Deutsche Geschichtsbildung – der 9. November 2011.

11/11/2011

Von Gumbel

Wieder mal jährte sich eines der bedeutendsten Daten der deutschen Geschichte: Der 9. November. In dem Zusammenhang war es auch der 73. Jahrestag der antisemitischen Übergriffe der Deutschen auf Jüd_innen im Zeitraum des 7. bis zum 13. November 1938 in Deutschland, die ihren Höhepunkt am 9. November fanden. Und auch heute ist der Antisemitismus in Deutschland nicht nur nicht besiegt, sondern im Gegenteil erlebt er gerade durch alle gesellschaftlichen Schichten eine neue Hochphase. Dass dann Einige gerade zum Gedenktag an die genannten antisemitischen Übergriffe ihrem zum Teil antisemitischen Denken im antizionistischen Gewand dann freien Lauf lassen, kann da nicht mehr verwundern. Konkret geht es um die am 8. November ausgestrahlte Sendung „Schalom und Sozialismus – Immer bereit! Israelisch-ostdeutsche Verwicklungen und Verwirrungen“ im Deutschlandfunk, worauf ein Artikel auf publikative.org aufmerksam gemacht hatte. Diese Sendung dürfte auch der Antikapitalistischen Linken aus Hamburg indirekt einen Gefallen getan haben, auch wenn diese das wohl nicht so sehen würde. Die Antiimperialist_innen wollten eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Die Antisemitismus-Falle“ durchführen, bei der es um die Abwehr des Vorwurfs eines Antisemitismus in der Linkspartei gehen sollte. Die Veranstaltung wurde aber wegen dem öffentlichen Druck verschoben.

 

Weil der Text auf publikative.org leider nicht groß auf den Inhalt der besagten Sendung beim Deutschlandfunk eingeht, soll das hier in Kurzform geleistet werden. Wie der genannte Titel „Schalom und Sozialismus – Immer bereit! Israelisch-ostdeutsche Verwicklungen und Verwirrungen“ schon erahnen lässt, soll es um nichts Geringeres als um einen Vergleich zwischen DDR und Israel gehen. Der Grund bzw. eher der Kitt dafür wird sogleich bei der Sendungspräsentation mitgeliefert: „Beide Länder haben sich vor 60 Jahren gegründet. Beide begannen als antifaschistische, sozialistische Systeme.“

Das in der BRD die krudesten und absurdesten Vergleiche gezogen werden, ist angesichts der Extremismus“theorie“ nichts Neues. Neu hingegen ist mithilfe der DDR, die BRD nicht nur als Vergangenheitsbewältigungsweltmeister mithilfe von Relativierungen dastehen zu lassen, sondern daraus nun einen moralisierenden Angriff auf den jüdischen Staat zu unternehmen, in dem vermeintliche Gemeinsamkeiten zwischen DDR und Israel aufgezeigt werden sollen, bei völliger Ausblendung der jeweiligen historischen und politischen Gegebenheiten, dass das eine ein autoritärer Staat war und das andere bis heute eine Demokratie, auch mit all ihren Fehlern, ist. Gleichzeitig werden durch den angestrebten Vergleich antisemitische Stereotype bedient und reproduziert. Ein genauerer Blick auf das zum Download bereitgestellte Manuskript lohnt sich allerdings dennoch, auf das nun näher eingegangen wird.

Auffällig ist schon zu Anfang die Auswahl der Personen in Person eines jüdischen Israelis, mit dem Namen Yossi Hatakan und der Moderatorin bzw. Autorin, die diesen Vergleich vollziehen, um den Schein der angeblich kritischen Hinterfragung zu wahren.

Wie bereits gesagt, fängt das Problem schon dabei an, das durch die Einführung suggeriert wird, dass beide Staaten aufgrund ihres antifaschistischen und sozialistischen Charakters und ihrer fast gleichzeitigen Gründung eine gleiche Ausgangslage und überwiegende Gemeinsamkeiten hätten. Die DDR wurde auf dem Gebiet der SBZ als Reaktion auf die BRD in den westlichen Besatzungszonen gegründet. Die Führung in der SED, die aus dem zwangsweise erfolgten Zusammenschluss der SPD mit KPD hervorging, stellte die während des Zweiten Weltkrieges im Moskauer Exil geschulte Funktionärselite der KPD. Die DDR war strikt an die Sowjetunion und Stalin orientiert und dementsprechend auch marxistisch-leninistisch, sprich sie verkörperte von Anfang an ein autoritäres Sozialismusverständnis in Form einer Einparteienherrschaft.

