Nachbereitung – Kundgebung auf dem Schlesischen Platz am 9. November 2011

16/11/2011

Von Gumbel

Anlässlich des Gedenkens an die deutschen Übergriffe am 9. November 1938 auf Jüd_innen und ihre Einrichtungen und Geschäfte, gab es auch in Dresden mehrere Gedenkveranstaltung. Neben der stadtoffiziellen Kundgebung gab es zwei weitere Kundgebungen mit Beteiligung linker Gruppen. Die erste fand fast zeitgleich mit der stadtoffiziellen Gedenkveranstaltung auf der Prager Straße statt. Das Ganze wurde mithilfe einer Leinwand, auf der ein Bild eines mit antisemitischen Parolen beschmierten jüdischen Geschäftes dargestellt wurde, audiovisuell unterstützt. Hauptinitiator war die neue Gruppe Undogmatische Radikale Antifa (URA). Laut Eigenaussage wurden gut 1000 Flyer verteilt, was zeigt, dass die Aktion wohl weitgehend angenommen wurde bzw. auf positives Feedback traf.

Die zweite Kundgebung, bei der ich selbst zugegen war, fand dann 17 Uhr auf dem Schlesischen Platz vor dem Neustädter Bahnhof statt und war durch die Jusos angemeldet. Vom Neustädter Bahnhof aus wurden bis Frühjahr 1945 Menschen in die Konzentrationslager deportiert. Die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 zerstörte die Mehrzahl der Gleise, was eine weitere Deportierung unmöglich machte.

Neben Musik wurden bei der gut 40-minütigen Kundgebung mit 40 bis 50 Personen zwei Redebeiträge verlesen. Der erste stammte von der ebenfalls Neugegründeten Gruppe Raddix aus Dresden. Inhaltlich war der Redebeitrag soweit in Ordnung, auch wenn über den 9. November 1938 der Bogen bis zur heutigen Asylpolitik geschlagen wurde. Da hätte sich Mensch mehr Bezug zum historischen Datum gewünscht.

Der zweite Redebeitrag der Jusos hingegen war trotz gutem Anfang inhaltlich fragwürdig. Nachdem auf den Charakter von Symbolen und ihrer Kraft von Aussage und Macht eingegangen wurde, kam es im Laufe des Redebeitrags zu mehreren problematischen Aussagen. Es wurde vom Antisemitismus ausgehend der Brückenschlag zu heutigen speziellen Formen des Rassismus versucht, im Besonderen zum Antiislamismus und Antiziganismus. Beim Antisemitismus von einer Art Rassismus zu sprechen, verschleiert aber vollkommen den Gehalt des Antisemitismus als eine Weltanschauung, in der die Jüd_innen in den Mittelpunkt der Welterklärung gerückt werden.[1] Das ist bei einem Antiislamismus und Antiziganismus definitiv nicht der Fall. Auf die Spitze wurde das Ganze getrieben, als behauptet wurde, dass der Antiislamismus für die Muslim_innen und der Antiziganismus für Sinti und Roma genau das Gleiche wäre, wie der Antisemitismus für die Jüd_innen. Das negiert vollkommen den singulären Charakter der Shoa und ist zugleich eine falsche Gleichsetzung von Antisemitismus mit speziellen Rassismen. Wer den Antisemitismus wie in dem Redebeitrag auf einen Rassismus reduziert, kann darüber dann auch nicht Auschwitz erklären bzw. würde spätestens da eine solche Definition in arge Erklärungsnöte kommen. Weiterhin, was vor allem empirisch wohl schon angezweifelt werden kann, wurde der Islam von seiner Geschichte ausgehend als friedfertiger als das Christentum beschrieben. Abgesehen davon, dass das Aufrechnen von Toten eher ein Mittel in rechten Kreisen ist, wurde eben der Charakter von islamischen Gesellschaften gar nicht genannt, in denen bspw. seit dem Mittelalter Christ_innen und Jüd_innen immer Menschen zweiter Klasse waren.[2]

Alles in allem war die Kundgebung soweit eine gute und wichtige Sache, aber die Jusos sollten sich fragen, was sie mit ihrem Redebeitrag, der vor inhaltlichen Fehlern nur so strotzte, erreichen wollten, denn es kann kaum in deren Interesse liegen, bei einem Gedenktag an antisemitische Ausschreitungen den Antisemitismus durch Gleichsetzungen zu verharmlosen und dessen Vernichtungsgehalt zu verschleiern.

Anmerkungen und Fussnoten:

[1] Weil hier nicht im Detail der Antisemitismus erklärt werden soll, wird auf folgende Literatur verwiesen: Arbeitskreis Kritik des deutschen Antisemitismus (Hrsg.): Antisemitismus – die deutsche Normalität. Geschichte und Wirkungsweise des Vernichtungswahns, Freiburg 2001; Holz, Klaus: Nationaler Antisemitismus, Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2010.
[2] Vgl. URL: http://zionismus.info/antizionismus/arabisch-1.htm (Zuletzt aufgerufen: 16.11.2011).

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