Nachtrag 8. Mai

22/05/2011

Von Roady

In weiten Teilen der Linken wird der 8. Mai als Tag der Befreiung wahrgenommen, wobei Befreiung im vorliegenden Kontext nur das (Wieder)Erlangen bestimmter Freiheiten bedeuten kann bzw. eine Entlastung darstellt. Dementsprechend ist dieser Tag in anderen europäischen Ländern (Frankreich, Slowakei, Tschechien) ein Feiertag, schließlich stellt er das unmittelbare Ende des Nationalsozialismus dar.

Wichtig hierbei ist allerdings, dass es sich immer um eine Befreiung von etwas handelt, egal ob es handelnde Personen oder sich selbst reproduzierende Zwänge sind. Im Falle des Nationalsozialismus waren die AkteurInnen die Mehrheit der Deutschen, die zum einen der NSDAP in den Wahlkabinen zur Regierungsübernahme verhalfen und andererseits die Pläne der NationalsozialistInnen nahezu widerstandslos verwirklichten. So steht für Raul Hilberg fest, das in Deutschland die Grenze zwischen TäterInnen und ZuschauerInnen verschwindend war (vgl „Täter, Opfer, Zuschauer“). Dementsprechend zielte der Militäreinsatz der Alliierten nicht nur auf die Zerschlagung des Nationalsozialismus ab, dieser war untrennbar von der militärischen Niederlage Deutschlands abhängig da es von deutscher Seite aus keinen ausreichenden Widerstand gab, die Mehrheit der Deutschen sogar am Traum des tausendjährigen Reiches festhielt. Somit gab es am 8. Mai 1945 für die Deutschen nichts zu feiern, sie waren schließlich die Verlierer des Krieges, den sie selbst begannen.

Stattdessen sahen die Deutschen sich selbst schon bald als Opfer des Krieges oder gar als erste Opfer des Nationalsozialismus. Die wahren Opfer des deutschen Großmachts- und Vernichtungswahns waren erst unwert zu leben und anschließend um ihnen zu gedenken. Dass hierbei die Spannungen im Ost-West Konflikt es erheblich leichter machten einen bundesdeutschen Verdrängungsdiskurs zu etablieren lässt sich nicht verschweigen, so konnte sich die DDR-Bevölkerung aufgrund der Staatsdoktrin des Antifaschismus an einem ruhigen Gewissen erfreuen während in der BRD Antikommunismus zum Leitbild wurde, dem Nationalsozialismus sei Dank war dieser schon erlernt.

Somit konnte sich in Deutschland kein positives Bewusstsein zum 8. Mai entwickeln, stattdessen drückt der durchschnittliche Deutsche wieder kräftig auf die Tränendrüse, 3sat schafft es gar am Tag der Befreiung die Opfer des Krieges in den Fokus zu rücken, bezeichnet wird dieses Programm dann sogar noch als Themenabend. Die Umdeutung der Deutschen zu Opfern des Krieges verwandelt sich somit zur Normalität und lässt jegliche kritische Distanz zur Geschichte vermissen. Dadurch wird zum einen der TäterInnenkreis auf eine kleine Zahl von ParteifunktionärInnen reduziert, die in ihrem Tun nichts mit dem deutschen Volk gemein hatten und in schweren Zeiten sogar seine Ängste ausnutzten, ähnliche Thesen wie man sie auch nach dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen hörte, andererseits wird der/die Deutsche von der eigenen Verantwortlichkeit befreit, zum Funktionsträger in einer Gesellschaft reduziert. Interessant war dieses Jahr das Zusammenfallen von Muttertag und dem Tag der Befreiung. Während das erste Ereignis in der Öffentlichkeit inszeniert wurde (nebenbei bemerkt ist es geradezu zynisch in einer patriarchalischen Gesellschaft solch einen Tag zu feiern, zudem ist dieser Tag kein Ausgleich dafür das Mütter sich den Verwertungsimperativen des Marktes UND der Reproduktion der Menschheit unterwerfen müssen), blieb der Tag der Befreiung ein kaum bemerkbares Ereignis. Da wo es entsprechende Veranstaltungen gab, konnte man sich vor bundesbürgerlichen Dummheiten kaum retten. So ist sich auch die Pirnaer SPD nicht zu blöd dafür, tief in der Kiste der Extremismustheorie zu wühlen. So wurde behauptet, dass für Ostdeutschland nicht von Befreiung gesprochen werden könne, da diese erst ein halbes Jahrhundert später verwirklicht wurde. Den Nationalsozialismus und die DDR gleichzusetzen verharmlost nicht nur die Verbrechen des 3. Reiches, es verhöhnt auch alle Opfer des Nationalsozialismus. Sicherlich war die DDR ein äußerst repressiver Staat, aber verglichen mit der Vernichtung von Millionen Unschuldiger war sie doch erträglicher als der Nationalsozialismus.

Für AntifaschistInnen bleibt es notwendig, diesen Tag zu feiern. Nicht, weil wir ihn der Öffentlichkeit ins Bewusstsein rufen möchten, dafür gibt es andere Möglichkeiten, sondern um den BefreierInnen zu danken, egal ob Streitkräfte der Alliierten, DeserteurInnen und all jenen die subversiv gegen das 3. Reich arbeiteten und um das Ende des Nationalsozialismus angemessen im Bewusstsein zu behalten. Zudem stellt der 8. Mai auch den Bruch mit dem deutschen Geist dar, wo die Masse über die Taten der Deutschen schweigt, benennen wir die TäterInnen offen, wirken dem neuen deutschen Selbstbewusstsein entgegen und klagen jene regressiven und menschenverachtenden Zustände und Denkstrukturen an, die noch immer Kontinuität besitzen.

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