Linke Heilsversprechen und Auschwitz

17/08/2011

Von Roady

Spätestens seit Marx haben teleologische Weltbilder Konjunktur in der Linken. Marx selbst ging von einer Zwangsläufigkeit der menschlichen Entwicklung aus, die notgedrungen im Kommunismus münden würde. Noch weiter gehen diverse Zusammenbruchstheorien (vor allem Lenin, in jüngster Zeit Kurz(1)), die aus der Entwicklung des Kapitalismus einen notwendigen Zeitpunkt für seinen Untergang herleiten wollen. Historisch haben sich solche Theorien stets blamiert, der Kapitalismus erwies sich als weitaus hartnäckiger als angenommen wurde, die entsprechenden Theorien wurden jedoch nicht revidiert sondern um weitere Punkte ergänzt. So sah die Leninsche Imperialismustheorie im sogenannten Monopolkapitalismus das letzte Entwicklungsstadium des Kapitalismus, als sich diese Annahme als falsch erwies, kam es nicht zur kritischen Überarbeitung der These, sondern um die Erweiterung durch eine staatsmonopolistische Phase, die den Übergang zum Kommunismus markieren sollte. Das vehemente Festhalten an Zusammenbruchstheorien kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie nichts anderes tun als falsche Hoffnungen zu erzeugen und gleichzeitig ein dogmatisches Modell der Befreiung entwerfen. Wer sich diesem verweigert gilt oftmals als konterrevolutionär und wird kurzerhand aus dem Projekt „Links“ ausgeschlossen.

Gemeinsam ist diesen Weltbildern, das positive Verständnis der Geschichte, die nur in paradiesischen Zuständen enden könne, und der bestehenden Vergesellschaftungsformen. Um das Endziel der Geschichte zu erreichen wird fast immer ein revolutionäres Subjekt konstruiert, in dessen Hände fortan die Hoffnungen der Menschheit gelegt werden. Dementsprechend wird nicht mehr die Frage gestellt, was für die menschliche Emanzipation getan werden muss, entscheidend ist viel mehr wer etwas tut, Klasse und Volk werden schlichtweg zum Heilsbringer erkoren. Dadurch widersetzt sich die Linke weitestgehend jedem Ansatz kritischer Theorie. Aus Mangel an Radikalität in der linken Kritik gibt es keinen Bruch mit dem Bestehenden, Selbstunterwerfung unter das Kollektiv wird weiterhin gefordert, die Aussicht dem Nicht-Identischen, d.h. der Pluralität der Menschen, Rechnung zu tragen und Möglichkeiten zu eröffnen, wird bereits in der Theorie negiert. Somit ist jede Diskussion über vermeintlichen Volkswillen oder das Gemeinwohl nichts weiter als Legitimationssemantik, der ideologisierte Versuch das Richtige im Falschen zu finden. Hierin steht die Linke StaatsfetischistInnen in nichts nach, wenn sie menschliche Bedürfnisse an einem kollektiven Maßstab messen wollen, was unweigerlich das Ende des Individualismus bedeutet. Das wirkliche Leid, welches durch diese Zwangskollektive beständig erzeugt wird und ihr repressiver Charakter werden nicht zum Gegenstand einer Diskussion gemacht. Unter diesen Bedingungen ist es möglich, dass sich ein latenter Hass auf pluralistische und kosmopolitische Erscheinungen entwickelt, der sich erst mit gesellschaftlichen Veränderungen entlädt. Dementsprechend verwundert es auch nicht, dass fast alle bisherigen Revolutionsversuche von links keine Verbesserung gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft waren, ganz im Gegenteil neigten sie häufig dazu hinter das Konzept einer westlichen Demokratie zurückzufallen.

