Fest der Völker light – Am 28. Mai ist wieder Markt der Kulturen in Pirna

18/05/2011

Von Gumbel

Jedes Jahr wieder findet der Markt der Kulturen statt. Und jedes Jahr bleibt es das gleiche stupide Event. Es ist nur die eigene Selbstversicherung, wie toll Mensch in der Region mit den Themen Integration und Migration umgeht. Die Realität sieht aber anders aus. Verschwiegen wird das rassistische Gesellschaftsklima in Sachsen, vielmehr wird die Aktion Zivilcourage (AZ) als einer der wichtigsten Initiatoren des Events wieder über den grünen Klee gelobt. Allgemein fällt die AZ aus Pirna, besonders in jüngster Vergangenheit, eher als CDU-naher Verein auf. Alleine schon der Umstand, dass der Verein kein Problem mit der Extremismusklausel hat. Zudem ist Herr Ulbig, ehemaliger Oberbürgermeister von Pirna und heutiger sächsischer Innenminister, eine Art Schirmherr des Vereins und vom Markt der Kulturen. Das alles macht die Ausrichtung deutlich.

Kritikpunkte am Markt der Kulturen wurden schon früher formuliert, beispielsweise von der ehemaligen Pirnaer Antifa (PiA). Deren Hauptkritikpunkte haben bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren. Deshalb hier im Anschluss ihre Stellungnahme von vor einem Jahr:

Alle Jahre wieder findet in Pirna der Markt der Kulturen statt, wo verschiedene Vereine, Organisationen und Einzelpersonen das vielfältige kulturelle Leben der Welt aufzeigen oder gut integrierte Migrant_innen sich vorstellen. Beispiele hierfür wären der Auftritt der Tae-Kwon-Do – Gemeinschaft aus Pirna und Dresden oder auch die angebotenen Thai – Massagen, um einige Beispiele zu nennen.

Hierbei wird schon deutlich, was wir kritisieren, nämlich der exotische Charakter der ganzen Veranstaltung, denn der Alltagsrassismus wird damit kaum bis gar nicht bekämpft und es wird auch nicht auf die prekäre Lage von Migrant_innen eingegangen, wie beispielsweise die von Asylbewerber_innen (auch wenn es dazu einen Stand zumindest im letzten Jahr von Pro Asyl gab), denn schließlich geht der Markt der Kulturen nur einen Tag und der normale Deutsche erfreut sich der verschiedenen „Ausländer“, mit dem ruhigen Gewissen, dass diese am nächsten Tag wieder verschwunden sein werden. Letztendlich befriedigen die verschiedenen Kulturangebote nur die in der deutschen Gesellschaft vorhandenen Stereotype, wobei die in Deutschland lebenden Migrant_innen auf ihre „Kultur“ reduziert werden (Essgewohnheiten, Musik und ähnliches). Übrig bleiben dann nur die Wäsche- und Gemüse – „Fitschis“, zu denen der normale Deutsche tagtäglich einkaufen geht.
Somit verfehlt der Markt der Kulturen unserer Ansicht nach den eigentlichen Punkt, nämlich die tatsächliche Integration von Migrant_innen im Alltag und das nicht nur bei einem Stadtfest mit überregionalem Eventcharakter, denn damit werden negative Stereotype legitimiert.

Wir hingegen fordern, dass es mehrere Aktionstage gibt bzw. von den Organisator_innen eingeführt werden, damit nicht nur Klischees repräsentiert werden, sondern sich bspw. in Form von verschiedenen Workshops mit Rassismus, Migration und vielen weiteren dazugehörigen Themenbereichen auseinandergesetzt wird, um sich über den alltäglichen Rassismus und den daraus resultierenden kulturellen Problemen der Migrant_innen informieren zu können. Ziel eines solchen Events sollte es sein, alte Vorurteile abzubauen bzw. aufzubrechen, indem am Ende die Menschen Individuen sind und nicht als wandelnde Projektionsflächen missbraucht werden, wie dies beim Markt der Kulturen unserer Ansicht nach der Fall ist.

