Anarchismus: Chaos und Gewalt?

12/07/2011

Von Möppl

Im Gegensatz zur allgemein vorherrschenden Meinung der Bevölkerung ist Anarchismus, als der Begriff für Mord und Totschlag, nicht das, was er zu sein scheint. Dennoch, egal wo, egal wie, egal wann, mensch hört nichts anderes in den allgemeinen Medien als: „Anarchie ist ausgebrochen. Das und das Land versinkt im Chaos.“ Doch warum? Ist das eine saubere Reflektion des Begriffes?

Anarchist_innen lehnen jede Form von Herrschaft und damit auch von Führung ab, was nicht heißt, dass sie gegen eine Ordnung sind. Allerdings wird die Ordnung im Anarchismus über einen Konsens von unten nach oben verabredet. Ursprünglich kommt das Wort Anarchie aus dem Griechischen und bedeutet „Abwesenheit von Herrschaft“. Kurzum kann Mensch sagen: „Der Anarchist ist in erster Linie Sozialist, seine Ziele sind die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die Aufhebung des Staates und die Errichtung einer nicht repressiven Gesellschaft“ (Daniel Guérin).

In Hinblick darauf, dass Anarchismus voraussetzt, dass wir Mehrheitlich mündige Menschen sind, die kritisch mitdenken und sich an gesellschaftlichen Entscheidungen beteiligen können, gab es in der Vergangenheit viele Ansätze, den Menschen genau dieses Wissen zu vermitteln. Dabei vornan war Leo Tolstoi mit seiner Idee der Freien Schulen. Ziel war es mit Hilfe von Antipädagogik und libertärer Erziehung Kindern dieses Ideal beizubringen. Zwei Beispiele sind die Summerhill School, die 1921 in Leiston gegründet wurde, sowie auch die Escuela Moderna (1901) in Barcelona, deren Gründer Francisco Ferrer 1909 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

Im Laufe der Zeit entwickelten sich auch vielerlei unterschiedliche Strömungen des Anarchismus.

Der Individualanarchismus entstand im 19. Jahrhundert in Nordamerika. Als Begründer gilt Max Stirner. Der Individualanarchismus stellt die Emanzipation des Individuums an erste Stelle. Einschränkungen und Zwänge, die das Individuum beschränken sollen beseitigt werden. Voraussetzung ist hierbei, dass die Freiheiten anderer Individuen dabei nicht eingeschränkt werden. Staat und Monopolbildung werden abgelehnt, jedoch wird ein Freier Markt von den Individualanarchist_innen begrüßt.

Eine Weitere Strömung ist der Mutualistische Anarchismus. Pierre-Joseph Proudhon  erarbeitete seine Idee vom Sozialismus mutualistisch. Dabei geht es darum, dass gesellschaftliche Beziehungen nach dem Grundsatz freiwilliger Gegenseitigkeit, ohne Zwang und Hierarchien geregelt werden. Die Anhänger_innen dieser Strömung waren die Menschen der französischen Arbeiter_innen Bewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bei aller Fortschrittlichkeit neigte Proudhons Ansatz leider zu Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit.

Der kollektivistische Anarchismus ist das Gegenstück zum Individualanarchismus. Michail Bakunin formulierte diesen Ansatz, der unter den Slogans „Das Land denen, die es bebauen“ und „Jedem nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seiner Leistung“ stand. Diese Form konzentrierte sich vor allem darauf, die ungerechten Arbeits- und Entlohnungsverhältnisse zu verändern und zu kollektivieren. Dabei wurden verschiedenste Modelle erarbeitet: Dem Einheitslohn, Entlohnung mit Leistungsbescheinigungen oder komplett geldloser Bezahlung. Schwer kritisiert wurde das von kommunistischen Anarchist_innen, die befürchteten, dass diese Form den Kapitalismus langfristig wiederbeleben wird. Als Folge dessen entwickelte sich eine Streitigkeit zwischen Bakunin und Marx, die den Rauswurf der libertären Kommunisten aus der ersten Internationalen zufolge hatte. Diese Strömung fand besonders in Spanien Anklang und wurde in der Spanischen Revolution 1936 umgesetzt.

Peter Kropotkin entwickelte in seinem Buch „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1879) den kommunistischen Anarchismus. Der wissenschaftliche Aspekt basiert hierbei auf der Evolutionstheorie, lehnt aber einen Sozialdarwinismus als Begrifflichkeit kategorisch ab. Auch Kropotkin will den Staat abschaffen und dabei die Produktionsmittel kollektivieren und damit auch eine geldlose Güterverteilung möglich machen. Während der Spanischen Revolution 1936 sorgte die Verbreitung dieser Ideen für einen einmonatigen, geldlosen Warenaustausch in Barcelona und vielen weiteren Regionen im Land. Auch heute gibt es noch libertäre Kommunen, die versuchen sich weitesgehend selbst zu verwalten. Das heißt, alle Produktionsmittel selbst herzustellen und den Weltmarkt und finanziellen Austausch nach Möglichkeit zu meiden.