Der Dogmatismus des zwangsläufigen Werdens der befreiten Gesellschaft immunisierte linke Theoretiker gegen Kritik und Realität gleichermaßen. Am deutlichsten wird diese Naivität, wenn man das Festhalten am Proletariat als revolutionäres Subjekt betrachtet. Nur solang die ArbeiterInnen die Hauptlast der Industrialisierung tragen mussten und unter erbärmlichsten Bedingungen lebten, waren sie auch bereit Widerstand gegen den Kapitalismus zu leisten und zu organisieren. Dadurch konnte Marx im Manifest der Kommunistischen Partei noch schreiben: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“(2). Eine sozialistische Revolution war demnach noch nie das Resultat einer materialistischen Kritik, die Massen erwarteten einzig eine verbesserte materielle Lage. Je mehr das Proletariat aber am gesellschaftlichen Reichtum teilhaben konnte, umso mehr ergab es sich auch dem Sachzwang des kapitalistischen Produktionsprozess und reproduzierte und vollzog beiläufig Ideologien wie Antisemitismus und Nationalismus. Dass sich somit keine kommunistische Revolution machen ließ, wurde erstmals zu Beginn des ersten Weltkrieges unwiderlegbar bewiesen. Marxens einst so empathische Sätze wie „Die Arbeiter haben kein Vaterland!“ oder „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ wurden schlagartig für nichtig erklärt als französische Sozialisten, deutsche Sozialdemokraten und Bolschewisten zur Verteidigung der eigenen Nation in den Krieg zogen und damit den Burgfrieden nicht nur in Deutschland verkündeten. Der Versuch, es sich im Bestehenden möglichst bequem zu machen, konnte selbstverständlich nicht über den krisenhaften Charakter des Kapitalismus hinweg täuschen. Die Lösung des Problems suchte man allerdings nicht mehr in der Weltrevolution, wie sie von KommunistInnen sehnlichst herbei gewünscht wurde, sondern in der Personalisierung gesellschaftlicher Strukturen und der Vernichtung von Menschen. Der Widersinn des Kapitalismus führte also keinesfalls zum maximalen Antagonismus zwischen den Klassen, sondern zur Bankrotterklärung der sich revolutionär dünkenden Bewegung. Als 1933 die Volksgemeinschaft zum Kampf gegen die abstrakte Seite des Kapitals aufbrach um die Konkrete zu retten, stand die deutsche ArbeiterInnenklasse in der ersten Reihe. Egal ob sie sich an dem Privatbesitz der deportierten Jüdinnen und Juden erfreute oder am Bau der Vernichtungslager mitwirkte, von ihren angeblich historischen Auftrag der Weltrevolution wollte sie längst nichts mehr wissen(3).

Nicht nur, dass der Glaube an ein revolutionäres Subjekt, welches sich aus den Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft herleiten ließe, sich vollkommen erschöpft hatte(4), auch das Versprechen , dass eine künftige Revolution die Leben aller Menschen verbessern würde, wurde durch die Wirklichkeit lügen gestraft. Was die Aufklärung versprach, die bürgerliche Gesellschaft nicht einlösen konnte, ließ sich auch mit linker Theorie nicht verwirklichen. Vielmehr sollten sich die Geschichtsthesen Walter Benjamins bewahrheiten. Fernab von dem Sinnen nach einer linearen Entwicklung menschlicher Geschichte hin zur klassenlosen Gesellschaft widersprach er der marxschen These, dass die Revolutionen die Lokomotiven der Geschichte seien, ihm zufolge „sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.“(5). Die gezielte Unterbrechung der Geschichte ermögliche Emanzipation erst, wird zur Abkehr von der permanenten Katastrophe. Jene Katastrophe, die ihren Höhepunkt vorerst in der Shoa erfuhr. Die deutsche Form der Krisenbewältigung war vollkommen neu, Moishe Postone beschreibt sie wie folgt:

“Charakteristisch für den „Holocaust“ war der verhältnismäßig geringe Anteil an Emotion und unmittelbarem Hass (im Gegensatz zu Pogromen z.B.); zudem fehlte jeder Missionsgeist und, was das wichtigste ist: Holocaust war offensichtlich nicht funktional. Die Ausrottung der Juden war kein Mittel zu einem anderen Zweck. Sie wurden nicht aus militärischen Gründen ausgerottet oder um gewaltsam Land zu nehmen (wie bei den amerikanischen Indianern und den Tasmaniern); auch nicht, um jene Teile der Bevölkerung auszulöschen, um die herum sich am leichtesten Widerstand hätte kristallisieren können, so dass der Rest als Heloten besser ausgebeutet werden könnte. Dies war übrigens der Grund der Nazipolitik gegenüber den Polen und Russen. Es gab auch kein anderes „äußeres“ Ziel. Die Ausrottung der Juden musste nicht nur total sein, sondern war sich selbst Zweck – Ausrottung um der Ausrottung willen – ein Zweck, der absolute Priorität beanspruchte.