Was besonders aufstößt, sind die vorhandenen Parteistände, die dieses Jahr immerhin auf eine Seite verlegt wurden und nicht mehr zentral lagen. Das löst aber keineswegs das Problem mit den Parteiständen, die auch nur eine Selbstinszenierung und –beweihräucherung darstellt, was zum Teil verlogen ist bspw. das eine Bundes – CDU in den 1990er Jahren das Asylrecht mithilfe der SPD faktisch abgeschafft hatte. Von der Kritik sind aber alle Parteien eingeschlossen, die unserer Meinung bei so einer Veranstaltung nichts zu suchen haben, denn sie lassen den Markt der Kulturen zu einer Farce verkommen.

Besonders traurig war aber die Wahrnehmung unserer Transparentaktion an der Bühne, wo wir für Nazis gehalten worden sind. Es ist schon erschreckend, das die Leute, insbesondere die Polizei, anscheinend unfähig sind, eine Antifa – Fahne ohne Beschriftung zu deuten bzw. wie weit das Denken zumindest hinsichtlich der Symbole von rechts = links ausgegangen wird. Wir hatten uns an die Bühne begeben, als der Innenminister Ulbig (CDU) seine Rede hielt und unser Transparent entrollt, woraufhin Herr Ulbig wie die restlichen Personen auf der Bühne etwas verdutzt in unsere Richtung schauten und wohl die Aktion nicht wirklich deuten konnten. Nebenbei wurde noch probiert, Flyer zu verteilen, die aber nur sehr schlecht von den Passant_innen angenommen wurden. Die Polizei unterband die Aktion nach wenigen Minuten. Nach etwas längeren Verhandlungen mit Polizei und dem_der Organisator_in, inklusive Personalienkontrolle und dem Abfilmen des Transparents durch die Polizei, wurde uns aufgrund fehlendem Impressum auf den Flyern verboten, diese weiter zu verteilen, wir hätten aber weiterhin das Transparent halten können. Insgesamt verlief die Aktion eher schlecht als recht, was in dem Fall an unserer schlechten Vorbereitung lag.

Immerhin führte die Polizei dieses Jahr keine selektiven Kontrollen von Menschen durch, wie das letztes Jahr am Pirnaer Bahnhof der Fall war. Konkret ging es um eine Gruppe von Asylbewerber_innen, die einer umfangreichen Polizeikontrolle unterzogen wurden, bevor sie zum Markt der Kulturen gehen konnten. Warum werden, gerade am Tage eines Marktes der Kulturen, selektiv nichtdeutsche Menschen diskriminiert und schikaniert, während diese Maßnahmen bei Durchschnittsbürger_innen vermieden werden? Das stellt selbst ein Jahr danach für uns immer noch einen Skandal dar.

Alles in allem war der Markt der Kulturen das, was wir erwartet haben, nämlich deutsche und rassistische Normalkultur mit exotischer Deko, wo auf „Heile – Welt“ – Atmosphäre gemacht wird. Das auch Nazis anwesend waren, ist wie jedes Jahr schon Standard, denn die Toleranz der Organisator_innen ist hierbei anscheinend grenzenlos, alle Denkweisen, selbst wenn sie menschenfeindlich sind, zuzulassen. Dementsprechend dieser Logik könnte nächstes Jahr auch die NPD einen eigenen Stand bekommen, am besten mit dem Thema „Die kulturelle Vielfalt der Völker“.

Aber zurück zur ohnehin schon traurigen Realität, denn die vorhandene Kritik soll vor allem ein Denkanstoß sein, um das Zusammenleben von Menschen miteinander zu stärken, denn zu einem Markt der Kulturen mag zwar wieder Friede, Freude, Eierkuchen sein, aber schon einen Tag danach herrscht wieder der alltagsrassistische Normalzustand und das ist nicht hauptsächlich ein Naziproblem, sondern ein gesellschaftliches, was erst den Raum zur Reproduktion und Verbreitung dessen bietet. Die Nazis sind nur die Spitze des Eisbergs.

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Eine Antwort to “Fest der Völker light – Am 28. Mai ist wieder Markt der Kulturen in Pirna”

  1. […] Verweis auf einen vor fünf Jahren im Blog veröffentlichten Artikel.: https://stimmenausderprovinz.wordpress.com/2011/05/18/fest-der-volker-light-am-28-mai-ist-wieder-mar… [zuletzt aufgerufen am 30.05.2016] Die Kritik wurde die darauffolgenden Jahre immer […]

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