Die Grundlage Israels war eine völlig andere. Die Shoa hatte den antisemitischen Vernichtungswahn der Deutschen den Jüd_innen und der Welt vor Augen geführt und zeigte damit in krassester Weise auf, dass ein jüdischer Staat als Schutzraum für Jüd_innen eine Notwendigkeit darstellte, weil der Schutzraum nur in Form eines Staates wirksam sein konnte, um ein zweites Auschwitz zu verhindern. Das zu diesem Zeitpunkt die sozialistischen Zionist_innen bestimmend waren, liegt an mit an der Vorgeschichte in Palästina in den 1910er und 1920er Jahren, die aber hier nicht Thema sind. Zu konstatieren ist hierbei aber, dass im Gegensatz zur DDR, sich der Marxismus-Leninismus in Israel bzw. innerhalb des sozialistischen Zionismus nie durchsetzen konnte und Israel von Anfang an ein Staat auf demokratischer Grundlage war. Hinzu kommt noch der Unabhängigkeitskrieg von 1947 bis 1948 Israels gegen fünf arabische Staaten, die aus ihrem Antisemitismus islamistischer Prägung keinen Hehl machten. Mit etwas Ähnlichem musste sich die DDR als zweiter Rechtsfolgestaat des Dritten Reiches, in dem die Shoa eben stattgefunden hatte, nicht auseinandersetzen. Vielmehr wurde genau das negiert, worauf sich Israel bei seiner Gründung bezog, das eben der Antisemitismus (und all die anderen Dinge, wie Rassismus oder Nationalismus) in der DDR nach ihrer Gründung überwunden worden seien.

Letztlich war das Selbstverständnis beider Staaten dann doch nicht gleich, denn Israel bekannte und bekennt sich als jüdischer Staat, der allen Jüd_innen weltweit eine nationale Heimstätte bietet.

Aber anstatt sich hier schon durch einen genaueren Blick auf die Gründungen beider Staaten einzugestehen, dass ein Vergleich aufgrund der völligen Verschiedenheit beider Staaten scheitern muss bzw. hierbei schon ersichtlich wird, dass die Unterschiede und nicht die Gemeinsamkeiten überwiegen, wird ab hier erst mal richtig losgelegt.

Nach kurzem Geplänkel über Musik werden die Armee und die Jugendorganisationen ins Spiel gebracht.[1] Auf den ersten Blick scheint das verwunderlich, aber für friedensbewegte und antimilitaristische Deutsche ist das die ideale Weiterführung. Weil aber die Armeen sich nur schwierig vergleichen lassen, weil da doch die historischen Unterschiede zu sehr auffallen würden, wird lieber über die Jugendbewegungen philosophiert. Und obwohl es genannt wird, dass die verschiedenen politischen Strömungen in Israel jeweils eigene Jugendorganisationen hatten, was für einen Pluralismus spricht, wird lieber der krampfhafte Versuch unternommen, über die Farben der Uniformen doch noch eine Verbindung zu den Jugendorganisationen der DDR herzustellen, um mit moralischem Gestus auf die Instrumentalisierung von Kindern hinzuweisen.[2] Das mag sogar für die DDR stimmen, denn dort war das gesellschaftliche Leben nach dem Marxismus-Leninismus ausgerichtet und betraf an dem Punkt auch die Kinder. Bei Israel muss das aber an dem Pluralismus scheitern.

Auch bei der anschließenden Aufzählung der israelischen Feiertage wird zu keinem näher auf die Bedeutung eingegangen, denn das würde unweigerlich mit dem Einführungstext kollidieren.[3] Gerade der Yom HaShoah ist der Gedenktag an die jüdische Katastrophe von Auschwitz und an dieses Ereignis werden schon die jüdischen Israelis als Kinder herangeführt, denn der deutsche Vernichtungsantisemitismus hat bekanntlich keinen Unterschied zwischen Männern, Frauen oder Kindern gemacht. Im Text wird sich weiterhin lieber über die jeweiligen Kleidungsstücke und Uniformen unterhalten und das Appelle und Reden einem achtjährigen Kind nicht so wichtig sind [4], was wohl daran liegen könnte, dass es in diesem Alter noch nicht die Tragweite des Antisemitismus verstehen kann.

