Pro Spaltung beim Fortschrittsglauben

10/05/2011

Von Gumbel

Die Atomkraft. Das Dauerthema seit Fukushima und das den Grünen exorbitante Umfrageergebnisse beschert. Dennoch ist die derzeitige Debatte in Deutschland nicht eine kritische Aufarbeitung der Nutzung von Atomkraft, geschweige denn des europäischen Fortschrittsbegriff, sondern es geht um ideologische Stimmungsmache. Dabei stehen sich Befürworter_innen und Gegner_innen der Atomkraft erstaunlich nah.

 

11. März 2011 15.41 Uhr Ortszeit in Japan. Der Beginn der Atomhavarie im Atomkraftwerk Fukushima, dass erst durch ein Erdbeben der Stärke 9,0 und einem daraus entstandenen Tsunami schwer beschädigt wurde.

Hierzulande führte das dazu, dass Geigerzähler und Jodtabletten innerhalb weniger Tagen komplett ausverkauft waren. Ansonsten begann auf dem Rücken der Japaner_innen, abgesehen von den kulturrassistischen Mitleidsbekundungen, eine erneute Debatte über die Atompolitik in Deutschland. Dazu haben Befürworter_innen und Gegner_innen ihre Lager mobilisiert. Um die Wogen etwas zu glätten bzw. einen Ausgleich für beide Seiten zu erzielen, wurde ein so genanntes Atommoratorium durch die Bundesregierung beschlossen. Innerhalb von 3 Monaten sollen alle Atomkraftwerke in Deutschland auf ihre Sicherheit überprüft werden und zugleich wurden die sieben ältesten Meiler runter gefahren. An der Nichtbeherrschung der Atomtechnologie, vor allem an der Nichtkenntnis der komplexen Vorgänge wird das allerdings nichts ändern und wohl auch nichts an den Sicherheitsstandards. Es ist vielmehr der hilflose Versuch nicht handlungsunfähig dazustehen.

Neben den klar wirtschaftlichen Interessen der vier großen Energieversorger ist es besonders der naive Fortschrittsglaube der sich mit dem bürgerlich-kapitalistischen Glücksversprechen verbindet: Alles wird durch technischen Fortschritt besser für alle und bringt Wohlstand für alle. Die letzten 100 Jahre haben uns da aber was anderes gezeigt. Diese Verbindung mit einer Zukunftsfixiertheit, die vorgaukelt, Zukunft aus der Gegenwart heraus bestimmen und leiten zu können, führt zwangsweise zu einer ideologieähnlichen Konstruktion, mit Welterklärungsinterpretationen letztendlich zu Ideologien. Und das gilt eben für beide Lager.

Als Erstes zu den Befürworter_innen der Atomkraft, allen voran die vier größten Atomstromproduzierenden Energiekonzerne E.on, Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk (RWE), Vattenfall und Energie Baden Württemberg (EnBW) in Deutschland. Mensch könnte wohl zu Recht verleitet sein, den energischen Widerstand der Atomlobby nur auf den wirtschaftlichen Rahmen zu beschränken. Zweifelsohne würde den vier großen Unternehmen ein nicht unerheblicher Gewinn verloren gehen, wenn die Atomkraftwerke vom Netz genommen werden. Die möglichen Verlustrechnungen gehen von 60 bis 100 Milliarden Euro für alle vier aus. Dabei geht es weniger um das Angebot für den deutschen Konsumenten, sondern vielmehr um die zu erfüllenden Verträge mit anderen europäischen Staaten, an die deutscher Strom exportiert wird. Darin liegen das Hauptgeschäft und vor allem die Marktstellung der vier Unternehmen. Letztendlich geht es um die Behauptung am Weltmarkt hinsichtlich von Stromerzeugung bzw. dürfte dieses Vorgehen im Blick auf das kapitalistische Verwertungssystem nicht verwundern. In anderen Ländern sieht es dahingehend auch nicht anders aus.

