3. Oktober – Das Abfeiern der deutschen Ideologie

04/10/2011

Von Gumbel

„Ich hatte keine Lust, in eisiger Kälte an der Rampe zu stehen und mir von den Rednern, unter anderen den deutschen, anzuhören, wie gut sie doch alle mit der Vergangenheit umgehen. Ich finde das zum Kotzen!“

Kurt Goldstein, KZ Auschwitz- und KZ Buchenwaldüberlebender auf die Frage, warum er dem 60. Gedenktag der Befreiung von Auschwitz fernblieb.

Es war mal wieder so weit. Zum 21. Mal jährte sich der Tag der deutschen Einheit. Und wie jedes Jahr feierte sich die Deutschland bzw. die BRD aufgrund der Vereinigung und ihres eigenen Bestehens. Die zentrale Veranstaltung, das so genannte Deutschlandfest, fand dieses Jahr in Bonn statt. Aber es ist eben nicht, um beim Motto der Proteste gegen die deutschen Feierlichkeiten zu bleiben, alles  Friede, Freude, Eierkuchen in diesem Staat.

Unbestreitbar ist, dass wir in dem freiesten und demokratischsten Deutschland seit seiner Proklamation leben und seit 21 Jahren das auch für Ostdeutschland gilt. Einher geht die parlamentarische Demokratie mit einer Vielzahl von Bürgerrechten, die dem Menschen gewisse Ausbildung von Individualität gestatten. Und genau jene Rechte gilt es vor reaktionären Ideologien, aber auch vor systemimmanenten Unterminierungstendenzen einer bürgerlich-kapitalistischen Demokratie zu verteidigen, denn die vorherrschende Freiheit ermöglicht dem Individuum nur auf einer ideellen Ebene die Einlösung des kapitalistischen Glückversprechens, dass aber an den realen Verhältnissen, sprich der kapitalistischen Verwertungslogik, immer scheitern wird. Dieses Problem haben aber alle bürgerlich-demokratischen Staaten und sind kein Exklusivproblem Deutschlands.

Deutschland nicht zu lieben, sondern zu hassen ergibt sich aus seiner spezifischen Vergangenheit und der daraus resultierenden und der schon oft genannten deutschen Ideologie, die aufgrund des Nationalsozialismus immer auf eine Normalisierung der deutschen Nation abzielt. Das liegt vor allem daran, dass die Deutschen sich nicht von selbst zu Demokraten erzogen haben (die Weimarer Republik unter einer Demokratie unter heutigen Maßstäben zu subsumieren, geht an den damaligen historischen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Verhältnissen und Stimmungen vorbei), sondern mussten erst durch die Alliierten vernichtend geschlagen werden, um dann die Reeducation der Deutschen ins Rollen zu bringen. Das galt eine zeitlang für die Besatzungszonen in Ost und West gleichermaßen. Die Entnazifizierung und wirkliche Demokratisierung wurde aber aufgrund der sich schon während des Zweiten Weltkrieges abzeichneten Frontstellung zwischen der USA und der UdSSR letztlich aber nicht konsequent zu Ende geführt. So retteten sich viele ideologische Fragmente des Nationalsozialismus in die sich Neuformierende deutsche Ideologie nach 1945 in der BRD.

Offensichtlich bspw. bei der Wiedereinsetzung vieler ehemaliger NSDAP-Funktionäre in den Staatsdienst oder die erst in den 1960er Jahren beginnenden Kriegsverbrecherprozesse gegen ehemalige NationalsozialistInnen, die oftmals aufgrund einer in den 50er Jahren verabschiedeten Gesetzesänderung durch die Adenauer-Regierung gar nicht mehr geführt werden konnten, weil sie als verjährt galten. Aber es wäre verkürzt, die deutsche Ideologie nach Auschwitz auf den Rechtskonservatismus zu beschränken. Vielmehr ist dieser davon nur eine Facette bzw. äußerte sich die deutsche Ideologie hier in der Absicht des Schlussstrichs oder Schlussstrichmentalität oder in heutiger Form mithilfe der Extremismus“theorie“. Und zudem gibt es weitere Ebenen, woran sich die nationalsozialistischen Fragmente zeigen.

Die deutsche Ideologie bzw. die Entledigung der Vergangenheit findet sich genauso in einem Großteil der Linken aus den frühen 70er und 80er Jahren, besonders bei denjenigen, die sich selbst als marxistisch-leninistisch oder antiimperialistisch verstanden. Aufgrund der fehlenden Auseinandersetzung mit den ideologischen Kernelementen des Nationalsozialismus und einer ebenfalls nur geringen kritischen Aufarbeitung des Versagens der deutschen Arbeiterschaft von sozialdemokratischer und kommunistischer Seite, wurde ob nun bewusst oder unbewusst der deutschen Ideologie Vorschub geleistet.