Richtig abartig wird es aber, wenn der Yom HaShoah über das deutsche Fahnenlied mit einem DDR-Film [5] gleichgesetzt wird, frei nach dem Motto, die Menschen begehen diesen Tag nicht aus eigener Überzeugung, gerade die Überlebenden der KZ’s, sondern sind eine blinde Masse, die zusammentritt, wenn die Führung befiehlt und die danach ihre Zehn Ostmark und eine Bockwurst bekommt, weil sie teilgenommen hat. Abgesehen davon, dass hierbei die israelische Demokratie mal wieder zur Disputation gestellt wird, zeigt dass das völlige Fehlen von Empathie für die Jüd_innen, vor allem durch die Autorin. „Verfolgungsgefühle“ der armen Deutschen sind eben doch tief greifender als 6 Millionen ermordete Jüd_innen bzw. kennen die Deutschen nur ihre eigenen „unschuldigen Opfer“. Im Übrigen wird an dieser Stelle auf ein beliebtes Mittel neben dem schon vorgestellten jüdischen Kronzeugen (dazu gleich mehr) zurückgegriffen, um die antizionistische Stoßrichtung zu stützen. Es wird auf Personen verwiesen, die meistens als Experten (auf die wird in Deutschland allgemein zu jedem erdenklichen Thema zurückgegriffen) vorgestellt werden. In dem Fall Grit Schorch, die Dozentin für jüdische Studien ist und zwei (!) Jahre in Israel gelebt hat. Ein Blick auf ihre Kurzvita zeigt unterdessen, dass trotz eines Vortrags zu Judentum und Kommunismus ihre Forschungsschwerpunkte dann doch eher wenig mit dem Thema zu tun haben bzw. hätten sich andere Personen dafür definitiv mehr empfohlen. Im Gegensatz zur Autorin besitzt Grit Schorch trotz ihrer mehr als fragwürdigen Formulierung des DDR-Films Empathie mit den jüdischen Opfern. Das ist wohl der Grund, warum sie dann im Laufe der Sendung kein einziges Mal mehr zu Wort kommt, auch wenn es sich um eine Freundin der Autorin handelt.

Die Autorin geht dann doch gleich weiter zur israelischen Nationalhymne, um die DDR-Nationalhymne allen Ernstes als das passende Gegenstück vorzustellen, weil beide „von Hoffnung, Glück und Frieden“ sprechen.[6] Da hätte Mensch aber nicht kleckern sondern klotzen und gleich auf alle drei Strophen des Deutschlandliedes verweisen können. Hier springt Yossi ihr auch gleich zur Seite und erklärt, woher denn die israelische Nationalhymne wirklich stammt, denn das sie von Jüd_innen selbst kommt, wäre bei dem kulturlosen Völkchen ja mal was ganz Neues.[7]

Damit sind wir auch bei der Stelle des jüdischen Kronzeugen angelangt, denn nun sagt Yossi: „Es gibt zwei Staatenprojekte, die gegen Deutschland gegründet wurden: Israel und die DDR.“[8] Bei dem zweiten würde Mensch soweit mitgehen, dass es als Systemkonkurrenz zur BRD galt. Um aber Israel auf eine Stufe mit der DDR stellen zu können, muss Israel nun auch als Staat gegen die BRD gelten und es gelingt darüber gleichzeitig, dem antizionistischen Wahn Ausdruck zu verleihen. Wenn ein Deutscher diesen Satz gesagt hätte, würde ihm womöglich eine Welle der zumindest oberflächlichen Empörung entgegenschlagen, wenn dies nun aber eben ein jüdischer Israeli äußert, dann nennt sich das kritische Hinterfragung Israels, die vor allem über jeden Verdacht von Antisemitismus erhaben ist, weil so etwas von einem Juden geäußert wird. Hier kommt das antizionistische Moment dementsprechend vollkommen durch, denn im Umkehrschluss werden die BRD und ihre FdGO als das Nonplusultra verkauft, um darüber dann den moralischen Anspruch zu legitimieren, was der Staat der Überlebenden von Auschwitz zu tun oder zu lassen habe. Des Weiteren kann damit die Gründungsursache Israels als Schutzraum negiert werden.  Gleichzeitig wird die alte antisemitische Mär reaktiviert, das Jüd_innen keinen wirklich eigenen gewachsenen Staat haben (können), denn Israel ist nur als Gegnerschaft zur BRD gegründet worden, was eine deutsche Normalisierung verhindert.