Das dabei Sicherheitsrisiken in Kauf genommen werden bzw. Sicherheitsstandards nicht selten unterlaufen wurden, ist dabei nur die halbe Geschichte. Das dies zweifelsohne passiert ist, ist richtig und kritikwürdig. Einher geht dies aber, mal abgesehen von den oft skandalisierten Vertuschungsversuchen, vor allem mit großen Investitionsmitteln in die Forschung von Atomkraft, um einerseits neue Möglichkeiten der Herstellung zu finden, eine höhere Sicherheit zu entwickeln und vor allem eine Vereinfachung der Abläufe zu erfinden, denn die jetzige Komplexität wird als Teil des Problems und der schlechten Sicherheitslage (an-)erkannt. Andererseits dient ist der Forschungsaufwand elementar, denn nur durch Innovation bleibt das jeweilige Unternehmen am Markt konkurrenzfähig. Anhand dessen zeigt sich der angesprochene Fortschrittsglaube, denn alles muss besser und am Besten noch mehr werden. Da bleiben gewisse Bereiche, eben die Sicherheit real gesehen, dann oft auf der Strecke bzw. werden der Produktivität geopfert. Es wird zukunftsmäßig gehofft, billigere und effektivere Sicherheitsmechanismen zu entwickeln, wobei der jetzige Stand oft außen vor gelassen wird. Das macht das Dilemma ersichtlich, denn wenn wirklich Unfälle passieren, diskreditiert dies die gesamte Atomforschung und es liegt im Interesse der Atomstromunternehmen, eine höhere Sicherheit zu gewährleisten, obwohl diese eben in der Vergangenheit nicht sicher gestellt wurde oder werden konnte.

Deutlich tritt hierbei der Fortschrittsglauben der Befürworter_innen an den Tag, denn neben wirtschaftlichen Gewinn wird einem gebetsmühlenartig immer wieder die Floskel von der „sauberen Energie“ vorgetragen und mögliche Probleme bzw. deren Lösung werden mit Verweis auf die Zukunft ausgelagert, eben gerade die Sicherheit von Reaktoren. Das Glücksversprechen im Spaltungsgewand.

Darin nehmen sie sich nicht viel mit den Gegner_innen der Atomkraft. Was wurde in den letzten Monaten nicht demonstriert und moralisiert (darin ist Deutschland sowieso alleiniger Spitzenreiter) und gegen die Atomkraft gewettert und dabei gleichzeitig die erneuerbaren Energien über den grünen Klee gelobt. Dabei fällt auf, dass es trotz dem allgemeinen Bekenntnis zu den erneuerbaren Energien zum Teil antiintellektuelle Ressentiments zum Vorschein kamen, zumindest hinsichtlich Technologie, die nicht in das Weltbild des umweltbewussten grünen Gutmenschen passt. Doch das nur am Rande, denn das wäre eine eigene Betrachtung wert.

Weil es jetzt gerade schon zweimal genannt worden ist und was wiederum den Fortschrittsglauben so deutlich werden lässt: Erneuerbare Energien. Diese werden einem als „das“ Allheilmittel und Ende aller Energieprobleme verkauft. Hierbei tritt besonders die Partei Bündnis 90/Die Grünen hervor. Was fehlt, ist eine kritische und tief greifende Auseinandersetzung mit den erneuerbaren Energien, denn ähnlich wie beim Atomstrom werden mögliche und tatsächliche Probleme mit Verweis ihrer Lösung in der Zukunft negiert oder als marginal beiseite geschoben. Das entscheidende ist aber hierbei, was so gut wie gar nicht thematisiert wird, dass es sich bei den erneuerbaren Energien genauso um einen Markt handelt und dementsprechend kapitalistische Verwertungslogik ansetzt, sozusagen das Gleiche bzw. der Kapitalismus in Grün. Dabei können sich Ökostromunternehmen hierzulande sogar freuen, denn nach mehreren Umfragen sind die Deutschen bereit, dafür mehr Geld zu bezahlen. Somit tritt die schon thematisierte Verknüpfung von Fortschrittsglauben mit dem bürgerlich-kapitalistischen Glücksversprechen ebenfalls bei den Gegner_innen der Atomkraft auf, denn ökologisches Handeln und Kapitalismus müssen sich nicht ausschließen und ergeben zudem das harmonische Bild des umweltbewussten und nachhaltig produzierenden (deutschen) Unternehmers in Abgrenzung zum bösen Raubtierkapitalismus amerikanischer Prägung.

Hiermit wird deutlich, wie nahe sich beide Lager ideologisch trotz ihrer Gegensätzlichkeit stehen und das beide nach dem gleichen Muster des allgemeinen kapitalistischen Systems fungieren. Dagegen muss weiterhin Stellung bezogen werden, denn die reine Ablehnung von Atomstrom ersetzt nun mal keine allgemeine Kritik des Fortschrittsbegriff und dem daran gekoppelten Glauben und ist noch weniger geeignet für eine emanzipative Perspektive hinsichtlich des Umgangs mit Technik und Fortschritt.

Deswegen: Das Problem ist nicht, wofür Mensch bezahlt, ob nun Öko- oder Atomstrom, sondern das Mensch dafür bezahlen muss. In diesem Sinne, Strom für alle und zwar umsonst!

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