Eine funktionalistische Erklärung des Massenmordes und eine Sündenbock-Theorie des Antisemitismus können nicht einmal im Ansatz erklären, warum in den letzten Kriegsjahren, als die deutsche Wehrmacht von der Roten Armee überrollt wurde, ein bedeutender Teil des rollenden Materials für den Transport der Juden zu den Gaskammern benutzt wurde und nicht für die logistische Unterstützung des Heeres.“(6)

Nach der Shoa verkam linke Theorie zu einem Zeichen von Ignoranz und Dogmatismus. Der Versuch die Geschichte ohne den Massenmord an den Jüdinnen und Juden zu denken bzw. diesen auf einen rassistischen zu reduzieren schaffte die Möglichkeit weiterzumachen wie bisher. Es ging nicht um die Verwirklichung von Adornos Imperativ „Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“(7), denn dies hätte den Bruch mit der linken Tradition bedeutet. Stattdessen wurde wieder positiv Bezug genommen auf Staat, Nation und Volk, wieder konnte das Individuum nur im Ganzen aufgehen, dem „Volke dienen“ wurde das Gebot der Stunde.

Die einzige Lehre die je aus der Geschichte gezogen wurde ist der Staat Israel(8) und die Parteinahme für diesen. Mit Auschwitz schwand das Vertrauen in bürgerliche und sozialistische Heilsversprechen vollkommen, weder Freiheit und Gleichheit, noch die Assoziation freier Menschen konnte verwirklicht werden. Die Tatsache das nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaften einer jüdischen Gemeinschaft keinen Schutz bieten können, musste zwangsläufig dazu führen, dass eine selbstbestimmte, jüdische Gesellschaft entsteht. Daraus folgt, dass Jüdinnen und Juden endlich zu freien und gleichen Subjekten wurden, die politische Emanzipation ihnen somit nicht nur versprochen wurde, sondern sie selbst für diese verantwortlich wurden. Zugleich verwirklicht sich im Staat Israel das maximale Verteidigungspotential des Judentums, er ist die einzige Möglichkeit sich dauerhaft von Vernichtungsdrohungen zu befreien. Dementsprechend kann der Zionismus auch nicht als gewöhnlicher Nationalismus verstanden werden, er ist ganz im Gegenteil zu jenem eine Reaktion aus Notwehr. Die einzig mögliche Reaktion auf jahrhundertelange Verfolgung, die im Kapitalismus ein neues Niveau erreichte und schon bald kulminieren sollte. Dieser historische Pessimismus hatte sich von allen Glückslosungen verabschiedet, wohl wissend, dass die Katastrophe weiterhin droht. Solang wie es also die Ursachen des Antisemitismus gibt, die kapitalistische Vergesellschaftung (die in Vernichtung umschlagen kann), solang bleibt auch Israel notwendig.

(1)Wobei Kurz nur das Ende des Kapitalismus erwartet, die befreite Gesellschaft bleibt auch für ihn das Ergebnis bewussten Handelns.
(2)Karl Marx/Friedrich Engels – Werke. Dietz Verlag, Berlin: 1972, Band 4, S. 461
(3)“Der Sinn der Geschichte selbst wurde liquidiert. Danach ist jedwede “List der Vernunft”,deren emanzipative Logik aus der bewußtlosen Wechselwirkung der ihrer selbst unbewußten Subjekte folgen sollte, nur Projektion, macht sich, so Adorno, “der Kardinalsünde schuldig: Sinn zu infiltrieren, der nicht existent ist”, und noch die marxistoide Gebetsmühle vom Grundwiderspruch von Lohnarbeit und Kapital‘ beweist, daß Adornos Frage, ob es denn “Geschichtsphilosophie ohne latenten Idealismus” geben kann, strikt verneint werden muß.“ Joachim Bruhn – „Nichts gelernt und nichts vergessen“    ( http://www.ca-ira.net/isf/beitraege/bruhn-nichts.gelernt.html )
(4)Wie es in „Antideutscher Katechismus“ (ça ira) lautet: „Für den Knecht, also das Proletariat, war Marx, weil er ihm zutraute, die freie Assoziation zu bilden. Sind die Knechte Antisemiten, warum sollte ein vernünftiger Mensch ihnen die Stange halten? Ihre vom Verhalten des ‚Knechts’ unabhängige und also generelle Parteinahme für den Knecht ist selbst so schablonenhaft, wie sie es uns unterschieben.“      ( http://www.ca-ira.net/verlag/sonstiges/aak-antideutscher.katechismus.pdf )
(5) Benjamin, Walter: Gesammelte Schriften, Frankfurt a.M.: Suhrkamp. 1991, Band 1, S. 1232
(6)Moishe Postone – Nationalsozialismus und Antisemitismus ( http://www.copyriot.com/sinistra/reading/postone1.html )
(7)Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1969, S. 358
(8) Hierbei sei anzumerken, dass der Staat nicht erst aus der Shoa resultierte. Bereits seit einem halben Jahrhundert strebten ZionistInnen die Gründung eines jüdischen Staates an, mit der Shoa wurde einzig die Unausweichlichkeit seiner Gründung verdeutlicht.

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