Im Anschluss findet dann nach der Benennung des Unterschieds und der formalen Gegnerschaft zwischen Israel und DDR der Rückgriff auf den Einführungstext statt, um den eben gemachten Unterschied als Scheinwiderspruch nachträglich abzutun. Wie zu erwarten, wird keine weiterführende Erklärung gegeben.[9]

Im Folgenden wird Tomer vorgestellt, wiederum als jemand, der einen höheren Bildungsabschluss und früher in einem Kibbuz gelebt hat, der somit prädestiniert ist, Stellung zu beziehen.[10] Das soll nicht als antiintellektueller Reflex aufgefasst werden, sondern darauf verweisen, dass damit eine höhere Glaubwürdigkeit hergestellt werden soll, wenn jemand mit augenscheinlichem Intellekt sich äußert. Der Kniff ist, dass die Person an sich entweder kaum etwas mit dem Thema zu tun hat und oftmals eine vorgesehene Position einnimmt. Tomer ist hierbei keine Ausnahme, dient er doch wiederum als jüdischer Beleg für Israels Verbrechen und ist somit über jede Kritik erhaben.

Tomer geht dann auf ein Haus eines arabischen Großgrundbesitzers ein und auf dessen Vertreibung und seiner Bediensteten, weil er Kapitalist war.[11] An dieser Stelle werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, denn zum einen wird das antisemitische Bild eines geldgierigen Juden projiziert, der dazu, aber nur oberflächlich, sozialistisch ist. Oberflächlich deshalb, denn Tomer sagt: „Ich bin sicher, sie fanden eine ‚sozialistische’ Erklärung. Sie hätten jeder Ausrede benutzt.“[12] Dann kommt die angebliche Parallele mit der DDR und dort stattgefundenen Enteignungen. Die Episode, die hier allerdings aus Palästina erzählt wird, war erstens die Ausnahme und fand weit vor (!) der Staatsgründung Israels statt. Oftmals kauften Zionist_innen zum Zweck der Landgewinnung größere Gebiete von arabischen Großgrundbesitzern auf. Diese hatten, weil die Strukturen in Palästina zu Beginn des 20. Jahrhunderts weiterhin einer Feudalgesellschaft glichen, oftmals mehrere arabische Bauern als Leibeigene. Durch den Verkauf verloren die arabischen Bauern in den meisten Fällen Haus und Hof und aufgrund ihrer schlechten finanziellen Lage konnten sie sich nicht mal die Miete eines Stück Landes leisten. Zum einen wurde die Notlage von zionistischer Seite entweder ignoriert oder als nicht existenzbedrohend wahrgenommen, bei Verkennung der strukturellen Abhängigkeit der arabischen Bauern von ihrem jeweiligen Besitzer. Zum anderen konnten arabische Bauern, konnten sie ihr Land doch behalten, kaum mit der technisierten Agrarwirtschaft, die die Zionist_innen aus Europa einführten, mithalten und wurden somit vom Markt verdrängt. Beides stärkte den panarabischen Nationalismus gegen die Jüd_innen, die allgemein durch das islamische Recht als Menschen Zweiter Klasse galten. Die angeblichen Enteignungen waren höchst selten und spielten in dem Prozess kaum eine Rolle.

Was auf keinen Fall bei einer Hetze gegen Israel fehlen darf, ist das Leid der Palästinenser_innen. Wenn schon die Gründungsgeschichte Israels komplett vergessen oder missachtet wird, desto stärker lässt sich mit der Moralbrille auf die der Palästinenser_innen eingehen. Deswegen wird auch ohne Umschweife zur Naqba gekommen, der Bezeichnung für die Vertreibungen von hunderttausend Palästinenser_innen aus ihren Dörfern und ihrem Land.[13] Wiederum fehlen weitere Erklärungen oder eine Vertiefung zu dem Thema. Dem moralisierenden Aspekt wurde durch die Benennung der palästinensischen Katastrophe Genüge getan.

