattdessen wirklich steht, belegt auch sein Institutskollege Strohmeier: in einer sehr staatstragenden Zeitschrift machte er vor einigen Jahren allen Ernstes Benjamin Blümchen & Co. als Vorkämpfer_innen des ‚Linksextremismus‘ aus und verkaufte dies als wissenschaftliche Arbeit.

Jesse dagegen fabuliert im genannten Interview weiter fröhlich vor sich hin bzw. weit an der Realität vorbei, wenn er meint, es sei „eine absolute Ausnahme, dass eine Gruppe sich zusammenfindet und dann geplante Aktivitäten begeht“. Aha, in Deutschland ist es offenbar ein Vorgang ohne historisch- politische Vorbilder und Vorläufer, dass sich die extreme Rechte formiert und politisch motivierte Morde begeht. Ob dem Mann überhaupt klar ist, was sich bereits in der Weimarer Republik an Rechtsterror entwickelte, ab 1933 dann zum Staatsterror avancierte und ca. 55 Mio. Menschen insgesamt und weltweit das Leben kostete?! Hat Jesse den deutschen Faschismus schon dermaßen gründlich „historisiert“, dass dieser völlig aus seinem Denken verschwunden ist? Dieses Maß an Realitätsverleugnung trägt bei Jesse schon autistische Züge. Wir dürfen gespannt sein, wie sich dass im kommenden Jahrgang des „Jahrbuch Extremismus & Demokratie“ in einem realsatirischen Beitrag niederschlagen wird.

Aber wir dürfen es dem Herrn Jesse natürlich nicht so streng auslegen, wenn er unter der Hand für mordende Neonazis noch allerhand Entschuldigendes in Feld führt. Ein Husarenstück ganz eigenen Kalibers ist nämlich Jesses steile These, wonach jene sich nur ‚abreagieren‘ würden. Wieso denn das auf einmal? Freudianisch gewendet würden wir wohl jetzt etwas mit Triebunterdrückung erwarten. Flaute im Bett und deswegen mordend durch die Republik ziehen? Hier weiß ich wirklich nicht mehr, ob ich lachen oder weinen soll.  In jedem Falle erzählt Jesse ganz einfach völligen Unsinn und schweigt vom entsprechenden Weltbild lieber ganz.

Hart an der Grenze zur glänzenden Realsatire ist dagegen auch die Bundeskanzlerin. In klassischem konservativen Jargon vermeint sie, sie sei „gegen jede Form von Extremismus, in diesem Fall wahrscheinlich gegen Extremismus von der rechten Seite”. Das hinter dem verräterischen „wahrscheinlich“ steckende Argument wurde an anderer Stelle völlig zutreffend zusammengefasst. „Nach den vorgstellten Ermittlungsergebnissen vom Sonntag den 13.11. (gerade Mal ein Bekennervideo, Tatwaffen und ähnliches – sonst nichts ernsthaft verwertbares) sollte man nicht zu vorschnell die Taten der rechten Szene zuordnen, vielleicht handelt es sich bei den bislang ermittelten Tatverdächtigen ja doch um Linksextremisten die sich verkleidet als Neonazis auf eine Mordtour begeben haben, um die rechte Szene mal so richtig in Verruf zu bringen… .“

Einer weiteren Sternstunde investigativ- kritischen Journalismus durften wir dagegen vor wenigen Wochen in Form der „Thüringer Allgemeinen“ teilhaftig werden: „NPD offenbar mit V-Leuten durchsetzt“. Sage Eine_r, unsereins hätte derzeit nicht jede Menge zum Lachen… . Vor dem Hintergrund dieser bahnbrechenden Erkenntnisse eines überaus kritisch und emanzipatorisch ausgerichteten Blattes gewinnt natürlich die Diskussion um ein NPD- Verbot ganz rasant an Fahrt. Um der Forderung des BVG in Karlsruhe nachzukommen und nicht wieder kein Verbot „wegen fehlender Staatsferne“ zu erreichen, wie es in der Urteilsbegründung über die Verfahrenseinstellung hieß, sollen ja bekanntlich alle ‚V- Leute‘ oder halt ganz einfach Neonazis, die für zwei verschiedene Seiten arbeiten, als Quellen ausfallen bzw. ‚abgezogen‘ werden. Vor dem Kontext der phänomenalen Erkenntnisse der „Thüringer Allgemeinen“ bleibt für uns nur eine Frage im Raum stehen: gibt es dann überhaupt noch irgendeinen Menschen in der NPD oder löst der ‚Abzug der Quellen‘ nicht auf ganz und gar nicht überraschende Weise die gesamte Partei auf…?!

Auf die Fortsetzungen dieser bitterbösen Realsatire dürfen wir auch weiterhin gespannt sein!

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