In den 70er Jahren entwickelte sich der Anarchafeminismus. Darin vereint wird der Radikalfeminismus mit der anarchistischen Idee. Es gab bereits Vorläufer dieser Idee. So hat beispielsweise Emma Goldman für weibliche Gleichberechtigung und Herrschaftsfreiheit gekämpft. So gab es auch im Spanischen Bürgerkrieg die „Mujeres Libres“ („Freie Frauen“), denen sich 20.000 Frauen angeschlossen haben, um für die Gleichberechtigung der Frauen, wie auch gegen den Franco-Faschismus zu kämpfen.

Ein brisantes Problem bis heute ist, dass sich Anarchistinnen und Anarchisten zwar einig darüber sind jede Form von Herrschaft abzuschaffen, aber gerade die Männer sich schwer damit tun auf ihre Privilegien zu verzichten und somit auch innerhalb der anarchistischen Bewegung für Gleichberechtigung zu sorgen. Daran krankt unter anderem auch diese Bewegung bis heute.

Wie viele andere Strömungen auch erlebte der Anarchosyndikalismus einen großen Aufschwung in der Spanischen Revolution. Dabei formierten sich Gruppen wie die CNT („Confederatión Nacional des Trabajo“) und die FAI („Federación Anarquista Ibérica“), die sich in einem Syndikat (Gewerkschaft) organisierten. Ziel war es mit einem Generalstreik und über Sabotageakte das kapitalistische System zu überwinden und das Leben danach neu zu organisieren. Symbol der Bewegung ist die Wildcat, eine kampflustig dreinschauende, schwarze Katze, die einen Buckel macht. Die anarchosyndikalistischen Gewerkschaften organisieren sich dezentral, autonom, selbstbestimmt und solidarisch. 1919 gründete sich die erste anarchosyndikalistische Gewerkschaft, genannt FAUD (Freie Arbeiter – Union Deutschlands). Heute, nachdem sie 1977 wieder gegründet wurde heißt sie FAU (Freie ArbeiterInnen Union).

Der gewaltfreie Anarchismus ist die letzte Strömung, die ich betrachten möchte. Statt auf Gewalt setzte er auf zivilen ungehorsam und direkte, gewaltfreie Aktionen, um die Herrschaftsverhältnisse zu überwinden. Erstmals formuliert wurde das Konzept im 16. Jahrhundert in der Schrift „Von der freiwilligen Knechtschaft“. Seitdem entwickelten sich immerwieder neue Formen und Schriften. Zu den bekanntesten Schriften gehört „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ (Henry David Thoreau 1849). Weitere bekannte Formen sind die Anti-Atombewegung und die Graswurzelrevolution.

Bis heute gibt es noch viele weitere Diskurse, wie die aus den USA stammenden Strömung des Postanarchismus. Jedoch wird er stark Kritisiert, als Modeerscheinung und seiner Missverständlichkeit. Es wird also deutlich, dass Anarchie nicht grundsätzlich Chaos und Gewalt bedeutet, sondern vielmehr verschiedenste Bewegungen vereint, die für Menschlichkeit und ein emanzipiertes Miteinander stehen.

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2 Antworten to “Anarchismus: Chaos und Gewalt?”

  1. sonora said

    da ich nur kurz überflogen hab, nur eine kleine bemerkung (später vlt. mehr):
    ein lob dafür, dass tolstoi erwähnt wird! allerdings schade, dass unterschlagen bleibt, dass sein weg hin zu libertären ideen über die religion ging, die so herzlich gern aus selbigem spektrum (nich unberechtigt) angegriffen wird (kurz und kackig dazu: „die gottespest“ von johann most). inspiriert wurde sein werdegang stark durch die bergpredigt.
    dies schlug sich auch nich unwesentlich auf sein konzept für „libertäre volksbildung“ (so der titel seines buches) nieder. pädagogik war sehr frei, allerdings blieb die vermittlung von religion bzw. glauben pflicht.

  2. provinzis said

    Danke für den Hinweis sonora 😉 Sollte ich nochmal etwas zu dem Thema schreiben, werd ich das Berücksichtigen und mich vlt etwas weiterführend Äußern 😉
    Es steht dir natürlich auch frei selber einen Text dazu zu schreiben und ihn uns zukommen zu lassen, damit wir ihn unter deinem Namen veröffentlichen können. Es wäre uns eine Ehre 😉

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