Zweifelsohne gab es Vertreibungen und grausame Massaker an Palästinenser_innen, die zum Teil nach der Gründung Israels strafrechtlich verfolgt und entsprechend geahndet wurden. Was aber gewissendlich verschwiegen wird, ist der Aufruf der umliegenden arabischen Führer an die Palästinenser_innen, das Gebiet zu räumen, um ungehindert zuschlagen zu können. Viele folgten dem Aufruf, denn in der Anfangsphase des israelischen Unabhängigkeitkrieges sah es für die israelische Seite schlecht aus. Das im Hinterkopf dachten viele Palästinenser_innen, dass die Jüd_innen bald vernichtet (nicht geschlagen) sein würden und sie bald in ihre Wohnungen und Gebiete zurückzukehren könnten.

Weil aber die Naqba schon einige Zeit zurückliegt, braucht es noch den Beweis, dass Israel bis heute im Gegensatz zu Deutschland nichts aus seiner eigenen Geschichte gelernt habe. Und was bietet sich da besser an, als das israelische Menschheitsverbrechen schlechthin, die Mauer in der Westbank.[14] Abgesehen vom Vergleich mit der Berliner Mauer, der sich hierbei auch geradezu aufdrängt, wird sich über das palästinensische Leiden beklagt und das die Mauer zu 12% auf palästinensischen Gebiet stünde.[15] In Anspielung auf die DDR wird der berechtigte israelische Schutz mit der DDR-Floskel des antifaschistischen Schutzwalls assoziiert, um darüber die israelische Mauer zu diskreditieren. Auch hier wird wieder vollkommen der Entstehungshintergrund ausgeblendet.

Erstens gab und gibt es aber keinen palästinensischen Staat und somit auch keine wirkliche Grenze (was dennoch höchst problematisch ist)  und zweitens bedeutet dies im Umkehrschluss, dass dementsprechend 78% der Mauer auf israelischem Gebiet steht. Es bedarf keiner großartigen Rechnungskünste, dass damit über dreiviertel Mauer definitiv rechtmäßig gebaut ist. Die Mauer war zudem die Antwort auf die Attacken der Selbstmordattentäter. Seid der Mauer ist das suicide bombing gegen Null zurückgegangen. Israel setzt hier den Schutz aller seiner Bürger_innen, egal ob jüdisch, drusisch oder arabisch in den Vordergrund. Und wer dieses Recht Israels infrage stellt, verbündet sich unbewusst oder bewusst mit jenen antisemitischen Mörderbanden, die Israel und die Jüd_innen von der Landkarte tilgen wollen.

Der Mauerbau in der DDR hingegen folgte vollkommen anderen historischen und politischen Rahmenbedingungen. Der SED-Führung ging es um die wirtschaftliche und politische Stabilisierung des eigenen Staates, denn seit der Staatsgründung verlor die DDR immer mehr ihrer Bürger_innen und die Angst eines Aufstandes wie 1953 war zudem immer noch da. Die Mauer sollte einen weiteren Wegzug verhindern. Der Bau war aber in der russischen Zentrale im Kreml nicht unumstritten. Ulbricht konnte sich letztendlich durchsetzen. Tatsächlich verschaffte der Mauerbau 1961 der DDR eine gewisse Stabilität. Es war zugleich ein Wall, der sich gegen die DDR-Bürger_innen richtete und über 130 Menschen fanden an der Mauer den Tod. Dieses menschenfeindliche Konstrukt mit dem Schutzwall Israels gleichzusetzen, zeugt nicht nur von Geschichtsvergessenheit, sondern ist die angesprochene Bündnisnahme für antisemitische Vernichtungsfantasien.

In dem Zusammenhang wird auch von Grenzen gesprochen. Das Grenzkontrollen schikanös sein können und es auch sind, ist ebenfalls keine israelische bzw. jüdische Erfindung, sondern findet sich an allen Grenzen von Nationalstaaten.