Ein weiteres, vor allem eben für Deutschland besonders repräsentatives Element für deutsche Ideologie ist der bis heute reproduzierte Arbeitsbegriff, der die Arbeit fetischisiert und zum Credo nonplusultra erhebt. Arbeit wird hierbei nicht mehr als Zwangslage, um im kapitalistischen System durch Lohnarbeit zu überleben, dargestellt, sondern sie wird vorgestellt als eine Sache, die die Deutschen um ihrer selbst willen tun. Diese Terminologie im Nachkriegsdeutschland ist die Transformation des nationalsozialistischen Arbeitsbegriffs und seiner Parole „Arbeit macht frei“, der seinen Höhe- und Vernichtungspunkt in den Konzentrationslagern fand. Gerade am Arbeitsbegriff zeigen sich die ideologischen Schnittmengen von damals und heute. Und bei einer derartigen Übernahme kann es dann auch nicht mehr verwundern, wenn solch ein Schwachsinn von gewerkschaftlicher Seite reproduziert wird, wie ein „Recht auf Arbeit“ gefordert wird, das im Endpunkt die Fetischisierung der Arbeit im heutigen Deutschland passend auf den Punkt bringt. Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Schnittmengen.

Einen wahren Hype, der sich bis heute fortsetzt, erfuhr das Erfolgsmodell BRD dann 1990 durch die Wiedervereinigung, denn zum einen war damit die „zweite deutsche Diktatur“ überwunden und zum anderen konnte die BRD als Ende der Geschichte repräsentiert werden.

Damit einher ging Ende der 1990er Jahre die neuerliche Transformation der deutschen Ideologie. Gerade aufgrund der Erfahrungen nach der Wende und der herrschenden Pogromstimmung in Ostdeutschland gegen alles, was nicht zur deutschen Volksseele passte, wurde festgestellt, dass mit dem rechtskonservativen Modell zur Normalisierung der deutschen Nation kein Blumentopf zu gewinnen war, denn viel zu offensichtlich traten die alten Fragmente einer zum Teil nationalsozialistischen Ideologie hervor. Nicht umsonst wurde unter Gerhard Schröder und der rot-grünen Regierung eine Aufarbeitungswelle über den Nationalsozialismus angestoßen. Neben vielen löblichen und vor allem schon langen überfälligen Auseinandersetzungen sollte nicht vergessen werden, um was es solch einem Staatsantifaschismus geht, nämlich um Aufarbeitung im Sinne eines besseren Images der eigenen Nation. Vor allem schwang sich die rot-grüne Regierung mithilfe der eingeleiteten Prozesse auf, nun die Moralkeule gegen jene zu schwingen, die in ihren Augen eben auch endlich aus der Vergangenheit lernen sollten, allen voran Israel.

Damit zeigt sich eine weitere Schnittmenge, die modifiziert wurde, der Antisemitismus nach Auschwitz bzw. sekundäre Antisemitismus. Aber die Moralkeule und vor allem Auschwitz wurde auch noch zu anderen Zwecken genutzt, denn die eigene dadurch gewonnene moralische Überlegenheit nutzten SPD und Bündnis90/Die Grünen, um den Kriegseinsatz in Jugoslawien zu legitimieren. Joschka Fischer bezog sich bei seiner Rede zur Verteidigung des Bundeswehreinsatzes dann auch direkt darauf, dass nicht trotz, sondern wegen Auschwitz Jugoslawien auf den Status eines Dritte Welt Landes bombardiert wurde. Abgesehen von der kruden Kriegspolemik eines Deutschen, wird die Perversität erst bei genauerer Betrachtung deutlich. Sechs Millionen Juden und Jüdinnen, die durch den deutsch-antisemitischen Vernichtungswahn ermordet wurden, werden nun als moralische Steigbügelhalter genutzt, um einen deutschen Kriegseinsatz zu legitimieren und gleichzeitig darüber die Normalisierung der deutschen Nation voranzutreiben. Die Langzeitproblematik aufgrund von Auschwitz nicht eine Nation unter vielen zu sein, konnte so endlich gelöst werden.

Und genau darum geht es am 3. Oktober, die deutsche transformierte Ideologie und Normalisierung abzufeiern und damit die negativen Seiten zu kitten und auszublenden bzw. aus der eigenen Vergangenheit einen moralischen Bonus für heute herauszuschlagen. Doch die Shoa und dessen Singularität lassen sich weder ausblenden noch in irgendeiner Art positiv besetzen, denn was der Nationalsozialismus war und auf was die heutige deutsche Gesellschaft aufbaut, war die negative Aufhebung der Gesellschaft und ihr Rückfall in die Barbarei.

Und die damit verbundene Lehre der Geschichte ist eben nicht irgendwelche bescheuerten Lobpreisungen auf die Aufarbeitung der deutschen Geschichte zu tätigen (darin sind die Deutschen ja sowieso Weltmeister), sondern das zu formulieren, was nach 1945 hätte gemacht werden sollen und was heutzutage in Zeiten eines wachsenden deutschen Nationalismus und Antisemitismus mehr als aktuell ist, nämlich Deutschland abzuschaffen!

Anmerkungen und Fußnoten:

Postone, Moishe: Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, aus dem Amerikanischen von Christine Achinger, Dan Diner, Fred Kiefer u.a., Freiburg 2005.

Weil der Begriff „Deutsche Ideologie“ problematisch ist, wird an dieser Stelle auf einen Text der Phase2 verwiesen.

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