Den letzten Punkt, den ich hier behandeln will, ist die nach der Mauer vollzogene Gleichsetzung von der Staatssicherheit der DDR, kurz Stasi und dem israelischen Inlandsgeheimdienst Shabak. Dem Shabak wird Selektion bei der Beobachtung von und Vorgehen gegen Gruppen vorgeworfen.[16] Was ein Allgemeinplatz von geheimdienstlichen Aufgaben ist, wird hier als israelische und ostdeutsche Eigenart abgetan. Die Stasi war aber ein Machtinstrument eines autoritären Staates zur Aufrechterhaltung der eigenen Macht und wurde zur Ausschaltung von oppositionellen oder unliebsamen Personen und Gruppen verwendet. Der Shabak hingegen ist einerseits zumindest formal an rechtsstaatliche Grundsätze einer bürgerlich-kapitalistischen Demokratie gebunden. Die besondere Überwachung von Palästinenser_innen hat ihre Bewandtnis darin, so munkelt man, dass eben immer Palästinenser_innen Anschläge in Israel durchgeführt haben oder israelisches Gebiet mit Raketen aus dem Gazastreifen beschießen. Das Geheimdienste oftmals in einer rechtlichen Grauzone agieren, ist demzufolge auch kein Alleinstellungsmerkmal des Shabak, sondern hat eine Allgemeingültigkeit, die dementsprechend auch kritisiert werden kann.

Doch eine nüchterne Betrachtung, bspw. eines deutschen Verfassungsschutzes und der Rolle seiner V-Männer in der NPD, kann und will der moralisierende Deutsche nicht sehen.

Was deutlich geworden ist, dass die gesamte Sendung nur so von antisemitischen, antizionistischen und auch antikommunistischen Stereotype  strotzt und eben jenes alte deutsche Befinden mit befriedigen kann, das immer schon davon ausging, dass es sich beim Kommunismus um eine jüdische Erfindung gehandelt habe. Daneben wird die heutige deutsche Position aufgezeigt, sich als erwähnten Vergangenheitsbewältigungsweltmeister darzustellen, um darüber einerseits die Normalisierung der Nation zu ermöglichen und andererseits aus dem eigenen früheren Vernichtungswahn einen moralischen Bonus zu schlagen. Dieser wird nun gegen den jüdischen Staat und seine Bewohner_innen gewandt, dass diese eben nichts aus ihrer Geschichte gelernt hätten, wenn sie ein anderes Volk (Menschen oder Individuen kennen die Deutschen ja nicht) drangsalieren. Da ist es nicht mehr weit, zu der Behauptung, dass die Jüd_innen sich gegenüber den Palästinenser_innen heute genauso verhalten, wie damals die Nazis gegenüber den Jüd_innen.

Damit werden gleich mehrere Aspekte bedient. Die BRD erscheint in diesem Zusammenhang als moralische Waagschale der Demokratie, an der es sich zu messen gilt. Zweitens erlebt damit der Antisemitismus eine Wandlung, denn damit vollzieht sich die Täter-Opfer-Umkehr auf einer neuen Ebene. Drittens ermöglicht es den Deutschen wiederum ihren Antisemitismus eben durch die Wandlung unter dem Mantel des Antizionismus weiterhin ausleben zu können. Viertens ermöglicht dieser unsägliche Vergleich eine weitere Verharmlosung des NS, indem die DDR mit einbezogen wird, um das linke Feindbild zu stärken, sprich Relativierung der eigenen Geschichte durch Vergleich.

Letztlich zielte die gesamte Sendung auf eine Diskreditierung und Delegitimierung der Demokratie des jüdischen Staates und somit Israel selbst ab. Das so eine Sendung kurz vor dem 73. Jahrestag der Pogromnacht ausgestrahlt wird, ist dann der der vorläufige Höhepunkt in einem Staat, der schon seit 66 Jahren darum bemüht ist, Auschwitz zu normalisieren und gleichzeitig einen sekundären Antisemitismus und Antizionismus zu etablieren, um wieder den Griff nach der Weltmacht zu tätigen. Damit bedient die Sendung den, am Anfang erwähnten, wachsenden Antisemitismus in der BRD, dem entschieden entgegen getreten werden muss.

Fussnoten:

1 Das verlinkte Manuskript: S. 2.
2 Ebd.: S. 4.
3 Ebd.: S. 5.
4 Ebd.: S. 5.
5 Ebd.: S. 6.
6 Ebd.: S. 7.
7 Ebd.: S. 7.
8 Ebd.: S. 7.
9 Ebd.: S. 8.
10 Ebd. S. 10.
11 Ebd.: S. 13.
12 Ebd.: S. 13.
13 Ebd.: S. 14.
14 Ebd.: S. 17.
15 Ebd.: S. 17.
16 Ebd.: S. 17.

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